Praxiswerkstatt

31 01 2019

Von außen war es ein ganz normales Bürogebäude. Der Fahrstuhl sah neu aus, die Böden in den Fluren waren mit graublauem Nadelfilz belegt, an den Wänden hingen die typischen Motivationsbilder mit Kalendersprüchen, die drittklassige Psychologen gerade noch für erträglich hielten. Ich klingelte an der Tür mit dem Schildchen Praxis für Theorien und wartete.

„Wissen Sie eigentlich“, schwafelte die Dame am Empfang, „dass die Merkel das Obst im Winter so teuer macht, damit es sich nur die Flüchtlinge leisten können?“ Sie blätterte aufgeregt in ihrem Tischkalender. „Sie haben ja gar keinen Termin“, moserte sie und blickte mich über den Rand ihrer Brille an. „Den habe ich selbst abgemacht“, ließ sich hinter mir die sonore Stimme von Doktor Schüller vernehmen. „Danke, Frau Bartholdy. Sie können schon mal die Bohnerwachs-Akte ziehen.“ Einen kleinen Augenblick später saßen wir in einem geräumigen Zimmer, umgeben von Schrankwänden und Wandschränken. Mehrere Telefone standen auf dem Arbeitstisch, den eine uralte Schreibmaschine krönte. „Man wird ja durch die Wasserleitungen abgehört“, erläuterte er, „und wenn die elektrischen Signale mit dem Magnetfeld der Erde kollidieren, kann man sie auf der anderen Halbkugel messen.“ Ich nickte. „Sie verzichten also auf Computer?“ Er lächelte. „Nur auf elektrische Schreibmaschinen.“

Ein großes Geflecht aus Linien erstreckte sich über die Wandtafel, die vor dem hinteren Fenster stand. „Das mit dem Obst…“ Schüller winkte ab. „Das hat sie vollkommen falsch verstanden, sie bringt nämlich manchmal etwas durcheinander. Das hat mit Merkel nichts zu tun.“ „Und der Rest?“ Er zeigte auf die Linien zwischen Agrarindustrie, CIA und Vatikan. „Sehen Sie selbst, das lässt sich nicht von der Hand weisen.“ In der Tat bot dieses wirre Netz aus verantwortlichen Instanzen und Mächten für so gut wie jede Verschwörungstheorie ein gutes Fundament: alles hing mit allem zusammen, und wenn nicht direkt, so konnte man über wenige Verbindungen von der Wall Street über die Ölmultis zum venezolanischen Tischlerhandwerk kommen, das ja bekanntlich von Israel finanziert wird. „Wir haben dieses Modell über Generationen entwickelt und verbessern es noch – einige mehrdimensionale Verflechtungen können Sie auf diesem Entwurf freilich nicht sehen – und können Ihnen für jedes beliebige Anliegen sofort eine Lösung liefern.“

„Ich hatte mir das irgendwie ganz anders vorgestellt“, bekannte ich; einen leichten Eindruck von schwerer Unzufriedenheit konnte ich dabei nicht verbergen. „Ach ja“, schmunzelte Schüller, „die meisten empfinden unsere Vorgehensweise als ein bisschen nüchtern, ja geschäftsmäßig. Aber ich kann Sie trösten, wir stehen zu unserer Sache und haben noch nie einen Kunden enttäuscht.“ „Wohl eher getäuscht“, gab ich zurück. Er zog ein wenig die Brauen hoch und legte die Stirn in Falten. „Wir liefern den Auftraggebern nur, was sie bestellen, und wir lassen keinen Wunsch offen.“ „Das ist es nicht“, antwortete ich. „Sie basteln hier aus allerlei Verquickungen und Verstrickungen Erklärungen für die Welt, und man hat doch in der Öffentlichkeit immer den Eindruck, dass solche Denkmuster sich langsam in der Bevölkerung entwickeln.“ Er lachte laut. „Volkserzählungen“, gluckste er, „Mythen und Geraune und Geheimnis – Unfug, Unfug! Das entsteht doch nicht alles von selbst. Denken Sie an Volkslieder, die werden von Dichtern gedichtet und von Komponisten komponiert – es kennt sie nur keiner mehr, ihre Namen verschwinden im Dunkel der Geschichte.“

Vor den Büchern standen Fotografien honoriger Herren in dunklen Anzügen. „Seit Generationen sind wir in diesem Gewerbe tätig“, bedeutete er mir und wies über seine Schulter. „Mein Großvater, er hatte gerade den Betrieb gegründet, da erfand er die Geschichte von der Reichsflugscheibe, ein großer Erfolg bis heute – viele unserer Stammkunden sind noch aus dieser Zeit. Und hier mein Vater und mein Onkel Alfred, die haben beide zusammen die Sage von der amerikanischen Mondlandung ersonnen. Ist ein Renner, von der Dividende können wir heute noch die Miete und die Gehälter bezahlen.“

Die Pläne für die kommenden Jahre sahen aus, als hätte ein Rüstungskonzern Kriegsgründe bestellt und die überstaatlichen Mächte beschuldigt. „Nicht ganz“, korrigierte Schüller. „Wir können Ihnen nicht alles verraten, nur so viel: diesmal war es nicht der militärisch-industrielle Komplex. Wir haben es mit einer Verdeckungsabsicht zu tun, die den Einsatz von Chemtrails und Beimischungen im Trinkwasser betreffen, von denen nur das völkisch gesinnte Personal der BRD GmbH an Krebs erkrankt.“ „Dann müsste ja jeder siebte bereits tot sein“, mutmaßte ich. Er schüttelte den Kopf. „Diese spezielle Art von Krebs kann von Ärzten nicht diagnostiziert werden, weil sie längst islamisiert sind und einen Kontrakt mit der Pharmaindustrie abgeschlossen haben, um in den nächsten Jahren die Deutschen durch Impfungen zu sterilisieren.“

Ich hatte genug gesehen; eine Preisliste, die mir Doktor Schüller bei der Verabschiedung in die Hand drücken wollte, ließ ich unauffällig hinter den Sessel gleiten. Das Telefon surrte leise, und Frau Bartholdy blickte mich strafend über den Rand ihrer Brille hinweg an, als ich nach meinem Mantel am Garderobenständer griff. Ich beugte mich über ihren Schreibtisch. „Schräg gegenüber gibt’s gerade preiswerte Äpfel“, flüsterte ich. „Die kriegen Sie aber nur, wenn Sie Ihren Reichsausweis vorzeigen.“ Ich ging, sie aber blieb stumm. Verständlich, wer soll so einen Blödsinn auch glauben.