Gruß aus der Küche

7 02 2019

Aufgeräumt hatte niemand, aber das war gar nicht das Problem. „Hinten in der Küche“ rief es. Das musste Cäcilie Schmidt sein, ich folgte der Stimme, stand alsbald in einem sehr unübersichtlichem Schlafzimmer mit vielen Kleiderständern und einer davon quasi verrammelten Balkontür, von wo aus man ins Wohnzimmer gelangte und schließlich, einmal im Kreis, in die Küche, wo es auf dem Boden schon lustig surrte.

„Er ist im Automatik-Modus“, erläuterte Cäcilie und zeigte auf den Staubsauger, der munter über die Fliesen rutschte. „Aua!“ Da hatte sich die munter flitzende Scheibe mal an einer Kante gestoßen und prallte in die andere Richtung ab. Ich verstand. „Robbie ist schon ganz gut gelungen“, meinte die Entwicklungsingenieurin, „und ich bin mir sicher, dass die Kunden ihn genau so haben wollen, wie er ist.“ „Meine Güte“, moserte der rotierende Roboter, „warum steht hier alles in der Gegend herum? Ich kann so nicht arbeiten!“ Unwillkürlich trat ich zwei Schritte zurück; doch genau in die Richtung hatte das Gerät auch gewollt und prallte mir an den Fuß. „’tschuldigung“, nuschelte Robbie. „Aber jetzt mal im Ernst, ich habe hinten keine Augen.“ Cäcilie fuhr sich nervös durch die Haare. „An den Manieren könnte man vielleicht noch etwas arbeiten, aber technisch ist er doch ganz gut, oder?“

Das Konzept hatte nicht zu viel versprochen, hier ging es um den Haushalt der Zukunft. „Ich sehe ja den Vorteil dieser Dinger“, gab ich zu. „In vielen Wohnungen unterhält man sich bereits mit diesen Sprachassistenten, die Fragen beantworten oder ungefragt überflüssiges Wissen ausspucken, aber welchen Nutzen soll den das hier haben?“ Die Forscherin lächelte. „Sie leben doch alleine, nicht wahr?“ „Was auch immer Sie mit Ihrer Frage bezwecken wollen, ich habe nicht vor, das zu ändern.“ Noch immer lächelte Cäcilie. „Dann haben Sie sicher nicht so viel soziale Interaktionen, wie Sie haben könnten, und da helfen Ihnen unsere…“

„Das dreckige Geschirr steht jetzt auch schon eine Viertelstunde hier“, ließ sich der Herd hören. Sie zuckte zusammen und drehte sich um. „Das ist doch abgewaschen“, stotterte Cäcilie, „ich habe es gerade erst aus dem…“ „Abgewaschen!?“ Tatsächlich befanden sich an zwei Tellern noch Saucenreste und an einer Auflaufform erkleckliche Mengen von eingebranntem Käse. „Diese Sauerei kann man doch nicht in den Schrank packen, da sieht man mal, was passiert, wenn man so einen schwachbrüstigen Apparat in einer Luxusküche verbaut!“ „Dünnes Eis.“ Ich hatte noch nie einen Geschirrspüler mit einer derart messerscharfen Stimme zischen hören, genauer gesagt hatte ich noch nie gehört, dass ein Geschirrspüler überhaupt etwas sagt, schon gar nicht zu einem Herd mit Umluftbackofen, aber was die Stimme anging, nein, das war neu für mich. „Dünnes Eis, Kollege. Ganz dünnes Eis.“ „Wenn man den Klarspüler auch gleich im ersten Waschgang raushaut, ist das ja kein Wunder.“ „Dünnes Eis!“ „Jaaahaha, da machen wir wieder auf dicke Hose, wie? Kein ordentliches Energiesparprogramm, das einzige, woran diese Mühle spart, ist der Wasserdruck.“ „Ganz dünnes Eis!“ Eins wurde mir klar, langweilig würde es in dieser Umgebung so schnell nicht werden.

„Alter, wie das hier wieder aussieht!“ Hektisch suchte Cäcilie nach dem Schalter. „Ich muss die Dunstabzugshaube angelassen haben“, stöhnte sie. „Das lässt sich nicht leugnen“, höhnte der Herd, worauf sich der Sauger zu Wort meldete. „Mit mir kann man’s ja machen“, mäkelte er. „Ich putz hier ja bloß, wenn Ihr alles runterfallen lasst. Vorsicht, ich – aua!“ Schon wieder war er mir gegen den Fuß gefahren, und langsam fuhr er aus der Haut. „Ich mach das hier nicht zum Spaß, Freunde – ich meine, wenn ich keinen Bock mehr habe, dann lasse ich es eben einfach mal bleiben. Dann könnt Ihr Euren Dreck halt mal alleine…“ „Du alleine“, plapperte der Mülleimer dazwischen und blinkte grämlich mit seinen Sensorlampen. „Wenn ich das schon höre, wer kriegt den hier den ganzen Kram ab, hm? wer denn!?“ „Halt doch die Klappe“, schrie Robbie. „Ich sauge hier den ganzen Tag, hört Ihr? den ganzen Tag sauge ich hier!“ „Nein“, befand ich, „langweilig wird es wirklich nicht, aber ich habe so meine Zweifel, ob ich das den ganzen Tag lang aushalten würde.“ „Man kann sie natürlich auch ausschalten“, beeilte sich Cäcilie, worauf der Herd bösartig kicherte. „Man kann“, stichelte er, „immer vorausgesetzt, man kann auch das Programm bedienen und muss nicht jedes Mal neu in der Bedienungsanleitung nachschlagen, wie man ins Menü gelangt, meine Guteste.“

Der Mülleimer hatte eine längere Diskussion mit dem Staubsauger begonnen, die ich mir nicht mehr anhören wollte. Wozu auch, in meiner kleinen Küche war ohnehin kein Platz für diese Dinger, und spontan fiel mir auch niemand ein, den ich mit solchen technischen Spielereien ärgern hätte ärgern können; zumindest hatte niemand das verdient. „Sie können gerne noch einmal wiederkommen“, bot Cäcilie mir an, „bis dahin weiß ich auch, wie man den Herd hochfährt.“ „Danke“, gab ich zurück, „besser nicht. Ich bin zwar davon überzeugt, dass Sie ganz hervorragend kochen, aber ich weiß nicht, was Ihre Küche dazu sagt. Machen Sie sich keine Umstände, ich finde schon heraus.“ Diesmal nahm ich den direkten Weg, wäre dabei fast über einen Karton gestolpert, der im Weg lag, und erreichte schließlich die Haustür. Nein, aufgeräumt hatte hier niemand. Warum auch.

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