Gernulf Olzheimer kommentiert (CDL): Das große Ausräumen

8 02 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Sache war ja anfangs relativ überschaubar. Ugas Winterfell lüftete vor der Höhle aus, bis die Flöhe sich aus dem Staub gemacht hatten, und lag dann bis zum ersten Kälteeinbruch im Spätsommer auf dem Stapel mit den anderen Klamotten der Sippe. Die zerriebenen Samen, aus denen die Frau alle Tage die allseits beliebten Graskrustis buk, bewahrte man in einem Blatt vom Buntbeerenbaum auf, einmal wöchentlich frisch gepflückt, und für das Wasser hatten die meisten eine aus Tierhaut gefertigte Flasche. Das magische Amulett mit dem Keilerzahn trug der Jäger stets bei sich, da es im Falle des betriebsbedingten Ablebens eine wichtige Rolle beim Eintritt in die jenseitige Welt spielen sollte. Es gab keinen Schuhschrank und keine Küchenschublade. Der Neubezug der Wohneinheit nach unvorhergesehenem Blitzkrieg durch andere Stämme war in zwei Minuten erledigt, Durchfegen inklusive. Erst die Nachgeborenen schaffen sich so viel an, dass sie immer und immer wieder das große Ausräumen brauchen.

Oder zumindest glauben sie daran, wie man die Story vom Talisman glaubt: hilft nichts, aber wenn es nicht mehr schaden kann als vorgesehen, ist das ja auch schon schön. Und fortan dauert es nur ein paar Jahre, bis nach glimpflich verlaufener Ruhezeit wieder irgendeine medial multiplizierte Fresse aus allen Mainstreammedien plärrt, moderne Menschen müssten nun aber wirklich die Behausung komplett entkernen und alles bis auf die tragenden Wände in die Tonne treten. Wer zwei Paar Schuhe derselben Größe besitzt, wird schon als Messie verdächtigt, Kinderzeichnungen aufzubewahren grenzt für die Zwangstherapeuten bereits an therapieresistenten Dachschaden, und hey: Kitsch mit Ironiefaktor ist nicht massenkompatibel. Und es geht doch um die Masse, sonst müsste es die Industrie nicht mit derlei Verve immer und immer wieder veranstalten.

Jeder weiß doch, bereits Kinder sind mit dem Sortieren von Spielzeug nach Farbe überfordert, ab fünf Nagellackfarben (nota bene, es gibt drölfzig Schrilliarden Schwarztöne) kann die Verbraucherin nichts mehr auseinanderhalten, und welcher echte Mann würde den bei der Armee im Schlammkampf errungenen Kapselheber emotionslos für die niedermolekulare Wiederverwertung freigeben? Wie in den üblichen Grenzwertsituationen, wenn der Bauer seine Schwiegertochter sieht oder Frauen tauscht, braucht die Story einen Dummbatz, der sich im Bewegtbild maximal blamiert, mit Anlauf und Ansagen, denn sonst hätte die Sendung zum Buch zum Trend nicht genug Sozialporno und Fremdscham zu bieten.

Das Konzept beruht auf der klassischen Materialbulimie: wer am meisten rauskotzt, hat gewonnen. So dann auch beim Räumkommando, das sich programmgemäß zuerst auf gleichartiges Zeugs konzentriert. Alles gehört auf einen Haufen, der von der Größe schon bei zehn Oberhemden mittelschwere Schweißausbrüche auslöst. Was nicht spontan beim Anblick beglückt, wird sofort aussortiert – besteht die Freude jedoch in einer ideell aufgeladenen Objektbeziehung, so ist die Containerkommandeuse argumentativ in der Ecke gelandet und langt zum Nothebel. Sie hievt das Ding trotzdem und nun erst recht in den Orkus. Es muss ja nicht immer Logik sein. Das Ergebnis ist eine der Herrschaftsästhetik entsprechende Bude mit natürlichem Nachhall, ohne Eigenschaften und mit viel Stauraum, um sie alsbald neu mit allerlei Konsumschrott vollzuschwiemeln, wie es der kapitalistische Warenfetischismus schon im letzten Durchgang verordnet hat – ein ewig neuer Kreislauf aus Besitz und Vernichtung, der die Wirtschaft in Schwung hält, dem Opfer die Krankheit zum Tode als ideologische Rosskur verscheuert und ihn mit Gebrüll vor dem Reflektieren seiner Situation rettet: er ist ein Getriebener seiner Ignoranz, indem er sich dem Stumpfsinn einer immer neu kostümierten Heilslehre unterwirft und sich verbiegt, um ohne jede Art von Rückgrat für die Erfüllung fremder Ziele zu vegetieren.

In der Endstufe ist der Bekloppte wieder in der Urgesellschaft angekommen. In geradezu heiligem Minimalismus erfährt er die Freuden, dem Nichts auch körperlich nahe zu sein, bar jeder Erinnerung, ohne Brotkasten, Wasserbett und Zahnbürste, jäh reduziert auf das bisschen Ich, das ihm die weltanschauliche Gehirnprothese noch lässt. Allein die meisten Subjekte dieser Geschichte besitzen da herzlich wenig Wesenskern, da sie sich durch den sie umreisenden Besitz definieren. Und schon ist die Spirale wieder in Bewegung gesetzt und der Gang zum Dealer die nächste vorhersagbare Handlung, teils aus Neigung, teils aus existenzieller Notwendigkeit. Kauf ein und räum raus. Warum auch immer die mit brachialer Gewalt gesäuberte Wohnzelle als Statussymbol und Garant für den chemisch gereinigten Geist gelten soll, keiner weiß es. Es gibt Sekten, die den Brägen blitzdingsen, bevor sie ihn neu mit Schmodder zuschaufeln. Ob auch sie Häufchen aus Unterhosen, Kuchengabeln und Teelichten aufschichten? Es gibt zu wenig Überlebende, um das zu bezeugen. Vielleicht liegen sie irgendwo im Klamottenstapel der Geschichte, haben als Sediment ihrer Zeit zu wenig überzeugt und wurden einfach rausgeschmissen. Und es gab für sie nicht mal Bares. Traurig. Aber überschaubar.

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