Kernkräftchen

19 02 2019

„Wenn Sie hier noch einmal dies gottverdammte Geseier von den hart arbeitenden Menschen hoch kotzen, dann spucken Sie Blut, klar!?“ „Jetzt seien Sie doch nicht gleich so aggressiv, man kann doch über alles…“ „Nein, kann man nicht. Vor allem nicht dann, wenn in diesem Scheißladen eh über alles immer nur geredet wird.“

„Meinen Sie nicht, dass wir uns endlich mal ein Ziel setzen sollten, mit dem wir unseren Weg zurück in die Regierungsverantwortung auch thematisch begleiten können?“ „Und woran hatten Sie da so gedacht? Steuersenkungen für Reiche? Mehr Bestandsschutz für Vermieter?“ „Sie sehen das viel zu negativ, die SPD ist schließlich eine Arbeiterpartei.“ „Ich hatte mich klar ausgedrückt: keine Worthülsen mehr.“ „Wir meinen das ernst!“ „Seit wann denn das?“ „Schon immer, aber jetzt erst recht. Schließlich geht es uns doch darum, auch langfristig wieder unser Profil zu schärfen.“

„Und was haben Sie sich jetzt ausgedacht?“ „Wir wollen zunächst einmal Hartz IV hinter uns lassen.“ „Also nicht abschaffen, Sie lassen es nur hinter sich.“ „Aber in einem durchaus politischen Sinn, wir möchten uns ja dafür entschuldigen.“ „Sie meinen, für die Folgen.“ „Auch dafür.“ „Und deshalb haken Sie es ab, statt es aufzuarbeiten.“ „Das kann man so nicht sagen. Wir wollen zunächst ein Bürgergeld einführen.“ „Statt Hartz IV?“ „Die Höhe ist ja nicht der Streitpunkt, aber hören Sie mal: Bürgergeld.“ „Und?“ „Bürgergeld, das klingt doch gleich viel besser. Wenn Sie Bürgergeld vom Staat kassieren, dann erfahren Sie doch schon mal eine gewisse Wertschätzung, weil Sie als Bürger wahrgenommen werden.“ „Statt wie bisher als Haustier, wollten Sie sagen?“ „Jetzt seien Sie doch nicht immer so negativ, was haben Sie denn?“ „Das alles schon erlebt. Genau denselben Mist hat sich von der Leyen schon ausgedacht, als sie noch keine Waffen brauchte, um das Land in die Scheiße zu reiten.“ „Wir wollen diese Bürger doch in die Mitte zurückholen. In die bürgerliche Mitte, wenn Sie so wollen.“ „Sie meinen, Sie wollen die SPD da zementieren.“ „Hier werden nun mal Wahlen gewonnen.“ „Dann verstehe ich auch, warum alle anderen Parteien denselben Anspruch haben. Da kann ja mit dem Profil nichts mehr schief gehen.“

„Außerdem brauchen wir wieder den Kontakt zu unserer Kernklientel.“ „Werden Sie von denen nicht längst verprügelt, wenn Sie Wahlstände in deren Straßen aufbauen wollen?“ „Bei der Mitte der Bürger?“ „Ich meinte eher die Arbeiter.“ „Guter Mann, die gibt es doch gar nicht mehr.“ „Haben Sie noch nie einen Arbeiter gesehen?“ „Schauen Sie, was Sie meinen, sind Facharbeiter, aber die sind für uns längst die arbeitende Mitte.“ „Sagt wer?“ „Naja, die Partei halt.“ „Nahles.“ „Das ist doch dasselbe.“ „Für Nahles vielleicht, aber haben Sie schon mal die Partei gefragt?“ „Sie kennen doch die Antwort.“ „Stimmt. Die Partei, die Partei, die hat immer recht.“ „Sie enttäuschen mich aber.“ „Ach, nicht solche Schmeichelei – das können Sie doch viel besser.“

„Aber wir müssen jetzt auf die tüchtige Mitte setzen, die uns eine…“ „Auf wen, bitte!?“ „Das ist doch die Kernklientel, die uns wieder stärken wird, wenn wir als Regierungspartei eine…“ „Welche Kernklientel denn?“ „Die entfalten dann eine Kraft, mit der die SPD sich…“ „Eine Kernkraft, meinen Sie? wohl eher ein Kernkräftchen.“ „Jetzt lassen Sie doch endlich mal diese Wortklauberei, so kommen wir nicht voran.“ „Was Sie da als tüchtige Mitte bezeichnen, bezeichnen andere als Leistungsträger.“ „Wir sind ja auch eine liberale Partei.“ „Abgesehen davon, dass dieser Scheißbegriff schon physikalisch zum Kerninventar lernbehinderter Vollversager gehört, wen meinen Sie denn bitte damit?“ „Wir wollen doch wieder für die da sein, die sich dann mit uns solidarisch und…“ „Also alles oberhalb des faulen Prekariats, das die SPD dann mit dem ganzen Hartz-Müll hinter sich lassen kann.“ „Das haben jetzt Sie gesagt.“ „Sie trauen sich ja nicht.“ „Wir können doch hier keine volkswirtschaftlichen Nebenkriegsschauplätze aufmachen.“ „Also bleibt es ein Hauptkriegsschauplatz bei der SPD.“ „Die Produktivität der tüchtigen Bevölkerung ist doch für uns auch ein Maß, wie gut es uns geht.“ „Uns? Also Ihnen, im Vergleich zu Ihren Werktätigen.“ „Wir müssen uns doch auch von der Oberschicht absetzen.“ „Als tüchtige Mitte?“ „Das ist die Mitte, die arbeitet und Steuern zahlt und…“ „Verstehe, und damit Ihre Profilierung funktioniert, zahlen die oben dann einfach weiter keine Steuern.“ „Das ist dann ja auch ein Zeichen von Tüchtigkeit.“ „Wenn man keine Steuern mehr bezahlt?“ „Nein, wenn man sie zahlt.“ „Und was ist mit denen, die so wenig verdienen, dass sie gar nicht erst in die Verlegenheit kommen, Steuern zu zahlen?“ „Für die gibt es ja dann Bürgergeld.“ „Was bislang noch als Hartz IV zur Aufstockung benutzt wird.“ „Ja, aber das wollen wir hinter uns lassen.“ „Weil es sich volkswirtschaftlich nicht rechnet.“ „Doch, aber es ist auf Dauer unsolidarisch. Wenn jetzt jemand schon seit langen Jahren…“ „Ach, die Leier. Lassen Sie es, ich habe genug gehört.“ „Aber…“ „Damit haben Sie mich endgültig verloren. Nie wieder die SPD, das können Sie mir glauben.“ „Was machen wir denn bloß falsch?“ „Das müssen Sie mir doch sagen können, die Partei hat immer recht.“ „Denken Sie mal darüber nach.“ „Ich weiß es wirklich nicht, vielleicht hat Nahles…“ „Dicht dran. Ganz dicht.“ „Was?“ „Daran hat sie hart gearbeitet.“

Werbeanzeigen

Aktionen

Information

2 responses

19 02 2019
Lo

Über diese Worthülse der hart arbeitenden Menschen zuckte ich in den vergangenen Tagen mehrfach. Eine noch billigere, durchschaubare Anbiederung war wohl nicht aufzutreiben, trotz harter Arbeit im dunklen Phrasenlager.

19 02 2019
bee

Wie dankbar ich für diese Bemerkung bin! Es ist ein billiger Anglizismus wie „Sinn machen“, weil Schwerarbeit für die Ex-Malocherpartei zu sehr nach Schweiß und Schmieröl stinkt – sie aber wollen weiße Kragen, teilpromovierte Juristen auf dem dritten Bildungsweg, arrivierte Arschlöcher in Ledersesseln. Gleichzeitig wissen sie, dass sie mit den prekär Beschäftigten und mit den unterbezahlten Hochleistern in Pflege und Erziehung eine Klientel verprellt haben, die sie nie wieder überzeugen werden, und so diffamieren sie sie noch jetzt, weil man einem Krankenpfleger oder einer Sozialarbeiterin nie abnimmt, wie Rudi Schulte für die Sache des Proletariats gekämpft zu haben. Sie werden untergehen, mir fällt nur keiner ein, den es störte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.