Null Null Schneider

27 02 2019

„Und hier könnte man die Scheinwerfer aufbauen, nicht wahr?“ Hansi verzog schon die Stirn, und das, obwohl er ohnehin nur für den Service zuständig war. „Wir machen da noch mal etwas mit dem Licht, und dann können wir eigentlich in zwei Stunden schon starten, okay?“

Bruno, von Freund und Feind stets Fürst Bückler genannt, wie er Gans in Gelee und Schwarzsauer auftischte, ließ sich vorsichtshalber gar nicht erst in der Küche blicken; der große Gastronom und Chef des legendären Landgasthofs betrachtete aufmerksam die sorgfältig geschrubbten Fugen im hübsch gepflasterten Innenhof, wo sonst Tischchen standen und Sonnenschirme, doch ein fehlender Kredit hatte dies Restaurant im Sommer straucheln lassen. Natürlich mussten wir etwas unternehmen für den Inhaber.

„Wir hatten es schon fast geschafft“, knurrte Tim. „Und dann haben sie auf eine Einflüsterung gehört, dass wir nach zwei Jahren sowieso bankrott wären, weil uns keiner mehr Sicherheiten gibt.“ Hansi schaute sich im geräumigen Gastzimmer um, wo mittelalterliches Gebälk über feinstem Damast und Kristallglas sich spannte. „Nicht übel“, murmelte der jüngere Bückler, „und die Karte ist wirklich exquisit.“ Brunos Brust wölbte sich, wenn auch nur ein ganz kleines bisschen. „Er hat ja bei den Besten gelernt.“ Fast hätte sich sein Bruder verschluckt, aber auch nur fast. Tim Pfannenstiel, kurz vor der Pleite trotz begeisterter Stammgäste, wusste sich keinen Rat, und einmal mehr sollte Rokko Schneider zum Einsatz kommen, erfolglos als Koch, aber bekannt auf den Fernsehsehschirmen der Nation. „Das Team rollt gerade an“, informierte der Assistent uns. Jetzt also sollte es losgehen.

„Das Konzept ist ganz einfach“, erklärte die Aufnahmeleiterin. „Wir finden ein Restaurant, das sich in finanzieller Schieflage befindet, einen total überforderten Koch, der mit seiner Karte nicht zurechtkommt, dann wird Rokko den Laden total umkrempeln und dann läuft es wieder.“ Tim runzelte die Stirn. „Was genau heißt: umkrempeln?“ Sie zierte sich ein bisschen. „Kann durchaus sein, dass das hier hinterher eine der besten Frittenbuden der Region ist, weil die Gäste mit diesem modernen Schickikram nicht zurechtkommen.“ Brunos dünne Schnurrbartspitzen, die an den Enden in die Höhe gezwirbelt waren, begannen leicht zu zittern; noch hatte er sich nicht krebsartig rot verfärbt, aber lange würde es nicht mehr dauern. „Frittenbude“, zischte er. „Wenn ich das schon höre.“ Sie hatte es offenbar gehört. „Es ist ja nur für den Übergang“, tröstete sie beide, „wenn Rokko weg ist, können Sie ja Ihren üblichen Kram wieder anbieten.“

Noch ließ der Meister sich nicht blicken, aber die Mannschaft fiel schon in den Gasthof ein. Behutsam deckten sie die Tische ab, leise klirrten die Gläser, während die andere Hälfte Kisten und Kästen in die Küche schleppte. „Sie werden doch hier keine Grillstation einrichten?“ Hansi wollte einen Blick in die Gerätschaften werfen, doch es kam nicht dazu. Er wurde mitsamt des anderen Personals aus der Küche gedrängt.

„Sie haben karierte Tischdecken aufgelegt“, bemerkte ich beim Blick in den Gastraum. Bruno ging einen Schritt hinein. „Nicht nur das“, keuchte er, „das kann doch nicht…“ Sie hatten fleckige, rot karierte Tischdecken aufgelegt, kunstvoll mit Sauce und Rotwein gesprenkeltes Tuch, gut angetrocknet und sicher seit langem nicht gewaschen. Der junge Pfannenstiel tobte. „Nehmen Sie das sofort weg!“ „Aber das gehört doch dazu“, wunderte sich die Leiterin, „das ist unser Konzept.“ Mir schwante Schlimmeres, der Lärm auf der Kellertreppe verriet mir, dass ich mich nicht geirrt hatte.

„Die Hühnerbeine bitte ganz nach hinten“, krächzte es aus der Ecke, wo eine Räumkraft auf Styroporkisten hockte. Daneben krümelte ein Mann Fischstäbchen auf den Boden und verteilte das Zeug mit Hilfe eines Handfegers. Besagtes Geflügel war bereits mumifiziert und schimmerte grün, was selbst in der Beleuchtung das Kühlraums gruselig wirkte. „Wir holen noch eben das schimmelige Obst, und dann könnt Ihr den Ventilator verdrecken, okay?“ „Alles total klasse“, beruhigte die Leiterin in der Tür, „wenn der Typ vom Gesundheitsamt kommt, macht er garantiert die Bude dicht.“ Bruno packte sie am Schlafittchen. „Und dann“, schrie er, „haben Sie sich das schon mal überlegt?“ Sie entwand sich nur mit Mühe. „Dann machen Sie es eben wieder sauber, das gibt total tolle Takes!“

Auch oben in der Küche waren sie zugange. „Sie haben die Herdflammen mit verdreckter Folie ausgelegt“, jammerte Hansi, „und jetzt sprenkeln sie das Geschirr mit Spinat und Senf.“ „Ah, es läuft.“ Der Meister drückte dem verdutzten Tim seinen Mantel in die Hand und stolzierte durch die Küche. „Widerlich“, frohlockte er, „wir können anfangen!“ Da platzte Bruno der Kragen. Wie durch Zufall hatte er plötzlich eine Pfanne in der Hand; schweres Gusseisen für gute Bratkartoffeln und große Beulen. „Du putzt jetzt den ganzen Mist hier weg, oder Du stehst morgen auf meiner Karte!“ „Das Licht ist total gut“, befand ich. Wie praktisch, dass Hansi immer eine Fotoausrüstung dabei hatte, und so begann die Arbeit. „Die Doppelnull auf dem Küchenboden“, überlegte Tim, „wäre das nicht ein passender Titel?“ „Auf jeden Fall“, pflichtete ich bei. „Und wenn wir die Bilder heute Abend noch loswerden, macht der Mann auch die perfekte Reklame fürs Restaurant.“ Die Aufnahmeleiterin wimmerte leise. Hansi klopfte ihr auf die Schulter. „Gutes Konzept“, sagte er anerkennend. „Total gut.“

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