Gewachsene Völkerfreundschaft

14 03 2019

„Na, jetzt wollen wir das mal nicht dramatischer sehen, als es ist. Natürlich gibt es in der Pflege viel Schwarzarbeit. Aber die gibt es im Handwerk auch, und Steuern werden auch ständig hinterzogen von Großkonzernen und Milliardären. Und, sind wir alle schon gestorben deswegen?

Auf der anderen Seite ist es doch ein schönes Zeichen von Solidarität, wenn man Pflege zum kleinen Preis bekommt, oder? In einer Gesellschaft, in der alle nur noch ans Geld denken, können wir uns doch glücklich schätzen, wenn solche Bereiche vom Gewinnstreben verschont bleiben, nicht wahr? Sehen Sie, man muss das Positive im Leben entdecken, dann können wir uns auch entwickeln und diese Gesellschaft positiv beeinflussen. Das ist doch großartig, dass wir alle zusammen diese Möglichkeit finden können, meinen Sie nicht auch?

Wir müssen alle mehr miteinander machen, da haben Sie ganz recht. Vor allem mehr mit diesen polnischen Pflegekräften. Die können ja zu einem Preis arbeiten, dafür kriegen Sie keine deutsche Hilfskraft, von den Fachkräften ganz zu schweigen. Das ist aber andererseits auch gut für den Markt, denn Sie wissen ja, Konkurrenz belebt das Geschäft und die Preise bleiben annehmbar. Man muss nur aufpassen, dass die sich nicht gegenseitig die Arbeit wegnehmen, aber da können wir Deutschen ja ein wachsames Auge drauf haben, nicht wahr? Die unsichtbare Hand, so funktioniert unsere soziale Marktwirtschaft. Damit haben wir doch noch alles geregelt bekommen, was?

Als Arbeitgeber haben Sie da natürlich auch Rechte, das ist ja klar. Stellen Sie sich mal vor, jetzt kommen die ganzen Türken auf den Markt, das war bei den Gastarbeitern damals ähnlich, und nehmen den Polen die Jobs weg. Damit der Arbeitsmarkt funktionsfähig bleibt, braucht er auch Lenkung, und da ist es gut, wenn Sie das direkt mit übernehmen. Sie haben das Angebot, da können Sie die Nachfrage auch direkt regeln. Das dient letztlich auch der Qualitätskontrolle. Außerdem leben ja viele Ausländer schon so lange in Deutschland, die gehen ja fast automatisch zum Arbeitsamt, wenn sie einen Job haben, und melden sich da ab. Das kann man natürlich als sozial verantwortlich handelnder Arbeitgeber nicht unterstützen, das werden Sie doch sicher verstehen.

Außerdem wissen wir doch die Arbeit unserer polnischen Freunde zu schätzen. Die sind ehrlich und treu, die klauen nicht, höchstens Autos, aber Sie werden ja ihres vorher verkaufen, sonst können Sie sich ordentliche Pflege sowieso nicht leisten. Vom Schonvermögen müssen wir erst gar nicht reden, nicht wahr? Also finanziell ist das eine prima Sache. Und wenn Sie jetzt auch noch so eine gut qualifizierte Kraft bekommen, die ist vielleicht im früheren Leben Lehrerin gewesen oder Ärztin, das ist eine Win-Win-Situation. Auf dem deutschen Arbeitsmarkt nützt uns die polnische Lehrerin ja nicht, da können wir sie auch für wichtigere Aufgaben benutzen, nicht wahr?

Natürlich muss man auch gemeinsam dafür Sorge tragen, dass diese Situation nicht plötzlich kippt. Stellen Sie sich mal vor, der Zoll kontrolliert jetzt flächendeckend die Haushalte und spürt die polnischen Hilfskräfte auf. Das wäre in der Tat katastrophal. Stellen Sie sich mal vor, was das für diese gewachsene Völkerfreundschaft bedeuten würde. Wir deutschen würden doch sofort wieder als Nazis dastehen, als die bösen Bürokraten, die sich nicht für den Menschen interessieren, sondern nur für seine Papiere. Kein Wunder, wenn dann alle wieder auf die EU schimpfen, die die Menschen mit Verwaltungskram überzieht und Jobs verhindert.

Außerdem sorgt das ja auch für ein gutes Verhältnis zur Nachbarschaft, nicht nur unter den Völkern. Wenn Sie hier mal eine gute Pflegekraft aus Polen haben, das spricht sich doch herum, gerade in ländlich geprägten Strukturen. Da können Sie immer auf erhöhte Nachfrage hoffen, und am besten ist ja, keiner verpfeift Sie. Wenn da mal jemand gebraucht wird, können Sie Ihre Pflegehilfe einfach mal zum Probearbeiten rüberschicken, das ist ordentlich Reklame, und letztlich entsteht so in der Gesellschaft auch wieder ein Zusammenhalt, den wir uns angesichts dieser politisch doch sehr strapazierten Bedingungen eigentlich nur wünschen können, nicht wahr?

Wir gehen hier von einem riesigen Markt aus, das sind vermutlich zweihunderttausend Haushalte, also ein lukratives Geschäft, und das kann man ja auch erst mal regional aufziehen. Wenn Sie da Ihre polnischen Partner entsprechend vermarkten, dann könnte das sogar Arbeitsplätze für deutsche Fachkräfte bedeuten. Gerade jetzt, wo wir auch nicht mehr auf Waffenexporte als Mittel deutscher Wirtschaftspolitik setzen können, müssen wir uns für die internationalen Verbindungen langsam neue Wege überlegen, denn irgendwann kommt wieder die Rezession, und dann haben wir ein gewaltiges Problem. Da ist es doch ein Segen, dass wir immer schon Sozialministerinnen mit dieser Weisheit hatten, die uns klargemacht haben, was wirklich Phase ist und was unser Land retten kann vor dem ganz großen Absturz: Pflege kann doch echt jeder Volltrottel. Ist das nicht toll?“


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