Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLVI): Die Krankenhausserie

22 03 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Erst kam die Felszeichnung, dann Papyrus, zwischendurch kurz Kintopp, davor das klassische Drama mit Trallala und Katharsis, irgendwann hat die Menschheit darauf verzichtet, die Kurve zu kriegen, und erfand als Vorstufe zum Untergang die Fernsehunterhaltung. Ans Lesen dachte da schon längst keiner mehr. Wozu auch, die meisten Dinge waren sowieso verfilmt, und was da nachproduziert wurde, bedurfte bis heute keiner besonderen Aufmerksamkeit. Das Triviale hatte die Oberhand, Gilgamesch und die Nibelungen waren kurzerhand abgemeldet – kein Wunder, waren ihre Abenteuer auch so fürchterlich unvorhersehbar für offenporige Hühnerbirnen – und die Lücke des Existenziellen zwischen Leben und Tod musste mit anderem Zeug gestopft werden. Nach waren Denkgewohnheiten mehr an der Gewohnheit orientiert, Denken fand vorsichtshalber nicht statt, und die Zerstreuung hinterließ gröbere Partikel im öffentlichen Raum. Null Chance, der soi-disant Arztroman hat längst ausgedient, es bleibt die Klinikserie.

Bis heute hält sich in den hinteren Ecken der Totholzdistribution für banale Bedürfnisse der Doktor-Kliebenschädel-Novellenklumpatsch, der aus Surrogat geschwiemelten Schmonzes in die Druckerpresse schwallt: pilchersches Blech in hehrem Weiß, kochbar, ausgestattet mit dem ganzen Paket Gender- und Rollenstempelmaterial, das sich seit der Entwicklung einer modernen Wissenschaftsmedizin zurechtgeknöchert hat, der über den Wolken der bürgerlichen Gesellschaft schwebende Chefarzt und seine selbstvergessene Sprechstundenhilfe, die klaglos den Onkel Doktor bedient wie die Haushälterin den alkoholisierten Pfarrer, damit er an imaginierten Pickeln leidende Komtessen wieder in ihre Sphären aus Spulwurm und Größenwahn zurückschicken kann.

Dumm nur, dass es heute keiner mehr versteht. Der Arzt hat an Charme verloren und ist nur ein Dienstleister unter vielen, man kennt seine Aufgabe in einer vom Profit regierten System und braucht auch keinen überhöhenden Faktor mehr. Allenfalls einigt sich die Medienindustrie auf die Klinik als Lieferanten für Konflikt und Getöse, wie es besser kein Klempnerbetrieb sein könnte. Und schon hat die Serie als betriebswirtschaftliches Instrument für generatives Storytelling die Konsumopfer eingeseift und abrasiert, denn wo sonst lohnt sich noch die Charakterzeichnung als im Kontext, der als die Wiederholung der Wiederholung Ewigkeit im Sinne Nietzsches fordert und fördert, tiefe, tiefe Ewigkeit?

Wie putzig, dass in der ganzen Klischeepampe keine chronische Erkrankung vorkommt, die von den behandelnden Halbgöttern als Privatvergnügen abgekanzelt und zu Selbstzahlung verdonnert wird. Kein garstiges Leiden, Leberzirrhose dank Schnaps und Wein, Darmverschluss oder Thrombose, nichts kommt in der schröcklichen Welt drohlicher Dinge unter und setzt das Leben gesetzlich Versicherter aufs Spiel – nicht einmal ein eingewachsener Fußnagel tritt in den frisch gefeudelten Kliniken auf, die bis in die Ecken antiseptisch riechen und keine entnervte Teilzeitkraft an der Aufnahme kennen, keine Pflegehelferin mit permanenter Doppelschicht, keinen Praktikanten, der von den dementen Gallenleidern permanent aufs Maul zu bekommen droht. Hätte man ominöses Gedöns wie Schwindsucht und Frieselfieber nicht aus dem Inventar der Medizin gekärchert, noch immer litte die Hälfte der wohlweislich adeligen Zippen an Auszehrung oder Rotlauf. Was immer den fachlich festgedengelten Hintergrund des Personals angeht, schwatzt ab und zu eine Chirurgendarstellerin von kardiopulmonalem Links-Rechts-Syndrom, bevor sie die Blutwerte bekommt, weil sofort ein OP frei ist. Mit Glück findet die Röntgenuntersuchung gleich auf dem zufällig vorbeidüsenden Raumschiff statt, da Assistenzärzte ihre üppig bemessene Freizeit sowieso in der Erdumlaufbahn verbringen, wenn der Golfplatz gerade nicht geöffnet hat.

Dass noch keine Produktschmiede für seichten Kommerzschrott auf die Idee gekommen ist, das wahre Leben angehender Fachkräfte als hässliches Beispiel für die kognitive Grätsche zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu schildern und die Intellektverweigerung der politischen Steuerung im Gesundheitswesen in den Diskurs einzubringen, lässt sich nur als großen Verlust empfinden, fragt sich bloß, für wen genau. Letztlich braucht es nicht mehr als das permanent um sich selbst kreisende Groschenheft, das aus der literarischen Mikrowelle poppt und die Todessehnsucht der ästhetisch Amputierten kleckerweise in einem Stillstand aus Entwicklungslosigkeit und Bauschaum-Content festzementiert. Nicht einmal das Ausweichen in historische Inszenierung vermag uns die Lust am heldenhaften Heilen vermiesen, jene naive und sentimentalische Undichtung, aus der die Abwässer unserer Wunschvorstellungen rinnen. Das Leben ist schwer genug, wozu brauchen wir dann noch die Wahrheit. Doktor Schiwago, übernehmen Sie.