Die Revolution bespaßt ihre Kinder

27 03 2019

„Jetzt gucken Sie nicht so gelangweilt, Sie wollen neue Anhänger generieren. Also los, schön in die Kamera, und dann: ‚Tod den Imperialisten!‘ Meine Güte, Sie sagen das wie vor einer Schulklasse!

Das Problem ist ja, die meisten Teilnehmer haben nicht nur absolut kein Charisma, sie sind auch total unfähig, sich selbst zu radikalisieren. Es gibt einige Fälle, in denen kommt auch das Internet an seine Grenzen. Oder die Leute können halt überhaupt keine klare Ideologie entwickeln, die sich für Amokläufe, Attentate und solche Aktionen verwerten ließe. Da setzen wir dann an und helfen mit Grundlagenwissen: was mache ich mit Medien, wenn die Medien schon nichts aus mir machen? Wir brauchen diese Kompetenzen einfach. Die meisten Nachwuchsterroristen sind nämlich absolut ahnungslos von diesen Zusammenhängen, die haben keinen Plan und wundern sich dann, wenn sich nach einem Anschlag die öffentliche Meinung selbst innerhalb der eigenen extremistischen Subkultur gegen sie kehrt. Das kann man verhindern, man muss nur wissen, wie.

Sie gehen jetzt mal mit dieser Waffe in den Raum rein, und dabei halten Sie die Kamera immer auf die Mitte des Raums. Und Action! Mitte, habe ich gesagt. Die Mitte! Das macht doch einen ganz anderen Blickwinkel. Ja, so ist es gut. Erst mal nicht schießen, das können wir später immer noch erledigen. Sie müssen den Überfall schon sehr gut inszenieren, damit Sie hinterher schnittfähiges Material liefern können. Die blutigen Szenen für den harten Kern, den Rest zum Anteasern. Das ist Marketing, kapieren Sie das mal. Wir machen doch dieses Spektakel nicht zur Unterhaltung. Also nicht nur zur Unterhaltung.

Wenn Sie sich über unsere Teilnehmer wundern, das ist gelebte Koedukation. Warum sollen wir dieselben Kurse zweimal abhalten für Islamisten und Nationalsozialisten, wenn selbst wir die beiden nicht mehr voneinander unterscheiden können? Erstens kriegen wir damit mehr Kurse schneller voll, wir haben ja den Ruf zu verteidigen, dass sich niemand schneller radikalisiert als unsere Anhänger, und zweitens können beide Seiten immer noch etwas voneinander lernen. Sie haben ja denselben Feind, die liberale, demokratische Gesellschaft. Da tauscht man sich gerne mal aus über Erfahrungen mit dem Gegner.

Zeigen Sie mal Ihren Twitter-Account. Nein, das ist viel zu früh! Nicht einsteigen, ein paar Szenegrößen folgen und dann sofort einen Anschlag auf ein Flüchtlingsheim ankündigen – erstens ist das unglaubwürdig, weil die Botschaft schon viel zu elaboriert daherkommt, als würden Sie diesen Kanal nur für vorgefertigte Meinungen nutzen, und dann haben Sie auch noch nicht genug Resonanz. Das ist immer wichtig: entwickeln Sie sich. Nur wer sich radikalisiert, der bleibt sich treu. Die Revolution bespaßt ihre Kinder, aber irgendwann will sie eben mehr von ihnen.

Werden Sie ein Mem, bevor die öffentliche Meinung sich gegen Sie kehrt, vor allem: bevor es die anderen tun. Also die Selfies ruhig ein paar Sekunden länger, wackeln Sie nicht so, das muss vernünftige Standbilder bringen für die Printmedien mit der Massenauflage – das liegt auf den Massen wie Mehltau, und es muss Ihre Signatur tragen. Wenn die angeheizten Jugendlichen das spannend finden, sind wir auf dem richtigen Weg.

So, und jetzt noch mal zu Ihnen. Kamera fertig? Dann noch mal mit etwas mehr Verve: ‚Tod den Imperialisten!‘ Gut, das war jetzt schon ein bisschen überzeugender, aber immer noch unter Ihren Möglichkeiten. Was haben Sie denn jetzt nicht verstanden? Was Imperialismus ist? Das kann Ihnen doch völlig egal sein, wenn Sie Ihr Gesicht für ein Konsumprodukt ins Fernsehen halten, muss es Ihnen ja auch nicht schmecken. Sie wollen die jungen Leute nicht zur Diskussion auffordern, Sie wollen einen Fußabdruck in der Fresse hinterlassen, an den sie sich erinnern, wenn sie das nächste Mal den Sinn ihrer überflüssigen Existenz suchen. Sie sind doch hier nicht dazu auserkoren, den Leuten mit Überzeugung auf die Nerven zu gehen. Der Rattenfänger diskutiert auch nicht mit den Ratten.

Ich sehe das jetzt auch nicht als großes Problem, wenn einer von denen zwischendurch die Seiten wechseln sollte, der Gegner bleibt ja, wie gesagt, derselbe. Wichtiger ist, dass Sie Ihre Pressekontakte aufbauen und immer weiter nutzen. Lassen Sie die Journalisten ruhig ein Stück weit an sich heran, das ist nur die Lügenpresse, wenn Sie sie als solche bezeichnen. Ansonsten ist das ein willfähriges Instrument, das gegen seine Bedeutungslosigkeit kämpft und jeden Strohhalm nutzt, um sich wichtig zu machen – also durchaus mit Ihrer Situation zu vergleichen. Sie werden Gehör finden, wenn Sie es richtig anstellen.

Und, ganz wichtig: setzen Sie auf Nachahmer. Geben Sie ihnen ein einfaches Handlungsmuster für komplexe Sachverhalte. Sie sind mit ihrem Leben nicht zufrieden, also müssen Menschen sterben. Erklären Sie es meinetwegen mit ideologischen Versatzstücken, aber niemals so kompliziert, dass sie sie nicht rücksichtslos aus dem Zusammenhang reißen können, um ihre eigene Ideologie damit zu begründen. Mit etwas Glück sprengen Sie eine Synagoge in die Luft und ernten dafür eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung, warum sich die Opfer nicht in die europäische Leitkultur integrieren wollen. Triggern Sie das Paradoxe, es wartet nur auf Sie. Und jetzt noch mal, Beine auf Schulterbreite, Brust raus: ‚Tod den Imperialisten!‘ Na also. Geht doch.“