Harzreise

28 03 2019

Es knatterte, als zöge jemand den Handrasenmäher über einen Kiesweg. Am Rollo zeichneten sich schemenhafte Gestalten ab. „Warten Sie“, murmelte Breschke. „Ich stelle mal schärfer.“ Das Bild wackelte ein wenig, dann sah man deutlich, wenn auch in ausgeblichenen Farben, den beinahe jugendlichen Doktor Klengel, wie er weit ausholte und mit Schwung die Kugel auf die Kegelbahn schlenzte.

Die meisten Filmspulen waren unter einer dicken Staubschicht verborgen gewesen, die der Hausherr beim Frühjahrsputz eigentlich hatte entfernen wollen. Nach und nach gab das flockige Sediment die alten Schätze oben auf dem Regal frei, mehrere Dutzend Metallrollen, schwarz und grau, darin die seit Jahrzehnten lagernden Streifen aus der alten Handkamera. „Wir hatten ja damals nichts“, erklärte der pensionierte Finanzbeamte. „Und so eine Handkamera, damals musste man die mit der Kurbel aufziehen, alles rein mechanisch, also das war schon ein Luxusgerät.“ Der ehemalige Hausarzt jubelte nach einem gelungenen Wurf in die Linse und schwenkte sein halb volles Glas. Es gab wohl Bowle, wie man dem trüben Inhalt des Gefäßes entnehmen konnte.

Die Luft roch nach verbranntem Staub. „Ganz bekommt man es wohl nie weg“, bemerkte ich. Er schüttelte den Kopf. „Dabei habe ich jede einzelne Rolle sorgfältig mit dem Pinsel gesäubert, wissen Sie, ich hatte da noch einen alten Rasierpinsel in der Garage.“ Ich nickte zustimmend; genau da hätte ich einen Rasierpinsel auch aufbewahrt. Immerhin glänzten die Spulen, und die Zelluloidstreifen hatten sich erstaunlich gut gehalten. Hier und da waren noch die Klebeetiketten mit den dünnen Bleistiftzahlen des Aufnahmejahrs vorhanden, manche sogar halbwegs lesbar. Horst Breschke hatte den Projektor gestoppt und das Licht wieder angeknipst, um die Rolle zurückzuspulen. „Das muss im Harz gewesen sein, meine Frau war über Ostern zu ihrer Schwester gefahren.“ Anders war diese Herrenpartie wohl auch nicht zu erklären.

„Das Gerät“, sagte der Filmpionier nicht ohne einen gewissen Stolz, „haben wir uns damals neu gekauft. Also wirklich neu – einschließlich der Ersatzbirne. Gute Ware, sonst würde es ja auch nicht mehr laufen.“ Die Birne im Projekttor neigte ein kleines bisschen zum Flackern, hier und da ein winziger Aussetzer, aber nur ein winziger, und bisher war ja auch alles gut gegangen. „Geben Sie mir mal die graue Spule mit dem – ja, genau.“ Das Schildchen war nicht mehr zu entziffern. Was sich dahinter wohl verbergen würde? Augenblicke später, Breschke hatte den Film mit der präzisen und nonchalanten Professionalität des Operators eingelegt und das Deckenlicht gelöscht, tanzten die schwarz und weißen Zahlen über die wackelnde Fensterverkleidung, bis langsam in blassem Grün und Käsegelb das jugendliche Fräulein Breschke vor dem Weihnachtsbaum ein Blockflötensolo zum Besten gab. „Warten Sie mal“, sinnierte der Vater, „das war in dem Jahr, da hatten wir im Sommer die Waschmaschine gekauft, Lenzmeier und Söhne, aber da ist heute ja dies Fitnessstudio.“ Das Spiel der Gymnasiastin war künstlerisch sicher wertvoll, vor allem wusste sie sich mit dem Blasinstrument sehr effektbewusst zu bewegen. Ein schneller Schwenk des Kameramannes in Richtung Familie – „Das ist jedenfalls Tante Adelheid, die muss da noch gelebt haben!“ – offenbarte, mit welcher Konzentration das Publikum dem festtäglichen Konzert lauschte. Sie rissen sich mächtig zusammen, anders war das Mienenspiel der Damen nicht zu erklären.

„Was ich fragen wollte“, schnitt Herr Breschke den nächsten Punkt an, während er die Pappkiste nach einer bestimmten Filmrolle durchsuchte, „Sie kennen sich ja mit dieser modernen Technik aus: Man kann diese Filme auch als Video abspielen?“ „Sie meinen digital“, berichtigte ich ihn. „Ja, das geht ohne Weiteres, allerdings mit einem gewissen Aufwand und nicht kostenlos. Sie bekommen das dann als Datenträger und können sich die einzelnen Filme anschauen.“ „Natürlich nicht alle“, wehrte er ab, „dazu sind es auch zu viele. Ich verkaufe nicht Haus und Hof, um die alle auf… – Ja, das muss er sein.“ Womit Breschke eine Rolle aus dem Kistchen nahm und auf die Achse des Projektors setzte. Sorgfältig fädelte er den Film ein. „Wir haben am Samstag einen Ausflug auf den Wurmberg gemacht und einen Schinken aus Braunlage mitgebracht.“ Er löschte das Licht. Jäh blendete das Bild auf. „Das muss an der Talstation der Seilbahn sein.“ Die Kegelbrüder von der ersten Rolle hatten sichtlich dem Schnaps zugesprochen, vom Schinken war nicht mehr viel bemerkbar, und Doktor Klengel trug einen lustigen Hut. Insgesamt sah diese Szene auch eher aus wie im Hotelzimmer gedreht, allenfalls in einer luxuriös ausgestatteten Jugendherberge. Ein gänzlich unbekannter Herr im karierten Oberhemd winkte aufgekratzt in die Linse. „Ich weiß nicht“, grübelte Herr Breschke, „wann habe ich das denn aufgenommen?“ Die Kamera fuhr langsam auf die Tür zu, wo ein kleiner Mann in einem engen Kleid ins Zimmer stakte, durchaus geschmackvoll mit Make-up versehen, eine Handtasche schwenkend und sichtbar in Sektlaune. „Das ist ja…“ Breschke griff schon nach dem Projektor, da gab die Birne mit einem leisen Knall den Geist auf. Bange Stille lag in der Dunkelheit. „Wir könnten die Filme ja alle mal…“ „Ach nein“, wehrte Breschke ab. „Wer weiß, was da noch alles drauf ist. Man muss die Vergangenheit auch mal ruhen lassen.“