Angespannte Lage

1 05 2019

„Da steht aber nirgends, dass wir keine Entwicklungshilfe leisten dürfen. Schließlich ist das doch nach Ihrer Ansicht ein Land wie aus der Steinzeit.“ „Dass Saudi-Arabien zivilisatorisch aus der Steinzeit stammt, sollte kein Geheimnis sein, mich wundert nur, dass Sie das erste jetzt merken.“ „Wenn das die Steinzeit ist, dann frage ich mich, warum das Land einer unserer wichtigsten Partner für wichtige Industriegüter ist.“ „Das frage ich mich auch, und ich frage mich gerade: was sind denn für Sie wichtige Industriegüter?“

„Sie können es drehen und wenden, wie Sie wollen, aber die Rüstungsindustrie ist nun mal einer der stabilsten Wirtschaftszweige.“ „Und den brauchen wir wofür?“ „Naja, es geht schließlich hier um…“ „Sobald Sie das Wort ‚Arbeitsplätze‘ in den Mund nehmen, werde ich Ihnen die Fresse in W„Als Pazifist sollten Sie meine Ansichten eigentlich immer so weit tolerieren, dass ich alles sagen darf, was ich will.“ „Wissen Sie, wie alt Ihre Witze sind?“ „Ich verbitte mir jegliche Hitlervergleiche.“ „Interessant, dass Sie das zuerst sagen.“ „Jedenfalls brauchen wir die Rüstungsindustrie, um die Länder zu stabilisieren, die über keine gefestigte Demokratie verfügen und…“ „Thüringen, richtig?“ „Gut, dann eben Staaten. Staaten, die nicht so viel Erfahrung mit der Demokratie haben sammeln können, dass wir sie im…“ „Sie wollen mit gerade beibringen, dass es in Saudi-Arabien nennenswerte Spuren von Demokratie gibt?“ „Nein, deshalb ja diese ständigen…“ „Dabei ist das Land doch seit de Maizières Zeiten ein Anker der Stabilität im Osten, oder nicht?“ „Da können Sie mal sehen, wie viele Waffen wir schon in die Region geliefert haben.“

„Und jetzt haben wir plötzlich damit aufgehört, oder?“ „Das müssen Sie die Bundesregierung fragen.“ „Sie gehören doch der Bundesregierung an, warum frage ich nicht gleich Sie?“ „Weil das selbstverständlich streng geheim ist, das müssen Sie auf Grund der angespannten Lage anerkennen.“ „Welche angespannte Lage denn?“ „Die deutsche Presse schreibt ja schon nichts anderes mehr, und da kann man sich schon mal seine Gedanken machen.“ „Wegen der angespannten Lage?“ „Wegen der Wirtschaft natürlich. Angespannte Lage haben wir auch zu Hause, da muss man sich nicht um den Osten… also nicht um den Osten… – Ach, ist ja auch egal.“

„Jedenfalls haben wir dann keine angespannte Lage mehr, und trotzdem dürfen jetzt keine Waffen mehr nach Saudi-Arabien geliefert werden.“ „Es soll Frauen geben, die dürfen keinen Führerschein machen. Das geht natürlich gar nicht.“ „Und dass es in der arabischen Welt immer noch die Todesstrafe für…“ „Das wollen wir jetzt hier nicht diskutieren, sonst heißt es noch, wir hätten keine interkulturelle Kompetenz.“ „Die hört bei Ihnen ja schon auf, wo Linke ins KZ kommen.“ „Eben: Linke.“ „Das kann unser Außenminister schon verstehen, dass man da mit entsprechenden Methoden…“ „Wie gesagt, es sind Linke. Wenn Sie Ihre DDR wiederhaben wollen, dann gründen Sie doch eine.“

„Wir liefern keine Waffen mehr an die Saudis, und trotzdem hat unsere Verteidigungsministerin die Ausbildung an deutschem Kriegsgerät mit dem Prinzen höchstpersönlich verabredet.“ „Es hat in Saudi-Arabien keinerlei Ausbildungen an den…“ „Das ist richtig. Diese saudischen Soldaten wurden in Deutschland ausgebildet.“ „Das ist doch klar, dass man Entwicklungshilfe leistet für ein Land, das zivilisatorisch noch so weit in der…“ „Wir liefern denen völkerrechtswidrig die Waffen und verstoßen dann gegen Völkerrecht und Grundgesetz und NATO-Statuten, wenn wir potenzielle Feinde auf unserem Grund und Boden an unseren Waffen ausbilden lassen.“ „Immerhin sind es deutsche Waffen. Von der Leyen hat halt gewusst, im Krieg kommt man mit denen nicht weit.“

„Es geht den Saudis doch schlicht darum, Rebellen in deren eigenem Land zu bekämpfen.“ „Deshalb müssen wir denen die Waffen ja auch liefern und sie daran ausbilden. Stellen Sie sich mal vor, wir würden den Job übernehmen – es darf doch von deutschem Boden nie wieder ein Angriffskrieg ausgehen!“ „Da hat der Iran ja gerade noch mal Glück gehabt.“ „Vor allem, weil es so zu schweren außenpolitischen Konflikten mit den USA gekommen wäre.“ „Das wäre der Beginn eines Atomkriegs gewesen.“ „Gut möglich, aber noch schlimmer: der Benzinpreis wäre enorm in die Höhe geschnellt. Das können Sie doch auch nicht wollen, oder?“ „Und wie wollen Sie das jetzt lösen?“ „Wir könnten den Saudis westliche Werte vermitteln.“ „Die einzigen westlichen Werte, die für die interessant sind, kommen von Mercedes Benz.“ „Man könnte ihnen Lehrgänge zur Vermittlung demokratischer Prinzipien und völkerrechtlicher Aspekte anbieten.“ „Die Idee ist so toll, jetzt fällt mir auch ein, warum in den letzten hundert Jahren keiner darauf gekommen ist.“ „Schauen Sie mal, unsere Bundeswehr als Parlamentsarmee ist doch wirklich auch auf internationalem Parkett ein tolles Vorbild, das die innere Führung und die Bindung an das Grundgesetz und an humanitäres Völkerrecht ganz praktisch vorleben kann.“ „Ich nehme an, das Parlament von Saudi-Arabien ist genauso begeistert wie Sie.“ „Na gut, dann haben wir nur noch einen Ausweg.“ „Und der wäre?“ „Unsere Ausbildung dient dem Frieden.“ „Meine Güte, ist der alt!“ „Nein, echt – die Saudis kämpfen gegen muslimische Feinde. Finden Sie mal einen in ganz Deutschland, der da nicht mitgeht.“