Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXII): Empörialismus

3 05 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nein, es ist nicht der Skandal, jene aus sozialen oder ästhetischen, manchmal aus beiden Gründen jäh stattfindende Implosion des gesamten Umfeldes, warum man die unverhüllte Brust der Milchfrau mehr beschreit als die ordensbekleckerte Brust eines Generals, der das ganze Lametta nur für Mordübungen bekommen hat. Schräge Musik mit windschiefen Quartakkordfolgen sorgte einst für veritable Massenschlägereien, an denen manch ein Zahnarzt seine helle Freude hatte – man konnte von den Honoraren einen ganzen Reitstall bezahlen, und heute wäre es immerhin die linke Flügeltür eines nur zum Protzen gebauten Sportwagens, der nie anders als in Rot ausgeliefert wird – und die Bilder es aufkommenden Surrealismus hatten auch ihren Anteil an der Geschichte der Saalschlachten. Es geht letztlich immer und selbst in den absurden Momenten der Erklärung um die Wertvorstellungen einer Mehrheit, was einerseits die Existenz von Werten im engeren Sinne voraussetzt, andererseits auch das Bewusstsein einer Mehrheit, die sich nicht als terrorisierendes Gegengewicht der Wenigen verstünde. Die wenigen, die dann auch noch laut werden, da sie sonst das Bild von der schweigenden Mehrheit nie transportiert bekämen. Sie brauchen die Lautstärke als Luftdruck, um sich gegen die Standfesten zur Wehr zu setzen. Sie leben nicht in der Gegenwart und erst recht noch weniger in der Wirklichkeit. Sie sind Jünger des Empörialismus.

Man gebe ihnen einen Punkt, und sie lassen aus jedem Anlass die Welt darum rotieren, die Richtung ist egal, und es geht ihnen, den kleinen wütenden Trollen mit den Schrillstimmen, niemals um eine Art von Solidarität mit den Opfern von Tat oder Unterlassung. Dass in Bad Gnirbtzschen kleine Kinder zu Fuß gehen müssen, während daneben der kostenlose Omnibus täglich leer von klein A nach klein B gurkt, reicht allenfalls für einen Protestchor mit Flötenbegleitung, aber die Kinder sind ihnen wumpe. In den besten Momenten, wo sich der Spießer für nichts mehr schämt, würde er auch wohnungslose Landwirte aus Entwicklungsländern beweinen, die uns Ananas zum Selbstkostenpreis liefern müssen, weil das Nähere von einem Bundesgesetz geregelt wird, jedes aus Schmierkäse geschwiemelte Motiv wäre billig genug für einen zünftigen Shitstorm, wenn sich nur eine möglichst wirre pseudomoralische Implikation daraus ableiten ließe: Du sollst zwar weiterhin subventionierte Ananas kaufen, weil das ein Zeichen neoliberalen Freiheitsdenkens ist, denn keiner kann uns dafür verantwortlich machen, dass wir in einer der reichsten Industrienationen auf diesem zweifelhaft beleumundeten Rotationsellipsoiden geboren wurden, aber wehe, Du regst Dich nicht künstlich über die vorsintflutlichen Zuchtbedingungen auf. Der Verbraucher kaut heulend vor Wut Flugfrucht um Flugfrucht, er hat für den Moment fast den Sinn des Lebens gefunden. Das reicht. Es verpflichtet ihn ab sofort zu nichts mehr.

Gerne echauffiert sich der gemeine Knalldepp über das, was er nicht versteht – so geht er gleich im Vorfeld jeder sinnvollen Diskussion aus dem Weg und kann sich als teilautonomer Ein-Personen-Widerstand quasi argumentationsfrei mit einer fertig gestanzten Meinung an die Rampe stellen, die sein Geplärr weit in den Raum schickt, ohne dass es einer weiteren Handlung bedürfte, denn das ist ja das Schöne am Krawall: es verpflichtet zu nichts, man hat auf das Schlechte dieser Welt hingewiesen, den Schmodder beseitigen dürfen alle anderen. Gegebenenfalls regt sich der Dummschlumpf noch einmal auf, dass dein verbales Gerümpel weiterhin in der Gegend herumliegt, aber dann zieht er wieder die Nachtmütze auf und knipst das Licht aus.

Empörung ist nicht viel mehr als negative Schadenfreude, jene urdeutsche Tugend, sich am Unglück des anderen pharisäernd zu erfreuen, weil man sonst so wenig Gelegenheit findet, sich über andere zu erheben. Der Ereignistyp bleibt gleich, aber der teutonische Torfschädel verquickt es geschickt gleich mit der Neigung, sich über alles ärgern zu wollen, was er nicht ändern kann, und sei es nur das Wetter, das ausgerechnet an seinem freien Wochenende falsch bestellt ist. Gar heitere Verschwörungstheorien lassen sich aus dem Garn stricken, Kristallisationspunkte für kursives Denken und vorbildlichen Hirnverlust, denn Gesellschaft braucht Bewegung, und sei es sinnfreies Stampfen in konzentrischen Kreisen, wie es der Nationalheld Rumpelstilzchen tat. Die cholerische Natur braucht ausreichend Futter, sonst steht sie auf der Stelle.

Längst hängen sich die Entrüster das dünne Mäntelchen einer Empörungskultur um, als besäßen sie überhaupt eine; denn die meist nur medial geschlagenen Wellen bestehen größtenteils aus Schaum, der sich an den Innenwänden des Internets bricht und die Botschaft transportiert: ich war auch dabei. Dies freilich nur innerhalb der Blase, zwar sichtbar von außen, aber dabei bleibt es auch. Wir haben so viel zum Aufregen, dass wir es auf Dauer gar nicht schaffen, die wirklichen Probleme unserer Welt zu analysieren oder, sollte dies bereits geschehen sein, nach den Ergebnissen dieser Analyse zu leben, und so wird sich billigerweise auch in mittlerer Zukunft, also vor dem Einschlag des verheißenen Kometen, nichts ändern, und wir alle werden es als tröstlich empfinden, weil wir es ja gar nicht anders haben wollen, denn sonst wäre es ja alles verändert. Eigentlich schlimm. Darüber sollte sich mal einer aufregen, aber so richtig.