Die Entdeckung der Langsamkeit

6 05 2019

„Der Mann muss raus. Der ist nicht mehr tragbar.“ „Kühnert?“ „Ja, Kühnert. Der ist einfach nicht mehr tragbar.“ „Für die Gesellschaft?“ „Doch, schon. Aber nicht mehr für die Partei.“

„Ich meine, was hat er gemacht? Bahnverkehr nur für die arische Herrenrasse gefordert? Oder hasserfüllte Toilettenwitze über Transsexuelle von sich gegeben?“ „Hören Sie doch auf, Sie wissen das ganz genau.“ „Er will doch nicht etwa die Kirche verstaatlichen? oder gleich die SPD?“ „Jetzt stellen Sie sich nicht dümmer an, als Sie sowieso schon sind, das ist wird für uns langsam gefährlich, wenn wir nicht auf Sicht fahren können.“ „Auf Sicht fahren? Sie meinen den Nebel, den der Schulzzug hinterlassen hat?“ „Meine Güte, Schluss mit diesen blöden Witzchen! Kühnert fordert den Sozialismus, das ist unser Ende, verstehen Sie das? Unser Ende!“

„Naja, ich verstehe schon, wenn Sie jetzt Angst haben, dass die SPD ernsthaft Schaden nimmt.“ „Das könnte unser Untergang sein.“ „Erinnern Sie sich noch an die Forderung nach Teilverstaatlichung der deutschen Industrie, um den Kapitalismus als Kriegsauslöser einzudämmen?“ „Ja, das war nach der Bankenkrise, aber das kam von Steinbrück.“ „Das war das Neheim-Hüstener Programm von 1946, als der CDU nach tausend Jahren plötzlich der Arsch auf Grundeis ging.“ „Die waren doch aber auch gegen Sozialismus?“ „Das lag halt an ihren Erfahrungen mit der nationalen Spielart. Die haben sogar ernsthaft behauptet, Flüchtlinge seien Menschen – das haben denen die Deutschen damals schon übelgenommen.“

„Wir Sozialdemokraten haben uns immer gegen den Kommunismus ausgesprochen!“ „Dann sollten Sie den Kevin Kühnert nicht aus der Partei schmeißen, der ist auch kein Kommunist.“ „Der will einen Autokonzern verstaatlichen! Das ist doch Kommunismus!“ „Das ist Sozialismus.“ „Das ist mir scheißegal, wie Sie das nennen, auf jeden Fall macht uns das die komplette Strategie kaputt!“ „Ich bin ein bisschen irritiert.“ „Dass wir noch zwischen Sozialismus und Kommunismus differenzieren?“ „Nein, weil Sie gesagt haben, die SPD besäße noch so etwas wie eine Strategie.“ „Sparen Sie sich Ihre Witze, dazu ist es zu ernst!“ „Naja, ich wüsste jetzt schon gerne, worin denn die Gefahr für die SPD bestehen könnte.“ „Das merken Sie nicht? Wir verlieren unsere Zielgruppe.“ „Sie überraschen mich jetzt aber wirklich – erst eine Strategie, und jetzt haben Sie auch noch eine Zielgruppe?“ „Aber ja doch, die Facharbeiter.“ „Ich dachte immer, die SPD sei längst eine reine Beamtenpartei. Vor allem in Bezug auf den Pensionärsanteil.“ „Lästern Sie nur, wir gehen mit der Zeit!“ „Das ist korrekt – da im Zuge der Digitalisierung die Facharbeiter mehr und mehr ersetzt werden, wird die SPD mit der Zeit schon gehen, wohin auch immer.“ „Wir sind doch keine klassische Arbeiterpartei mehr, das müssen Sie doch selbst mal einsehen.“ „Dann haben Sie mit dem Niedriglohnsektor also bewusst ein Prekariat erschaffen, das von vorneherein als Wählerklientel gar nicht erst in Betracht kommen sollte?“ „Das würde ich so nicht sagen, aber… naja, irgendwie ist es schon so.“ „Das ist jetzt nicht Ihr Ernst?“ „Doch. Das ist der Plan.“

„Noch mal zur Sicherheit, damit ich Sie nicht falsch verstehe: die SPD will sich gezielt zugrunde richten?“ „Wir wollen den politischen Prozess nur entschleunigen.“ „Vollbremsung bei der Schussfahrt in den Abgrund?“ „Nein, wir wollen es nur nicht auf Biegen und Brechen erreichen. Sie sehen doch, was 1949 passiert ist.“ „Wir hatten plötzlich eine Verfassung und die Demokratie, dann kam das Wirtschaftswunder und im…“ „Nein, im Osten. Da gab es auf einmal Sozialismus. Grauenvoll!“ „Ja, das hat nur einen Schönheitsfehler.“ „Richtig, weil das ja gar kein richtiger Sozialismus war sondern nur ein total kaputter Marionettenstaat im Schatten Moskaus.“ „Wenn Sie es schon wissen, warum haben Sie dann so viel Angst vor dem Sozialismus? Weil Sie dann zwanzig Jahre auf Ihren BMW warten müssen?“ „Sie gehen mir auf die Nerven.“

„Was genau wollen Sie denn jetzt langsamer machen?“ „Den ganzen politischen Prozess. Wenn wir unsere Ziele zu schnell erreichen, dann haben wir uns ja quasi abgeschafft. Erledigt. Überflüssig gemacht.“ „Dann haben wir den Sozialismus.“ „Ja, genau das ist das Problem.“ „Also demokratischen Sozialismus.“ „Deshalb haben sich die Linken ja damals umbenannt – man kann doch nicht ein Ziel so klar verfolgen und dann riskieren, dass man es erreicht!“ „Ich verstehe es irgendwie immer noch nicht.“ „Stellen Sie sich das vor: komplette Wende. Sozialismus jetzt.“ „Großartig!“ „Eben nicht! Das ist ein schönes Ziel, aber dann sagen die Leute: das war damals besser, warum auch immer. Dann sind wir erledigt.“ „Hm. Und dann?“ „Irgendeine CDU-Schnepfe wird Kanzlerin und regiert seelenruhig im Sozialismus weiter, und der nimmt man es ab, weil sie ihn nicht eingeführt hat.“ „Stimmt, das war bei der Agenda 2010 auch so.“ „Wir sind verloren, wenn Kevin Kühnert ein Bein auf den Boden kriegt in der SPD!“ „Sie meinen, das wird dann so wie bei den Grünen?“ „Eben, die tragen auch jede Menge neoliberalen Scheißdreck mit, Stuttgart 21, allein diese ganzen halbherzigen Asylkompromisse, die Internetzensur, was auch immer.“ „Oder wie bei den Nazis, die wollen alle Ausländer abschieben, aber wenn sie damit fertig sind, wissen sie nicht, was sie noch auf ihre Plakate schreiben sollen.“ „Das ist echt ein Dilemma.“ „Zumindest eins habe ich jetzt verstanden.“ „Nämlich.“ „Warum das Ausschlussverfahren gegen Sarrazin genau so gelaufen ist.“