Gartenzwergland

8 05 2019

„Sie müssen doch auch die Personalarbeit der Kanzlerin verstehen. Sie hat ihn doch nicht für seine überragende Fachkompetenz geholt. Oder weil er auf den Gruppenfotos im Kabinett schnieke aussieht. Sie brauchte halt einen Schleimer, der auf Knopfdruck Scheiße absondert, ohne aus Bayern zu kommen. Sonst wäre er niemals Wirtschaftsminister geworden.

Das ist ungefähr so, als würden Sie sich mit der Forderung nach steuerbegünstigten Abtreibungen als Kardinal bewerben. Oder als US-Präsident um den Physik-Nobelpreis. Die deutsche Wirtschaft ist ja eh nicht so mit Hirn gesegnet, aber wenn sogar denen auffällt, dass sie für eine geistig nicht so sehr gesegnete Knalltüte rudern, dann lassen sie ihn halt zu Wasser. Das hebt den Meeresspiegel schon mal um ein paar Meter, vielleicht fällt es dann auf, dass das langfristig uns allen droht. Nein, wirklich – die sind ja alle nicht doof, die in der Wirtschaft. Nur weil Altmaier größtenteils von der Industrie seine Angebote bekommt, nach seinem Rauswurf als Maskottchen in der Hundehütte vor dem Vorstandssekretariat das Laminat zu bespeicheln, muss er ja noch nichts von Wirtschaft verstehen.

Er will gerne sein Gartenzwergland wieder zur großen Wirtschaftsnation machen. Gut, optisch passt das, wenn man keine Probleme damit hat, Deutschland als das zurückgebliebene Fleckchen Erde zu betrachten, das er daraus machen will. Viele Sachen brauchen wir ja zum Beispiel gar nicht, die würden so eine autarke Wirtschaftsnation auch nur stören. Ananas zum Beispiel. Oder Öl. Sonst hätten wir ja auch nie Elektroautos, gegen die man als Unionspolitiker gleichzeitig hetzen und sie für die Klima-oder-aber-auch-nicht-Kanzlerin in den Himmel loben kann. Wir müssen vor allem die Industrie fördern, wo die es will, nur eben nicht im Sektor der alternativen Energiegewinnung, weil das nämlich ideologisch ist und Sozialismus und ganz sicher auch vegan und nichtchristlich, ich kenne mich mit den Sachen nicht so aus.

Sie müssen in diesem Land ja nicht mal so moderne Sachen wie Internet ausprobieren, das wäre auch absoluter Luxus, das kriegt man nur in hochindustrialisierten Staaten wie Ghana hin oder in Vietnam, aber Solartechnik, das dürfte doch irgendwie gehen, oder? Scheint die Sonne nur für Nazis? Dann könnten wir Sachsen flächendeckend mit Kollektoren zupflastern, landschaftlich wäre das sowieso kein Schaden, und alle würden sich an der Einspeisegebühr ein goldenes Doppelkinn verdienen. Das wäre ein großartiges Modell für die Dritte Welt, also industriepolitisch ganz auf der Linie des Wirtschaftsministers, aber wer denkt denn dann an die kleinen und mittleren Unternehmen? Sollen die sich zu Konzernen zusammenschließen, damit sie mit den anderen Konzernen irgendwann mal vom Staat aus der Pleite gerettet werden können, weil sie sich nicht so flexibel am eigenen Schopf aus der Scheiße ziehen können wie die kleinen und mittleren Unternehmen?

Als Familienunternehmen kann man ja immer noch Fahrradständer mit integrierter Parkgebühr auf den Mark schmeißen, aber das war’s dann auch. Zu mehr reicht die Kreativität bei der Bumsbirne nicht. Wenn man dann noch für ein Einwanderungsgesetz ist, das nicht einfach nur ‚Ausländer raus‘ variiert, dann muss man sich von ihm anhören, dass er das schon immer wollte, aber es hat ihm keiner gesagt, wozu. Infrastruktur, das wäre doch das Zauberwort gewesen. Infrastruktur! Hätte man durchaus mal nachschlagen können, was das heißt, außerhalb von Regierungserklärungen oder Koalitionsverträgen kommt das Wort kaum noch vor. Fragen Sie mal im Ministerium für digitale Infrastruktur, was die… – Nee, fragen Sie lieber nicht. Die wissen nicht mal, was ‚digital‘ heißt. Deshalb muss man einen nehmen mit dem Charisma von Malzbier: die klebrige Alternative zum richtigen Leben. Sieht scheiße aus, schmeckt zum Ausgleich auch so. Vielleicht können die ihn auch nicht leiden, weil er vor dem Meeting in der Küche immer alle Brötchen anleckt. Man steckt nicht drin.

Möglicherweise hat ihm die SPD auch schon ein Angebot gemacht, das er nicht ausschlagen kann. Der ist ja komplett ohne Visionen. Vielleicht sollte er sich auch selbstständig machen, als Fabrikant für hochfeinen Sesselkleber, der ist ja in der Partei stark nachgefragt. Mit etwas Glück kriegt er einen Gründerkredit und kann sich dann ein paar Jahre mit der Industrie herumprügeln, dass die ihn nicht an den Markt lassen, der dann alles von alleine regelt. Oder wird dann auf dem Weg des geringsten Widerstandes Lobbyist für Industriesesselkleber und nistet sich gleich im Hintern einer seiner jetzigen Abteilungsleiter ein. Er kennt den üblichen Entscheidungsweg ja schon und nutzt ihn nur in der entgegengesetzten Richtung. Von wegen Primat der Politik über die Ökonomie, auf solche Primaten kann die Ökonomie getrost verzichten.

Sie wollen also ein kleines Vermögen anlegen, möglicherweise auch ein größeres, und brauchen niemanden, der Ihnen mit Fachwissen reingrätscht? Nur Abnicker und dumme Trottel, die bereitwillig Kohle rüberschieben? Machen Sie irgendwas mit Kernkraft, das kapiert keine Sau. Ideologisch ist das ganz weit hinten, also ganz weit vorne, und dann kann man die politischen Gegner je nachdem als Nazis oder DDR-Schrott hinstellen. Nein, im Ernst, machen Sie irgendwas mit Atomen. Das ist so gefährlich, darüber wollen die nicht mal mit Ihnen reden. Aber lassen Sie es nicht schief gehen, wenn es aufkippt, muss man wochenlang auf irgendwas warten. Und das haben wir ja jetzt schon.“


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