Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXIII): Grenzgänger

10 05 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Für sein Volk war es ein Initiationsritus: einmal der Bestie bis auf Armlänge gegenüberstehen, ihren heißen Atem spüren, dem Tod ins Auge blicken – oder zumindest der realen Chance, mit ansehnlichen Fleischwunden in die Höhle am Rande der großen Felswand zurückzukehren und dann gewaltig Schlag beim weiblichen Geschlecht zu haben. Die Säbelzahnziege kannte dies; instinktiv hatten sie und ihre Umwohner die Entwicklung der letzten hunderttausend Jahre beobachtet, in denen sich die Trockennasenaffen ausgebreiteten und mit ihrem Müll und Lärm jede ökologische Nische besetzten, in der andere Arten gedeihlich koexistierten. Zwar wurde auch hier gelegentlich gekämpft und der eine oder andere gefressen, doch keiner sah sich dem Versuch ausgesetzt, als komplette Art ausgerottet zu werden. Die Dominanz der Hominiden hatte dies mit sich gebracht, in ihrer reinsten Ausprägung in der Gestalt des Grenzgängers.

Es sind paradoxe Wesen: auf der einen Seite ist ihnen die Sterblichkeit rudimentär bewusst, zum Teil schwiemeln sie sich aus Versatzstücken von Naturbeobachtung und Drogenrausch eine erste Religion zusammen, die ihr bisschen Sein im Ansatz transzendiert, doch statt sich in den Zentren der Existenz auszubreiten, suchen sie die Ränder auf, an denen das Unbekannte lauert. Es ist nicht der Forscherdrang, der sie unbekannte Früchte ausprobieren lässt, von denen man lustig wird oder doof, gerne auch in umgekehrter Reihenfolge; es ist das rücksichtslose Selbstexperiment, in dem der Dummschlumpf herausfinden will, ob man den Sprung von der Klippe an einem aus Nasenhaar verdrillten Seil um die Füße überlebt. Scheitert er, so wird der Bekloppte zwar einen Beweis erbracht haben, den er jedoch selbst nicht mehr verwenden kann – für manche hinreichend deutlich, dass der Mensch schon im frühen Stadium als Art handelte und über die eigene Anschauung hinweg die Welt begriff, für andere noch ein Indiz, wie dämlich der Primat sich verhielt und noch verhält.

Denn nichts hat sich verändert, im Gegenteil. Noch immer und stärker denn je hat es sich der Mensch an den Außengrenzen seiner kleinen Welt gemütlich gemacht und dehnt sie empirisch aus über jede Schmerzschwelle hinweg. Wo in der Frühgeschichte noch primitive Waffengänge als Mutprobe galten, muss sich der brägenbevölkte Volldepp der Gegenwart auf Rollerblades an einen Rennwagen hängen, um die Fliehkräfte zu testen. Im Regelfall, wie ihn Festkörperphysik und Stochastik definieren, haut es den Klotzkopf aus der Bahn, er schmirgelt sich den Gesichtsversuch auf dem Asphalt zu einer Art Freestyle-Körperkunst, mit der er zwar nicht mehr geeignet ist, seine Gene produktiv weiterzugeben, aber die Individualität siegt, denn wer sieht schon so aus. Dialektisch betrachtet ist derlei das Bekenntnis zu Darwins Gedankengebäude, eingeschrieben ins Erbgut von Homo sapiens, das dieser bereitwillig ausübt als konstante Zwangshandlung, die Nanodenker aus dem Genpool auszusondern. Im Widerspruch dazu steht die Neigung der meisten Remidemmiurgen, das gezielte Beschädigen zentraler Funktionen von Körper und Restintellekt zu zelebrieren. Sie nennen es Risikosport oder integrieren es in den täglichen Anfahrtsweg über die Autobahn, der ihnen wie eine permanente Seinsvergewisserung vorkommt: wenn sie es überleben, ohne sich und andere an die Leitplanke zu scheuern, haben sie einen ganzen Tag gewonnen, der ihnen über die Absurdität hinweg Sinn stiftet in einer Welt, die ihrer nicht bedarf.

Und so basteln die harmloseren unter ihnen den Köln Dom im Maßstab 1:1 aus bulgarischem Quark nach oder erkennen dreißig Kühe am Rülpsen, um einmal in einer Samstagabendshow vor Millionen von Zuschauern die Rübe in die Kamera zu halten, doch es bleibt ja nicht dabei. Wer nicht dräuende Felsspalten im Hochgebirge auf einem leiernden Gummiseil ohne Sicherung überquert oder hundert Kilometer durch die Sandwüste joggt – beides nicht schlimm, da nur jeweils ein Chromosomensatz aus dem Bestand entfernt wird – surft auf der S-Bahn oder klettert die Glasfassade einer Großbank herauf, von wo er jederzeit unbeteiligten Passanten auf den Schädel möllern könnte. Doch das ist ihnen wumpe, ihr bisschen Bewusstsein macht ja innerhalb der Grenzen Schluss, die sie ausdehnen wollen, und das geht bei ihnen nicht ohne Gewalt gegen sich und alle anderen.

Als Spezies hat er der Mensch jedenfalls gut in die Wege geleitet, sich einem kollektiven Urteil zu unterziehen, ob er dieses Ordal überlebt. Wir zerstören mit hohem technischem Aufwand unseren Planeten und testen kollektiv aus, ob es uns gelingt, die komplette Zivilisation über die Wupper zu schaffen. Die Chancen stehen nicht schlecht, auch wenn es hin und wieder Nachwuchs gibt, der von geistig normalen Erzeugern abstammt und den Schwindel durchschaut. Doch wir hören ihre Warnung nicht, sie erricht uns nicht im Grenzgebiet zwischen Lebensgier und Todessehnsucht. Es hätte in den früheren Zivilisationsstufen kein Tabu sein dürfen, sich bei chronischem Lebensüberdruss die Kugel zu geben, das hätte langfristig die Art erhalten. Wir hätten möglicherweise die Geschichte neu schreiben müssen, auch das wurde und wird praktiziert. Aber wir wären gezwungen gewesen zum Umdenken, und da sind sie wieder, die Grenzen unserer Welt. Wir wissen eben, bis wohin wir zu weit gehen können.