Bärchenwurst

14 05 2019

„Also heute dann mal die Landmetzgerei Grubsch, okay? Guter Betrieb, da werden Sie wenig zu kontrollieren haben. Alles sauber, immer gut gelaufen, und sie haben jahrelang sämtliche Preise abgeräumt für ihre Wurst. Der Leberkäse war auch nicht ganz übel. Aber wie es so ist, seit 1967 haben die halt keinen Nachfolger mehr.

Das hält uns aber nicht davon ab, den Betrieb regelmäßig zu kontrollieren, ob die Maschinen auch ordentlich in Schuss sind und ob die Verordnungen in Bezug auf Pökelsalze und Lebensmittelhygiene eingehalten werden. Das ist alles eine etwas sehr schwierige Materie, deshalb wird uns die Ministerin da aushelfen. Die Routinekontrolle sollte schon nach zweiundfünfzig Jahren sein, jetzt haben sie die Kontrolldichte durch Ausdünnen des Personals und die geringeren Auflagen wesentlich entschärft. Das heißt, dass in Deutschland wettbewerbsorientierte Fleischwaren auf den Markt kommen, das heißt: kein EU-Wahnsinn mehr, nicht mehr diese totalen Kontrollen, die uns nur extrem viel Geld kosten – das Geld ist natürlich trotzdem weg, wenn man als Studienabbrecherin der katholischen Theologie ein Ministerium leitet, dann versickert das Geld irgendwo anders, Sie müssen nur daran glauben – und die Preise bleiben stabil. Stabil hoch, und zwar so, dass die gierigen Tierproduzenten sich nicht noch mehr an den Produkten bereichern, denn Sie wissen doch, dass unsere Ministerin immer nur das Wohl der Verbraucher im Auge hat, nicht wahr?

Wir müssen das einfach entzerren, verstehen Sie, bei den Schulmassakern fragt man auch immer: wie konnte der Zugang zu Schnellfeuerwaffen haben, da gab es nicht einmal einen Schützenverein, das Landratsamt hat nicht zugestimmt, obwohl es sich gar nicht um einen Reichsbürger gehandelt hat oder um irgendeinen anderen Junkie, der sein Heroin auf Staatskosten bezieht – wir müssen diese Sachen so schnell wie möglich aus dem Fokus der Presse befördern, die linken Hetzmedien wollen doch immer einen Verantwortliche finden, bevor die rechten Hetzmedien Merkel für alles verantwortlich machen. Wir müssen dieses Land nun mal stabilisieren, und das heißt, wir brauchen nicht immerzu neue Lebensmittelskandale. Einmal pro Jahr in der EU ist genug, und wenn es einen Fall pro Mitgliedsland geben sollte, müssen sich die Mitgliedsländer bitte immer noch rechtzeitig melden, sonst kriegen die halt einen zugewiesen.

Neulich hatten wir so einen Verdachtsfall in Brandenburg, aber das hat sich schnell aufgeklärt. Da hat ein Verbraucher eine Scheibe Bärchenwurst analysieren lassen – seitdem da überall in der Fußgängerzone Radfahrer von Wölfen gejagt werden, die in zehn von drei Fällen Schäferhunde oder fette Pudel sind, kann man die Sache sowieso in die Tonne treten – und da hat sich herausgestellt, da war nur Schweinefleisch drin. Machen Sie was dran, das war ein hohes Tier bei den Vegetariern. Das kostet uns Stimmen.

Außerdem müssen Sie das auch im gesamten politischen Kontext sehen, was unsere Ministerin da macht: der Begriff ‚Kontrolle‘ findet quasi nicht mehr statt, das heißt, wir kontrollieren schon auch, aber nicht mehr so, dass es sich wie Kontrolle anfühlt, also wenigstens nicht mehr für die Betriebe, die kontrolliert werden. Das könnte man jetzt natürlich auch flexibel weiterdenken, im Sinne der Freiwilligkeit etwa, die in einem politisch liberalen System sowieso eine große Rolle spielen sollte. Sie melden sich als Betrieb freiwillig für eine Kontrolle an, und wir sehen dann mal, wann wir Zeit haben. Die Ergebnisse werden dann natürlich sehr viel besser, das ist ja klar, und wenn wir als zusätzlichen Schritt eine flexible Selbstkontrolle einführen, das heißt: Sie kontrollieren Ihren eigenen Betrieb und teilen dem Ministerium immer mit, wenn Sie Ihren eigenen Betrieb kontrolliert haben, dann bekommen Sie Ihren Wunschtermin für eine ministeriumsseitige Kontrolle, und da kontrollieren wir dann nur noch, ob Sie Ihren eigenen Betrieb kontrolliert haben. Wir beziehen die Wirtschaft ein in unsere Prozesse, das ist bürgernah, Sie müssen immer daran denken, dass auch in der Wirtschaft Wähler sind. Und Politik ist ja auch nicht alles, es gibt immer noch ein Leben nach der Politik. Also wenn man so arbeitet wie unsere Ministerin.

Im Endeffekt kommt dann die Kontrollampel, das ist ein Instrument des Verbraucherschutzes, der die Betriebe vor den Verbrauchern schützt, weil es dann nicht immer zu Nachfragen kommt, wenn man sieht, die haben eine Ampel auf den Produkten, also muss man sich mit dem Thema Kontrollen nicht mehr befassen. Beziehungsweise die Betriebe müssen das dann auch nicht mehr, weil sie dann ja freiwillig diese Ampel auf ihre Produkte kleben, ob sie sich auch kontrolliert haben. Da es durch die zunehmende Konzentration auf dem Fleischmarkt weniger Betriebe gibt, könnte man rein theoretisch auch die Dichte der Kontrollampeln weniger stark ansetzen, aber das kostet ja niemanden Geld, also kann man das rein theoretisch schon so lassen. Wir erfassen inzwischen kleinere Beanstandungen nicht mehr, so dass sich die Ergebnisse insgesamt schon sehr verbessert haben, und wenn wir jetzt davon ausgehen, dass bei einer freiwilligen Selbstkontrolle die Qualität nochmals steigt, dann haben wir am Ende eine quasi unkontrolliert kontrollierte Qualität auf dem Fleischmarkt.

Eine Autowerkstatt? Da würde ich lieber einen Ingenieur fragen, der sich mit solchen Sachen auch auskennt. Wenn jeder an Autos herumschraubt, und wenn das keiner ordentlich kontrolliert, was meinen Sie, wie schnell das lebensgefährlich wird?“