Instrumentelle Vernunft

22 05 2019

„Moment mal, was heißt: alle?“ „Alle.“ „Also echt alle?“ „Ja.“ „Wirklich alle!?“ „Ja doch, was denn sonst?“ „Dass ein paar Minister aus Protest in den Sack hauen, okay – aber alle!?“

„Ich verstehe es auch nicht, aber die Idee einer Expertenregierung ist doch sehr charmant.“ „Und warum haben wir das vorher nicht ausprobiert?“ „Weil die wenigsten Experten in die Politik gehen.“ „Dabei könnten sie dort am meisten ausrichten.“ „Allerdings immer unter strikter Einhaltung des korrekten Verwaltungsweges, einschließlich der erforderlichen Formulare.“ „Muss das denn sein?“ „Wie stellen Sie sich das denn sonst vor? Sollen jetzt die Finanzmathematiker durch die Lande tingeln und bei allen zuständigen Abteilungsleitern einen Vortrag halten, dass bis zu einer bestimmten Freigrenze keine Schulden mehr gepfändet werden, weil die Pfändung mehr kostet, als sie einbringt?“ „Das wäre doch mal ein vernünftiger Ansatz.“ „Leider fällt so ein Beispiel unter sich selbst: auch das kostet mehr, als es einbringt. Und wir werden nie fertig.“ „Das haben wir doch jetzt schon.“ „Also warum sollten wir dann eine Expertenregierung haben, wenn sie schlimmer ist als das, was schon jetzt hier herumkriecht?“

„Und was bringt dann so eine Regierung?“ „wir regieren wenigstens nicht mehr mit ideologischer Brille, nach der wir von bösen Flüchtlingen überrollt werden, die gar nicht kommen, und nur durch zusätzliche Dieselabgase vor der Islamisierung gerettet werden können.“ „Das ist aber nur eine Partei, die Sie da ansprechen.“ „Dann nehmen Sie meinetwegen noch hunderttausend Erwerbslose, denen wie durch Zauberhand ein Vollzeitjob wächst, wenn sie nur höhere Zuverdienstgrenzen haben und dafür zum Ausgleich auf den Mindestlohn verzichten und doppelt so viel arbeiten, wie der Bedarf ist.“ „Das heißt, wir müssen nur auf ideologische Wahnvorstellungen verzichten, und schon wird alles gut?“ „Es wird zumindest nicht schlimmer als jetzt, das wäre schon mal ein guter Anfang.“ „Und warum haben wir es bis jetzt nicht ausprobiert?“ „Weil man den meisten Menschen ideologischen Unsinn einreden kann, aber keine Vernunft.“

„Warum wehrt sich der Mensch so sehr gegen die Vernunft?“ „Weil die meisten von ihnen der Ansicht sind, sie besäßen schon genug davon, also lassen sie sich nicht zusätzlich von außen welche aufschwatzen.“ „Das heißt, sie wollen lieber Visionen?“ „Natürlich. Lieber jede Menge utopischen Schwachsinn als gar keine Zukunft.“ „Kann man den Menschen dann nicht eine solche ideologiefreie Politik als Vision verkaufen?“ „Das versuchen Sie mal. Die Leute werden Sie kreuzigen.“ „Warum?“ „Weil sie den Ansatz erst recht für ideologisch halten. Gehen Sie hin und erklären Sie den Menschen, dass Europa demnächst im Meer versinkt, und jeder wird Sie mit großen Augen angucken.“ „Hm.“ „Gehen Sie hin und erläutern Sie anhand von geophysikalischen Messdaten, dass Europa demnächst im Meer versinkt und wir leider den Durchschnittshaushalt mit tausend Euro Steuern belasten müssen, um unseren Arsch zu retten, und die Leute werden mit Steinen nach Ihnen schmeißen.“ „Weil ich es Ihnen einrede?“ „Weil Sie es ihnen beweisen können. Das wollen sie nicht. Und es ist sozialistischer Terror und Gleichmacherei, weil sie unterschiedlich behandelt werden.“ „Wie das denn?“ „Weil den Erwerbslosen trotz doppelt so hohen Bemühungen doch kein Vollzeitjob wächst und sie deshalb gar keine Steuern zahlen können.“ „Ideologie ist also, wenn man selbst nicht von der Politik bevorzugt wird?“ „Ideologie ist, wenn es nicht jemanden gibt, den man schlechter behandeln kann, weil man davon überzeugt ist, dass er es verdient hat.“ „Und wenn man den Leuten erklärt, dass das nicht mit unserem politischen System vereinbar ist?“ „Dann ist man ein Ideologe, weil man das System vertritt.“

„Dann sind also Sozialleistungen immer eine Form von Ideologie, weil sie im System der sozialen Marktwirtschaft angelegt sind.“ „Genau. Und Steuersenkungen für Leute, die sowieso nicht die Steuern zahlen, die sie nach Recht und Gesetz zahlen müssten, sind selbstverständlich keine Form von Ideologie, weil sie nichts mit diesem System zu tun haben.“ „Dann ist also eine Expertenregierung nicht ideologisch.“ „Wie kommen Sie jetzt darauf?“ „So eine Expertenregierung ist in diesem System gar nicht vorgesehen, die Politik wird doch von Parteien gemacht.“ „Aber nicht der Staat.“ „Kann man den nicht umgehen?“ „Dann sind wir wieder bei der Umgehung der Institutionen und bei einem vollkommen ineffizienten Herumregieren, das von außen gut aussieht und von innen nichts bringt.“ „Aber wenn wir das einigermaßen ideologiefrei hinbekommen, dann orientieren wir uns doch an den vernünftigen Zielen.“ „Also beispielweise an der Durchsetzung von Fünfjahresplänen.“ „Das habe ich nicht gesagt.“ „Aber da endet es meistens, weil die instrumentelle Vernunft jedes Mittel heiligt und damit auch schon wieder ideologisch wird.“ „Das heißt, man könnte auch Steuern senken, wenn es nur der Durchsetzung eines rationalen Gedankens dient.“ „Oder Arbeitslager bauen.“ „Aber das würde ja wieder dem System eines demokratischen Staates widersprechen.“ „Kommt immer darauf an, was Sie unter Demokratie verstehen.“ „Ich habe keine Ahnung. Fragen Sie die Experten.“

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