Totenstarre

26 06 2019

„Also das ist äh… ja.“ „Ich würde da nichts sagen, aber wir müssen ja.“ „Könnte man da nicht irgendwie so rein strategisch einfach mal die Fresse halten?“ „Die erwarten schon, dass wir uns dazu positionieren, finde ich.“ „Krass.“ „Ja, aber nicht wieder mit irgendwelchen Wortspielen.“ „Wozu das denn? Gesine Schwan ist schon schlimm genug.“

„Sie hat sich selbst ins Gespräche gebracht.“ „Sie hat gesagt, wenn man sie denn fragen täte, würde sie nicht so tun, als würde sie nicht wollen.“ „Also Extrawürstchen.“ „Krass.“ „Das ist doch wieder dieses passiv-aggressive Getue, das einem bei der SPD eh die ganze Zeit auf die Plomben geht.“ „Weil sich da jeder bitten lässt?“ „Weil sie vorher alle so tun, als ob man sie nicht will, weil sowieso jeder weiß, keiner hat so richtig Bock auf diesen Scheißjob.“ „Deshalb will ja auch keiner.“ „Das wissen alle, es will nur keiner wissen.“ „Oder hören.“ „Weshalb es auch keiner weiß.“ „Und wir müssen jetzt die Oma aus dem Osten ranlassen, weil sonst keiner den Arsch nach vorne schiebt.“ „Immerhin ist sie Professorin.“ „Ja, an dieser Homöopathieuniversität Hogwarts an der Oder.“ „Da lernt die Jugend wenigstens noch an Dinge zu glauben, die man nicht sieht.“ „Also hat Kühnert da seinen Dachschaden erworben?“ „Wie kommen Sie denn darauf?“ „So ganz normal kann man doch als junger Mann nicht sein, wenn man mit der eigenen Großmutter eine Partei aufziehen will.“

„Immerhin verlangt sie, dass es erheblicher Unterstützung bedarf, bis sie kandidiert.“ „Tolle Wurst.“ „Was hat sie sonst angedroht?“ „Vermutlich will sie wieder Bundespräsidentin werden, wenn man sie nicht rechtzeitig verhindert.“ „Krass.“ „Wer ist so verzweifelt und stellt diese Frau noch mal auf?“ „Möglicherweise die SPD?“ „Ich sagte ‚verzweifelt‘, nicht ‚meschugge‘.“ „Und dann noch mit Kühnert als Juniorpartner!“ „Immerhin eine Rolle, mit der sich die SPD in Regierung und Opposition inzwischen ganz gut auskennt.“ „Das heißt im Umkehrschluss, dass sie es Kühnert gar nicht zutraut.“ „Also sie hat es ganz klar davon abhängig gemacht, dass Kühnert den anderen Teil der Doppelspitze macht.“ „Und sie hat gesagt, sie sei davon überzeugt, dass Kühnert es nicht will.“ „Das würde nicht mal Schröder wollen, wenn Sie ihn aus dem Flüssiggasparadies entführen würden. „Jedenfalls nicht an der Seite von Gesine Schwan.“ „Und dann haben wir es wieder, sie stellt eine Bedingung auf, von der sie vorher weiß, dass sie nicht erfüllbar ist.“ „Passiv-aggressiv.“ „Krass.“

„Ich frage mich, wie wird man so?“ „Machen Sie das mal mit.“ „Was?“ „Große Koalition. Diesen ganzen Zirkus, wenn Sie eine Chefin haben, die eigentlich ganz vernünftige Ansichten hat, aber eine Reihe von Kollegen, die besser in der geschlossenen Abteilung aufgehoben wären.“ „Stimmt, insbesondere die CSU.“ „Da kann man ja nur mit Renitenz antworten.“ „Oder so unbeweglich werden, wie das unsere Partei seit Jahren ist.“ „Verwechseln Sie das bitte nicht mit der normalen Totenstarre.“ „Dann würde Schwan ja gut zum äußeren Erscheinungsbild der SPD passen.“ „Ich bitte Sie, die Frau ist doch höchstens scheintot.“ „Also Vortäuschung falscher Tatsachen.“ „Dann ist sie auf dem Posten mindestens okay.“

„Und der Kühnert?“ „Würde ganz gut zu ihr passen.“ „Wie soll ich das denn verstehen?“ „Immerhin ist er auch einigermaßen unangepasst.“ „Aber so verzweifelt, dass er sich mit Schwan vor einen Karren spannen lässt, kann man gar nicht sein.“ „Er ist der ideale Kompromisskandidat.“ „Klar, die Kernkompetenz der SPD: Kompromisse finden, wo sie keiner gesucht hat.“ „Das klingt wie die harmonische Verbindung aus Sozialabbau und weniger Klimaschutz, ein Spiel für die ganze Familie von achtzehn bis achtzig.“ „So verbiestert würde ich das gar nicht sehen: sie ist halt die Kandidatin für Leute, die nicht unbedingt nach Fakten gehen, sondern dieses etwas angestaubte Gefühl von Willy-Brandt-Sozialismus wollen.“ „Und er macht uns dann den Helmut-Schmidt-Pragmatismus mit dem etwas spröden Charme der stabilisierenden Mittelschicht, die eine ist, weil sie keine sein will.“ „Ideologisch gesehen?“ „Ja.“ „Krass.“ „Ich meine, jetzt ist es ja auch schon egal, da können wir doch gleich die beiden nehmen.“ „Sie meinen, beschissener wird’s eh nicht mehr?“ „In der Art, ja.“ „Aber das darf doch nicht der Grund sein, jeden Murks zu veranstalten, nur weil man es kann.“ „Dann haben Sie die große Koalition offensichtlich größtenteils verdrängt.“ „Und dazu brauchen wir jetzt eine gescheiterte Leiterin einer Verwaltungsklippschule, die einer strauchelnden Volkspartei die Beine wegtritt.“ „Mit dem Joker im Gepäck.“ „Wenn Sie Kühnert meinen, das ist allenfalls ein Klabautermann auf Süßwasserfahrt.“ „Dabei hat diese Personaldebatte doch auch schon wieder Charme.“ „Finden Sie!?“ „Immerhin spricht man über die SPD, und es geht ausnahmsweise mal nicht um Inhalte.“ „Wie gesagt, die Sache mit der Kernkompetenz.“ „Ich möchte dazu jetzt nichts mehr sagen.“ „Es kann Sie keiner zwingen.“ „Jetzt ändert das ja auch nichts mehr.“ „Wie soll ich das denn verstehen?“ „Ach, das war jetzt nur so als Floskel gedacht. Interpretieren Sie da nichts rein.“ „Hm.“ „Ich meine, so verzweifelt, wie wir gerade sind, warum identifizieren sich da nicht viel mehr Leute mit uns?“ „Wir sind nicht aggressiv genug.“ „Aber passiv.“ „Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.“ „Aber sie stirbt.“ „Das ist das Schöne an unserer Politik.“ „Was?“ „Wir wissen immer genau, wo die Reise hingeht.“