Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXII): Die Busfahrerfrisur

12 07 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Jeder, und das heißt ja tatsächlich: jeder, in der Historie verzeichnete Charakter hatte sein typisches Gepräge, seine physiognomischen Wahrzeichen, an denen er eindeutig identifiziert werden konnte. Kleopatra sagte man einen Riechkolben von Anmut nach, auf den auch der gemeine Zyklop hin und wieder ein Auge warf. Kaiser Friedrich war als Kind in einen Topf voll gequirlter Tomate gefallen, mutmaßlich auf seinem ersten Trip in die Toskana, und hatte nicht genug Nudeln im Gepäck – der Kinnbewuchs sollte dementsprechend ausfallen. Das auf der Märchenmodelschule als dreifache Begabung aufgefallene Schneewittchen entpuppte sich später als regelmäßige Konsumentin von Puder, Lippenstift und Schaumtönung Nr. 23 mit Konzertflügelglanz – nicht Natur, aber verdammt stilsicher kombiniert. Was aber ist ihr Gegenteil, die perfekte Symbiose von Mensch und Material und dabei so gegen jeden Ansatz von Vernunft? Es gibt nur eins, was zugleich ehrfürchtiges Schweigen und sickernden Angstschweiß hervorruft. Es ist die Busfahrerfrisur.

Seit der Erfindung motorisierter Mehrsitzer, mit denen der deutsche Rentner im Schunkelzwang durch Sauerland und Schwäbische Schweiz gurken kann, werden diese Karossen durch einen Typ Mensch, nein: Mann gelenkt, der Gerüchten zufolge bereits als Embryo mit fusseligem Oberlippenbart im Fruchtwasser schaukelt wie ein Kegelverein im Anstieg der Kasseler Berge, angstfrei, da von der tiefen Sinnlosigkeit des Seins geborgen, und ohne jeden Anflug von Geschmack. Wenn die in Beige eingewickelte Trevirakarawane auf den Parkplatz vor der Autobahnraststätte kippt, ein letztes Zischen der Bremszylinderentlüftung noch im Innenohr, kurz bevor zwei weinrote Stiefeletten über einer mit leichtem Schlag ausgestatteten Stretchhose auf die Treppe gegenüber dem Fahrerbock steigen, ragt ein kotflügelgleicher Wulst in Kopfhöhe aus der Karre und kündigt das an, was die ersten Augenblicke der Kontaktnahme mit diesem fremden Stückchen Erde bestimmen wird. Es ist jene Haartracht, die in Ausführung und Symbolgehalt nur den Buslenkern zusteht und von diesen also weitergegeben wird, von Mund zu Ohr, von Generation zu Generation. Sie heißen Manfred oder Horst, und man glaubt es ihnen sofort, schon aus Furcht, das Gegenteil beweisen zu müssen.

Zur Anfertigung dieses Haardesigns wird der Schopf in einer Art Scherbewegung simultan nur nach oben und nur nach hinten geschoben – Kämmen ist nicht der korrekte Ausdruck für diese Art von Materialkaltverformung, die mit einer quasi homogenen Masse an Mähne eine an den Seiten trumpeske Ohrüberrollbügelwoge gestaltet, auf die eine Frontaltolle so aufgebracht wird, dass man nicht sagen kann, welches Bauteil von welchem in der bebensicheren Schwebe gehalten wird. Die Konstruktion dieses Haarschwalls verhöhnt jede Physik, keiner weiß, was Welle ist und was Teilchen. Man sagt, Monsieur Pompadour habe diesen Look erstmals aus den Überresten mehrerer Pferdeschwänze erfunden und sich zur ästhetisch korrekten Stirnbeule drei Pfund Kuchen auf die Kalotte gedübelt – noch Marie Antoinette soll den Stylingtipp an modisch desinteressierte Untertanen herausgegeben und dabei gründlich missverstanden worden sein.

Was die Aerodynamik dieses Keratinkeils betrifft, so würde eine sich jäh aus der Dichtung lösende Frontscheibe, die en bloc ins Innere des Truppentransporters zoscht, durch die in Planckzeit einsetzende Beschleunigung im Fahrzeugvorderteil ein ruckartiges Durchstoßen des vierdimensionalen Kontinuums bewirken. Viele wurden am 21. Oktober 2015 kurz gesehen, dann nie wieder. Es gibt Mutmaßungen, dass niedermolekular mit dem Kopfputz verschwiemelte Substanzen eine Viskosität jenseits von Kruppstahl erzeugen und die Spannkraft dieses Verbundwerkstoffs sich in der Nähe von Industriediamanten befindet. Aber das ist nicht Sinn und Zweck dieser Haarmode. Sie ist der aus dem Inneren gewachsene Integralhelm des immer leicht grundgenervten Fuhrmanns, die unkaputtbare Tarnkappe des ewig ganz links mit sechzig streckenstehenden Mobilhindernisses, die Emanation von Bewegtbeton. Eine ganze Welt prallt daran ab, kein Kantholz, kein Knüppel, keine Spaltaxt kann diesem Tothornpanzer je etwas anhaben. Mit fünfzig Knalldeppen in blendender Abendsonne über die A1 und dann schmackig Countrygewimmer aus der Bordbeschallung, damit man nicht beim Wegpennen von der Leitplanke filetiert wird – wer das sein Leben nennt, braucht weder eine Dauerwelle noch mit Bauschaum pfiffig nach oben gepopelte Strähnchen. Dieser tief in den Nacken wuchernde Wuchs hat der Welt dank formstabilisierender Sprühlackprodukte gut die Hälfte des Ozonlochs eingebrockt, die man mit Reisebussen allein nie hingekriegt hätte. Noch lebt der Glasfiberelvis und schwenkt Schmalzlocken in die wehrlose Umgebung, aber schon naht sich der servicebewusste Kutscher. Er trägt die Schläfen manierlich kurz, die Ohren frei, den Nacken sauber ausrasiert. Wahrscheinlich darf man demnächst während der Fahrt auch mit ihm sprechen. Es ist zum Weinen. Noch bleibt uns als Stilikone Darth Vader. Aber ist das ein Trost?