Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXIII): Das Trachtenfest

19 07 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es muss kurz nach der Einführung des Staatswesens gewesen sein, dass sich Bürger, Bauer und Bettelmann am Biertisch die jeweiligen Köpfe kratzten und also dachten: lasset uns distinktive Merkmale anbringen auf jegliches Kleid, auf dass ein jedes sehe, wenn einem ein Bürger auf der Straße entgegenkomme, denn sonst würde man ihn vielleicht mit dem Herzog verwechseln, dem Papst auf Urlaub oder einem Klempner. Und so geschah es. Die Bauern verzichteten fürderhin auf spitze Schuhe und seidene Hauben, unter den Klerikern sah man nur noch in Ausnahmefällen Lederjacken oder Tarnanzüge, und ehrlose Berufe wie Soldat oder Investmentbanker mussten gar durch hässliche Hüte von der anderen Gassenseite aus erkennbar sein. So weit, so gut. Schließlich und endlich aber siegte die Unvernunft, und die einzelnen kleinen Einzugsbereich der Macht forderten das Bewusstsein der Grenzziehung. So kam die Tracht.

Denn innerhalb der einzelnen Regionen musste sichtbar werden, ob eine Stallmagd nun aus dem Ober- oder aus dem Niederhüppelhausener Tal komme. Jammer, Pein, dräuend Ungemach hätten sonst die Welt überzogen, hätte auch nur einer es verwechselt. Also bommelten sich die einen bunte Puschel an die Wagenradhüte, an denen weithin zu erkennen war, ob es sich um eine verheiratete Magd oder noch zu verkuppelndes Brautmaterial handelte, während die anderen durch extrem bestickte Westen mit Puffärmeln und doppelt umgeschlagene Krempelmanschette mit sechs Reihen von Knöpfen aus goldbesetztem Hirschhorn mit eingefrästen Aposteln ihren Stand repräsentierten. Es hätten auch rote, blaue oder grüne Gürtel sein können, die optisch dieselbe Information für den Eingeweihten zeigen, doch wo bleibt da der Spaß, sich in wirrem Masochismus an Fest- und Feiertagen mit einem Zentner Leinwand am Leib durch sengende Hitze zu bewegen, um jedermanns Wohlhabenheit zu demonstrieren.

Die Sache ist ja, wie nicht anders zu erwarten, zoosemiotisch bedingt: kaum juckt dem Tier das zur Reproduktion vorgesehene Organ, schwellen ihm Kamm, Bauch oder Füße, zum Behufe der Vermehrung nicht zwingend notwendige Dinge, die aber ob ihrer Form und Farbe als Superzeichen wahrgenommen und also in der Hirnerbse verquast werden. Die ewige Wiederkehr der Erscheinungen, roter Kamm und angeschwollener Bauch mit grell gemustertem Federkleid, löst den entscheidenden Reflex aus in der Denkmasse angeblich niederer Organismen, so dass Singvogel und Mandrill, neoliberaler Wirtschaftswissenschaftler oder jede andere gewöhnliche Braunalge auf Durchzug schalten, sobald die Argumente getauscht sind. Die Lampe glimmt, die Botschaft stimmt – rein ins Vergnügen, der Automatismus ist nicht umsonst einer, denn ab hier ist die Natur wieder unter sich und muss sich nicht durch die störende Vernunft in die Suppe spucken lassen.

Und so marschiert erst recht heute im Zeitalter der enthemmten Globalisierung zum Trachtenfest manch Landmannschaft untergegangener Ethnien auf, um wenigstens den textilen Leistungsnachweis zu erbringen, wie wichtig es doch ist, aus dem unteren Kreidefelsengebirge zu entstammen, wo die Frauen sich historisch stilisierte Eimer an die Ohren schwiemelten, damit man sie nicht gleich mit ihren Schafen verwechselte. Fern jeglicher historisch haltbaren Bildung, wie sich auch Vertriebene als angeblich kulturell motivierte Zusammenrottung gerieren, zelebrieren diese Sonntagsnostalgiker ein Jammerfestival, um ihre geklonte Herkunft zu zeigen. Dass gerade die urbane Bevölkerung sich in Lederhosen und gebirgstaugliche Kittelschürze zwängt, ist auch ein Zurück zur Natur, hier meist in der Version aus Biobaumwolle, von liebevollen Kinderhänden in Ostasien gekämmt, damit die ostdeutschen Regionalverbände tagesschaufähiges Bildmaterial schießen können. Zugleich feiert diese Gesellschaft in sonntäglicher Halbtrauer mit Personenstandsanzeiger und sozialem Marker an der Flanke ein erstaunlich offenes Verhältnis zur Migration, auch zur politisch erzwungenen – wer noch vor drei Generationen aus den Karpaten kam, ist heute selbstverständlich ein Teil der westlichen Kultur und darf auf seinen Sonderstatus hinweisen, der unsere vielfältige Identität bereichert. Wer vor fünfzig Jahren einmal aus der Levante kam oder aus Nordafrika, darf aber gerne dorthin zurückkehren, denn er passt ja augenscheinlich nicht zur Tradition der postmodernen Blut- und Bodenständigen. Die unfreiwillige Komik gebiert sich dabei nur dem Außenstehenden, der zuschaut, wie ein Aufmarsch von Knalltüten so undialektisch wie bedenkenlos Versatzstücke einer so nie existiert habenden guten, alten Zeit anzieht, als wären sie nie Indikatoren gewesen, die von der Mitwelt gelesen werden. Dass Unwissenheit das eigene Selbstbewusstsein enorm entlastet, war noch nie ein Geheimnis. Immerhin, es ist noch keine Uniform.


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