Für eine Handvoll Euros

23 07 2019

„Es ist ja ein moralisches Dilemma, da gebe ich Ihnen durchaus recht. Diese vielen, vielen jungen und motivierten Menschen, die da aus den ärmsten Verhältnissen kommen, die suchen ein besseres Leben und müssen diese gefährliche Überfahrt auf sich nehmen, und wer das Mittelmeer kennt, der weiß schon, dass das eine ungeheure Gefahr ist. Wir können uns ja nicht einfach so verweigern, aber das ist gerade die Gefahr: was fangen wir da an?

Sie müssen mir jetzt nicht mit irgendwelchen moralischen Vorträgen kommen, Fluchtursachen bekämpfen und so, denn das machen wir ja gerade. Es sind so viele Menschen da irgendwo in Afrika, die mit ein paar Dollar am Tag gerettet werden, ach was: denen man mit diesem bisschen Geld Hilfe zur Selbsthilfe geben könnte, damit sie sich eine gute neue Existenz aufbauen. Das müssen wir aus historischer Sicht schon tun, das ist ganz klar, und wir wollen uns davor auch gar nicht drücken. Und wir wollen auch keine rechtskonservativen, ach was: dieses ganze nationalbesoffene Gefasel, die müssen schon in Afrika Asylanträge stellen, damit wir die ablehnen können, am besten schon in den Konzentrationslagern an der afrikanischen Küste, das lehnen wir entschieden ab. Das ist mit der deutschen Industrie nicht zu machen.

Mit der deutschen Rüstungsindustrie schon gar nicht. Wir sind moralisch absolut unbestechlich, das müssen Sie uns jetzt einfach mal glauben, und wenn Sie das überfordert, dann kann ich das nicht ändern. Diese vielen Menschen kommen zu uns nach Europa und speziell in die Bundesrepublik, und wir müssen ja dafür sorgen, dass wir das unterbinden. Indem wir Fluchtursachen bekämpfen, allem voran die Perspektivlosigkeit durch viel zu wenig Jobs in den Heimatländern. Da haben wir uns gesagt, also vielmehr: einer von uns, der hat so eine links eingestellte Tochter, und die rennt immer mit so einem Aufkleber auf dem Rucksack herum, wenn keiner zum Krieg geht, kommt der Krieg eben her. Ist auch durchaus kundenfreundlich irgendwie, finde ich zumindest, dass man den Afrikanerinnen und Afrikanern eine gut Perspektive eröffnet, denn das ist eine klare Botschaft: Beschäftigungsgarantie für alle, solange der Krieg hübsch weiterläuft.

Das muss man jetzt nicht lange diskutieren, das versteht so ein Afrikaner eh nicht. Die hocken da auf den Bodenschätzen und wundern sich, warum man bei denen gerne mal ein bisschen buddelt für Stabilisierung und Wachstum an der Börse. Deshalb haben wir den Krieg, das heißt die Rüstung, gleich zu denen ausgelagert. Alles vor der Haustür. In der Sahelzone ist ja genug Platz, gut, der Anfahrtsweg ist etwas sandig, aber wir kriegen die Rohstoffe per Luftfracht, und der Afrikaner muss sich nicht beschweren. Die wurden da geboren, dann kommen die mit der Landschaft auch irgendwie zurecht.

Überlegen Sie doch mal, was das für ein technologischer Fortschritt wäre! Also der Afrikaner ist nicht gerade für große Erfindungen bekannt, der kann ja gerade mal aus europäischem Müll neue Konsumgüter für seinen doch recht überschaubaren Bedarf erstellen. Das ist zwar betriebswirtschaftlich durchaus interessant, die DDR hat damals meines Wissens nach die letzten zwanzig Jahre lang auch nur überlebt, weil bei denen russische Mechaniker aus einem massiven Block Gusseisen, der trotz planwirtschaftlicher Sorgfalt gegossen wurde und dann in der Gegend herumstand, mit der Nagelfeile eine funktionsfähige Lokomotive herausgefräst haben. Das ist noch Qualität, das hat man denen auch lange genug beigebracht. Und genau da setzen wir jetzt an.

Dass wir unsere Rüstungsproduktion jetzt direkt in die Abnehmerländer verlagern, hat natürlich auch einen nicht zu unterschätzenden ökologischen Aspekt, jetzt müssen wir die Rohstoffe nicht immer um den halben Globus karren und dann die Endprodukte wieder zurückschicken. Das spart jede Menge Kohlendioxid. So gesehen können wir uns vor unseren Kritikern auch aus der jungen Generation sehr gut rechtfertigen, dass wir gesundes Wirtschaftswachstum und tatkräftigen Umweltschutz miteinander verbinden. Und dazu noch die Entwicklungskomponente – wir schaffen Arbeitsplätze, viele Arbeitsplätze für Menschen, die sonst die Region verlassen würden. Ich weiß, was Sie sagen wollen, das wäre eine großartige Idee für den Osten, aber die Subventionen reichen da nicht aus, um die Aktienkurse stabil auf Wachstum zu halten. Hier bekommen wir die Rohstoffe viel preiswerter, und die Arbeitskräfte sind natürlich unschlagbar billig. Was die hier für eine Handvoll Euros machen, unglaublich!

Selbstverständlich knüpfen sich auch ein paar geostrategische Überlegungen daran, so völlig uneigennützig kann man ja gar nicht sein. Stellen Sie sich mal vor, die Bundesrepublik ist der größte Arbeitgeber in Nordafrika, daraus ließen sich doch dann auch gewisse politische Ziele ableiten. Da könnte man doch dann, so als alter Wüstenfuchs, in die Stabilisierung der Region investieren, und zwar gleich durch den Einsatz der relevanten Produkte. Da kann sich die Bundeswehr dann mal ordentlich austoben, Platz genug haben die ja, der Russe hat nichts dagegen, der Ami bleibt sowieso in jedem Sandkasten stecken, und Deutschland hätte endlich wieder seinen wohlverdienten Platz an der Sonne. Ist das nicht eine bezaubernde Vorstellung?“


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