Das halbe Leben

6 08 2019

„Der eine Tag!“ Anne warf die Papiere auf ihren Schreibtisch und suchte nach einem Kugelschreiber. „Außerdem sind wir immer noch rechtzeitig, und wenn nicht, hätte ich mit der Behörde schon einen Termin ausgemacht.“ „Und ihn ganz bestimmt nicht vergessen“, knurrte Luzie. Ich drückte mich tief in den Sessel hinein. Dicke Luft.

„Sie müssen für eine versäumte Frist gar keinen neuen Termin vergeben“, erklärte Luzie, und das sehr bestimmt. „Erst das mit dem Staatsanwalt, jetzt haben wir Ärger wegen des Bauantrags, und wenn wir die Anhörung in der Sache Hüttenklömper auch noch versauen, dann haben wir bald gar keine Mandanten mehr.“ Anne suche ihre Papiere wieder zusammen – ein paar von ihnen hatte es nicht auf dem Schreibtisch gehalten – und blätterte hektisch in ihrer Aktenmappe. „Dann trägt man die Termine eben in den Kalender ein, ist denn das so schwer?“ „Ich will mich nicht einmischen“, begann ich zaghaft. „Dann lass es doch“, tönte es zweistimmig zurück, einmal aus dem Sprechzimmer, einmal vom Tresen der Kanzlei. Tatsache war, dass Luzie Freese keine Schuld traf. Die wohlorganisierte Person mit dem Krauskopf, die luziefr zeichnete, hatte alle fraglichen Termine säuberlich in ihrem Kalender verzeichnet, nicht ein einziger fehlte, und sie hatte sie darüber hinaus auch noch an jedem Morgen der Anwältin vorgelegt mit der Frage, wo denn die zugehörigen Schriftstücke abgeblieben seien. „Meist liegen sie auf dem Fensterbrett“, konstatierte die Bürovorsteherin, „aber darauf kann man sich nicht immer verlassen. Ein paar liegen auch auf dem Aktenschrank oder in ihrem Schreibtisch, und dann steht kein Termin drauf.“

Der springende Punkt, das ließ sich leicht aus den bisherigen Ermittlungen ableiten, war der Einsatz, vielmehr: der fehlende Einsatz von Büroklammern. „Früher hat sie nämlich immer einen kleinen Zettel an die Akte geheftet“, erklärte Anne. „Wenn ich den Termin sehe, und die Akte liegt auf dem Schreibtisch, und ich weiß, dass beides im Kalender steht, dann kann ich doch gar keine Frist mehr versäumen.“ Ich verdrehte die Augen. „Du willst mir nicht erzählen, dass dieser Bauantrag für das Ferienhaus von Doktor Klengels Nachfolgerin fast an einer fehlenden Büroklammer gescheitert wäre?“ Sie runzelte die Stirn. „Wir hatten nämlich immer Büroklammern vorrätig.“ Damit schritt sie zum Aktenschrank, zog die linke Tür auf und zeigte aufs zweite Regal von oben. „Ich sehe Akten“, konstatierte ich. „Das hätte ich jetzt nicht erwartet. Muss das so sein?“

„Wir hatten dort immer eine Schachtel mit Büroklammer stehen, zumindest früher in der alten Kanzlei.“ Luzie verriet mir dies mit einem Ernst, den ich nicht erwartet hätte; es musste sich um eins der am besten gehüteten Betriebsgeheimnisse der Kanzlei handeln. „Normalerweise hole ich eine Büroklammer aus dem Schrank, aber jetzt ist die Schachtel nicht mehr da.“ Ich fühlte nach meinem Gesicht; es hatte eindeutig seine Form eingebüßt, war aber immer noch an der vorhergesehenen Stelle. „Und es ist keinem eingefallen, vielleicht eine neue Schachtel Büroklammern zu kaufen, wenn die alte sich nicht mehr auffinden lässt?“ „Ich wollte es mir ja in den Kalender eintragen“, antwortete Luzie kleinlaut.

Aus den drei Papierstapeln auf dem Fensterbrett ließ sich der anstehende Arbeitstag einigermaßen rasch rekonstruieren. „Ordnung ist das halbe Leben“, ätzte Luzie. „Ihr habt Euch vermutlich für die andere Hälfte entschieden“, gab ich ungerührt zurück. Anne kramte einen Bleistift aus der Handtasche. „Jetzt mach uns nicht auch noch Vorwürde, das hilft uns nicht weiter. Denk lieber mit: wenn Du eine Schachtel Büroklammern wärst, wo würdest Du Dich verstecken?“ „Im Kühlschrank“, antwortete ich. „Gute Idee“, meinte Luzie. „Das ist allerdings derart offensichtlich, dass man es schon wieder ausschließen kann. Denn wir gehen ja beide jeden Tag an den Kühlschrank, also wer hätte die Büroklammern dort hineinstellen sollen?“ „Ihr geht auch beide täglich an den Aktenschrank“, überlegte ich. „Also wäre das keine große Überraschung, wenn sich die Schachtel dort befinden würde.“ Luzie zog die Stirn in gefährliche Falten. Ich schwieg aus Vorsicht.

Allerdings hatte und bis jetzt nichts dem Ziel auch nur einen Schritt näher gebracht. „Wo würde ich mich verstecken“, murmelte ich, „wo würde ich mich verstecken?“ Mit einem Ruck zog ich eine der Schubladen an Annes Schreibtisch auf, griff nach der Schachtel mit den Büroklammern und stellte sie auf den Tisch. „Voilà!“ Luzie ballte die Fäuste. „da kann ich ja lange suchen!“ Immerhin, das Objekt der Verzweiflung war wieder gefunden. Mit der größten Selbstverständlichkeit ergriff Anne das Päckchen und stellte es zurück in den Aktenschrank auf das zweite Regal von oben. „Aber wir müssen uns für die Zukunft etwas einfallen lassen, dass wir nicht in Terminschwierigkeiten geraten.“ Anne suchte nach dem Abreißklotz. „Ich könnte die Termine mit Bleistift auf die Akten schreiben“, überlegte sie. „Oder mir einen Zettel schreiben und ihn an den Aktendeckel…“ Anne hielt inne. Angestrengt blickte sie auf die Fensterbank. „Wo sind eigentlich die Heftklammern geblieben?“

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