Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXVI): Der IKEA-Effekt

9 08 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es war Rrts Vater. Eventuell der Großvater. Länger lebte man seinerzeit ja nicht, um folgende Generationen noch selbst in Augenschein nehmen zu können. Jedenfalls war der Alte sehr zufrieden über den Jagderfolg des Juniors – Mammut vom Spieß, wie es sich gehörte, eigenhändig erlegt, gut abgehangen und vernünftig durchgebraten, kein TK-Billigfraß wie erfrorene Säbelzahnziege, die die Nachbarn aus den höher gelegenen Regionen der angrenzenden Hügellandschaft mitgebracht hatten. Dies aber merkte sich der Filius, dass jede Mühe Früchte tragen sollte und ein Ding mehr wert sei, wenn es mit der eigenen Hände Arbeit erschaffen respektive umgebracht wurde – und schon begann im Zuge der Evolution der Drang zu wirken, die Welt mit Artefakten zuzustellen. Noch gab es keine Bücherregale, die sich am krummen Fels der Einsippenhöhle entlang zogen, doch der IKEA-Effekt war seine ersten Schatten an die Wände.

So viel vermögen Menschen zu tun, wenn sie im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit aller Güter so wie alle Nachbarn sich eine preiswerte Stellage in die Bude kloppen, stapel- und abwasch- und verzichtbar wenigstens, was die ästhetischen Implikationen angeht. Für den Tischler hat keiner mehr die nötige Barschaft, und wer wüsste es schon zu schätzen, einen Biedermeier-Sekretär zu haben für die Blu-ray-Sammlung, wo doch Nussbaum so überhaupt nicht shabby genug aussieht. Während sich einfachere Gemüter den Kram aus Katalog und Sonderangeboten zusammenschwiemeln, zückt der unerschrockene Teilzeitheld den Innenkantsechser, bereit zu Splitter und Blase, und wuchtet zäh ein Mittelgebirge aus MDF plus Schraubenschrotttüte in den brökelnden SUV, rumpelt über Autobahn und Kopfsteinpflaster bis an die Butze, hievt den Schamott ins Dachgeschoss und beschließt nach der improvisierten Herz-Lungen-Wiederbelebung, noch am nämlichen Tage die Schrankwand hochzuziehen und die Vatikanische Bibliothek im obersten Bord einzulagern.

Alttestamentarische Flüche gellen durch den zuckenden Nachthimmel, während die manuell aus dem Althethitischen über Volapük und COBOL ins moderne Denglisch übersetzten Anleitungen dem Pionier der Holztechnik – bau auf, bau auf! – mit glasklarer Direktive ans Herz legen, die Schraube F33 in demm Löhlein zu bunzen, bis das Bunze nie der Ende von alles und tot. Doch auch das hat ein Ende, denn von siebzig versprochenen Schrauben F33 sind auch tatsächlich achtundsechzig in dieser Existenz manifest angekommen; flugs mutiert der Baumeister zum Statiker, der mit Glück und Gottvertrauen die beiden nicht als Sollbruchstelle qualifizierten Punkte des Pressspantrumms finden soll, um bei mangelhafter Armierung das Zeug in halbwegs lotrechter Verfassung in die Nähe des Rauhputzes zu bringen. Es gelingt, sieht natürlich auch bei unkritischer Betrachtung – wach, nüchtern und im juristischen Sinne zurechnungsfähig – derart scheiße aus, dass der beherzte Griff zur Axt die schmerzfreiere Variante darstellen würde, denn ist erst einmal ein Festmeter Taschenbücher in diesem Ding verkloppt, wird es kein Zurück mehr geben. Der letzte Nupsi ist auf die F33 gestöpselt, um den roh entgrateten Aluschrott wenigstens optisch an der Oberfläche zu kaschieren – es gab genau siebenundsechzig davon, aber das nur am Rande – und der Schöpfer betrachtet sein Werk, das ihn nur gut ein Dutzend Mal in die Nähe einer Hirnembolie gebracht hat. Es wackelt, was bei der windschiefen Aufstellung keiner geometrischen Erklärung bedarf, aber um nichts würde der Michaelangelo in der Mansarde sein epochales Schraub- und Dengelwerk wieder hergeben. Hier steht es nun, anders konnte er es nicht. Es ist, und es wird bleiben.

In gewisser Hinsicht läuft die Sache freilich aus dem Ruder. Nichts ist einzuwenden gegen die ab und zu auftretenden Versuche, die Backmischung durch Hinzugabe von etwas Milch und einem Ei in einen Eigenkuchen zu verwandeln, und wer seiner gebremsten Kreativität freien Lauf lassen will, wird mit Malen nach Zahlen sicher Erfüllung finden. Gefährlich aber wird der Hominide, wo er sich ohne Maß und Ziel ins Do-it-yourself-Abenteuer stürzt, jene Mutter der Materialschlachten im Krieg gegen Physik und Selbsteinschätzung. Nicht nur übersteigt die Mühe das sinnvolle Quantum, auch jeder Blick für das Ergebnis fordert und fördert kontinuierliche Wahnvorstellungen, wenn man das in die Gegend geklotzte Zeug am Ende auch noch als schön und wertvoll ansehen muss, obwohl ein bekiffter Primat mit Heißklebepistole und Sägeabfällen die Sache nicht signifikant schlechter hingekriegt hätte. Jene krude Selbstvergewisserung, mit der Kinder eine leicht am Tachismus orientierte Buntstiftetüde an der Kühlschranktür hängen sehen, führt unmittelbar zu der Erkenntnis, dass alles, was man schuf, mindestens göttlich inspiriert sein müsse. Vielleicht hätte man dem einen oder anderen Präsidenten in früher Jugend genug Schrauben in die Hand geben sollen. Oder ein Bolzenschussgerät. Die Welt, sie wäre ganz bestimmt eine der besten unter all den überhaupt möglichen.

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