Nachkriegsspiele

14 08 2019

„Schon wieder mehr Masernfälle. Und die Einwanderung kriegen wir auch nicht in den Griff. Es gibt keine bezahlbaren Wohnungen mehr, der Strom wird immer teurer, und können Sie mir mal sagen, was man heute eigentlich noch essen kann, ohne krank zu werden? Gut, dass der Krieg kommt.

Ja, Sie haben richtig gehört, ich freue mich auf den Krieg. Freuen Sie sich nicht auf den Krieg? Sie sind auf der sicheren Seite, zumindest solange, wie wir den Krieg gegen die anderen führen. Da ist sich wieder jeder selbst der Nächste, alle gegen alle, und da kann man sich während des Krieges sagen, man hat sich doch nur ganz normal für sein eigenes Land eingesetzt. Hinterher natürlich auch, da wird dann meistens nicht mehr so genau hingeschaut, weil die anderen ja irgendwie auch Schuld haben an der Misere. Wenn Sie vorher irgendwelche Probleme hatten, Rassismus, schlecht ins eigene Grundgesetz integriert, vielleicht waren Sie so ein dummes Arschloch, das Staatsbürger nur auf Grund ihrer Hautfarbe diskriminiert hat, dann haben Sie wenigstens hinterher immer die Möglichkeit zu sagen: das haben vor dem Krieg alle so gemacht. Das ist etwas anderes, als wenn Sie das ein Jahr später erklären, so ein Krieg ist eine historisch viel bedeutsamere Zäsur. Und wenn man Ihnen vorhält, dass Sie sich moralisch vollkommen verroht verhalten haben, dann können Sie ja immer noch sagen, so kurz vor dem Krieg sei das eigentlich gar nicht anders möglich gewesen. Sie sehen, so falsch ist die Sache gar nicht.

Aber auch für die Wirtschaft. Alles redet jetzt schon von Vollbeschäftigung, hier und da haben wir sogar schon Asylanten nötig, damit wir nicht bei der Müllabfuhr arbeiten müssen. Aber so ein Krieg braucht nun mal Menschenmaterial, und das muss in der Fabrik irgendwie ersetzt werden. Das wird für die Wirtschaft auch nicht leicht, die müssen dann die Löhne sehr stark nach unten anpassen, weil sie ja plötzlich keine Arbeitskräfte mehr finden, und dann haben sie auch nur noch ein sehr begrenztes Arbeitsangebot. Natürlich müssen Sie dann in die Rüstungsindustrie, man kann ja nicht einfach so mit Süßwaren und Sportmode weiter das Bruttoinlandsprodukt auf der Höhe halten, wenn das Land von den Feinden der deutschen Rasse, des Grundgesetzes, wollte ich sagen, von den Feinden des Grundgesetzes angegriffen und in seiner Existenz bedroht wird. Da muss man die Variablen schon ein wenig anpassen.

Zugleich sind das aber auch langfristige Jobs mit Bestandsgarantie. Wenn Sie in der Sportmode Tennisröcke nähen, können Sie sich nie sicher sein, ob Ihr Job in zwei Tagen oder zwei Wochen nach Ostasien ausgelagert wird. Bei kriegswichtigen Materialien ist der Nachschub schon gleich ganz anders kalkulierbar als bei den Tennisröcken, das lässt sich aus dem bisherigen Kriegsverlauf jedenfalls erheblich besser extrapolieren. Und dann müssen wir auch nachhaltig denken, so ein Krieg hat ja auch immer eine Nachkriegszeit, die wird diesmal zwar ein bisschen anders aussehen als bei den letzten Versuchen, aber wenn Sie sich mal vor Augen führen, wie allein die deutsche Wirtschaft davon profitieren würde – auf Jahre keine Arbeitslosigkeit mehr zu befürchten, der Sozialstaat ist für keinen mehr zuständig, weil sowieso keiner mehr etwas bekommt, keine überqualifizierten Arbeitnehmer.

Gut, auch keine Wirtschaft. Die oberen Zehntausend können sich noch mit Geldgeschäften über Wasser halten, dazu braucht man ja heute kein reales Vermögen mehr, und wenn man das Geld während des Krieges im befreundeten Ausland parkt, hat man auch nichts zu befürchten. Es wird diesmal keine schnellen Milliardenkredite geben, aber wir kehren sicher schnell zum üblichen Gefüge aus Macht und Einfluss zurück, zumal sich die europäischen Häuser sonst alles gegenseitig in den Knast sperren müsste. Wenigstens die Immobilien sind gerettet, für die Wälder bekommt man nur noch Zeitwert, aber das ist dann nicht mehr halb so wichtig. Wir werden ein neues Wirtschaftswunder schaffen, einen Aufbaupioniergeist, den nicht einmal dieser verdammte Sozialismus hätte erfinden können.

Und dann fühlen sich auch die Männer, die mit dem Panzer in die taktisch sinnvollen Gebiete einreisen, dann fühlen sie sich endlich wieder gebraucht. Bisher hatten wir ja immer große Schwierigkeiten, und gegen den Feminismus zu wehren, aber wenn nicht hier echte Männer gebraucht werden, um das Vaterland gegen alle zu schützen, die sich unserem Angriff widersetzen, wo denn dann bitte!? Wenn wir das erst einmal als nationale Aufgabe im Bewusstsein der Bevölkerung verankert haben, dann sollte es keine Drückeberger mehr geben, die uns davon abhalten. Wie gesagt, das ist nur so ein Denkmodell. Wir sind durchaus militaristisch eingestellt, denn was für Jahrzehnte in diesem linksradikalen Mainstream als völlig normal galt, das kann doch jetzt nicht total verkehrt sein, wenn wir endlich kapiert haben, dass wir endlich mal wieder eine Gelegenheit haben, das Vaterland zu verteidigen, wenn wir uns nur ein bisschen Mühe geben, denn sonst haben wir ja auch so schnell keine Gelegenheit.

Grundgesetz? Angriffskrieg? Ja, wissen wir. Deshalb verteidigen wir uns ja auch zuerst. Machen Sie sich mal keine Sorgen. Wir haben das bei uns im Wahlprogramm reingeschrieben, sogar ohne Verklausulierung und blumige Umschreibungen, und glauben Sie, dass es jemandem aufgefallen wäre? Wenn Sie wirklich wollen, dass man Ihnen nichts glaubt, erzählen Sie es jedem so, wie es ist. Man wird Ihnen nicht glauben, aber Sie haben nicht gelogen. Und Sie wissen, was das nach dem Krieg bedeutet. Also, worauf warten wir noch?“

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