Containern

19 08 2019

„Welcher Vollidiot hatte diese bescheuerte Idee!?“ „Keine Ahnung, irgendwer muss es wohl gewesen sein, und dann haben sie es einfach gemacht.“ „Na toll!“ „Überrascht Sie das etwa?“ „Sollte es das nicht?“ „Nein, ich meine: dass die SPD irgendeinen Scheiß macht und sofort danach nicht mehr wissen will, dass das Absicht war?“

„Ich würde jetzt ja lieber mal wissen, wer auf die Schnapsidee gekommen ist, die Kandidaten für den Parteivorsitz in so ein Big-Brother-Ding zu sperren.“ „Liegt doch nahe.“ „Verstehe, man sieht vorher schon mal, wer in erhöhter Deppendichte als erstes die Nerven verliert.“ „Nein, ganz anders.“ „Dann die Dauerbeobachtung?“ „Jetzt lassen Sie doch mal.“ „Was soll es denn dann noch sein?“ „Die sind alle vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten und wissen nicht, was da vor sich geht. Und die Reaktion kriegen sie auch immer erst mit, wenn es schon zu spät ist.“ „Okay, aber dafür hätte man die komplette Partei einsperren können.“ „Es wollten ja nicht alle mitmachen.“ „Dann hätte eine Beobachtung in freier Wildbahn durchaus genügt.“ „Die Gefahr ist zu groß, dass da einer wegrennt.“ „Und deshalb hat man sie in diesen Container gesperrt?“ „Das ist medial besser zu managen.“ „Bitte!?“ „Letztlich wissen wir alle, es ist völlig egal, was dabei rauskommt, die Zuschauer erwarten nur schöne Bilder.“

„Das da hinten rechts, das ist doch…“ „Ja. Ich weiß auch nicht, wie der da reingekommen ist, er hat aber gesagt, er fühlt sich immer noch der Partei zugehörig.“ „Der hat doch hier nichts zu suchen!“ „Da gebe ich Ihnen recht, aber es gibt auch solche, die sind der Ansicht, diese ganze Veranstaltung dient nur dazu, der SPD den Gnadenstoß zu geben.“ „Und er will den ganzen Laden auf die Schnelle abwickeln?“ „So ähnlich.“ „Na, das kann ja heiter werden.“ „Wenn er Pech hat, dann driftet die Partei in den Rechtsextremismus.“ „Das ist doch eine total bescheuerte Idee!“ „Ja, aber nicht so bekloppt wie die Toleranz, ihn nicht einfach vor die Tür zu setzen.“

„Jetzt sagen Sie doch mal, wie funktioniert das eigentlich?“ „Also die Teilnehmer werden hier in dem Ding beobachtet.“ „Ach was.“ „Doch, ja. Und dann wird regelmäßig einer rausgewählt.“ „Ich dachte, die treten hier auch schon als Doppel an?“ „Man will sich hier offensichtlich mal sehr flexibel zeigen. Da die Partei in den letzten Jahren…“ „Sagen Sie wenigstens ‚in den vergangenen‘, das hört sich nicht so depressiv an.“ „Meinetwegen. Da hat die Partei schon sehr viel Flexibilität gezeigt. Vor allem moralisch.“ „Und wer am Schluss noch drin ist, hat gewonnen?“ „Nein, hier gibt es ja nur Verlierer. Wer nicht vorher schon rausgewählt wird, muss es machen. Das ist ein kleiner Unterschied, vergessen Sie nicht: das hier ist die SPD.“ „Na gut, meinetwegen. Was ist dann mit dem hier?“ „Der hat gute Chancen, der wollte sowieso nicht.“ „Weil er ja als Bundesminister schon…“ „Aus dialektischen Gründen.“ „Dialektisch?“ „Er will schon, deshalb hat er ja vorher auch schon klargemacht, dass er gar nicht wollen kann, wegen der Verantwortung.“ „Das verstehe ich nicht.“ „Dann haben Sie es ja doch kapiert. Also dialektisch.“ „Meine Güte, jetzt nerven Sie mich nicht mit Ihrem spitzfindigen…“ „Dialektisch, das Wort ist: dialektisch. Deshalb hat er auch gesagt, er würde das nur machen, wenn die anderen ihn dazu auffordern würden.“ „Und, wozu ist er dann in dieser Klausur?“ „Weil da alle sind, die ihn dazu auffordern könnten.“ „Und wenn er nicht von ihnen aufgefordert wird?“ „Dann sagt er, dass er es ja eigentlich gar nicht machen wollte, das hatte er ja schon vorher klargemacht.“ „Und wenn sie es doch tun?“ „Dann sagt er auch , dass er es gar nicht machen wollte, und dass er das klargemacht hatte.“ „Also alles bleibt sich gleich?“ „Richtig. Wenn er den Vorsitz übernimmt, dann bleibt alles gleich. Aber das hatte er ja vorher klargemacht.“

„Aber mal im Ernst, gucken Sie sich mal den Altersschnitt in der Runde an.“ „Das hatte ich Ihnen doch erklärt, das ist auch Teil der Verantwortung in der Parteispitze.“ „Sie meinen, die wollen echt alle Verantwortung übernehmen für die Zukunft der…“ „Natürlich nicht. SPD und Zukunft, das wäre jetzt doch ein bisschen albern.“ „Das ist also auch schon wieder so eine dialektische Sache?“ „Nein, es geht bloß um die Vergangenheit. Die Politiker, die die Partei zwanzig Jahre lang in die Scheiße geritten haben, kennen sich doch am besten damit aus.“ „Mit der Sozialdemokratie?“ „Vor allem mit der Scheiße.“ „Und jetzt wollen sie die Partei aus der Vergangenheit retten?“ „Nein, in die Vergangenheit. Die SPD soll doch eines Tages wieder so stark sein wie vor der ganzen Sache.“ „Und deshalb sperrt man nun diese ganzen Arschlöcher in einen Kasten und wartet, wer nicht rausfliegt!?“ „Das ist eine Form des sozialen Handelns.“ „Ah, verstehe. Das ist russisches Roulette.“ „Nein, das ist Containern.“ „Was!?“ „Containern. Es gibt immer gute Gründe, etwas wegzuschmeißen, beispielsweise dann, wenn das Haltbarkeitsdatum überschritten ist und eine Gefahr für die Öffentlichkeit droht.“ „Und dann?“ „Dann gibt es Menschen, die haben derart eigene Ansprüche, dass sie sich aus dem Müll noch etwas Brauchbares heraussuchen wollen.“ „Auf eigene Gefahr selbstverständlich. Aber es bleibt halt immer ein Nervenkitzel.“ „Weil man nicht weiß, was man da rauszieht?“ „Auch. Aber überlegen Sie mal, wenn vor Ihnen schon ein paar Mann am Container waren, was meinen Sie, ist denn dann noch drin?“

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