Blaupause

2 09 2019

„Das ist jetzt aber doch ziemlich knapp geworden.“ „Naja, das entsprach auch unserer Strategie.“ „Wir hatten doch gar keine!?“ „Eben.“

„Aber reden muss man mit denen schon.“ „Wir haben jetzt die Wahl hinter uns, wir reden erst mal mit niemandem mehr.“ „Er meint nicht die Wähler.“ „Ach so.“ „Nur weil es Funktionäre dieser Partei sind, können di doch auch Sorgen haben, die man als Politiker ernstnehmen muss.“ „Stellen Sie sich mal vor, das klappt nicht mit der Landesliste und Sie müssten jahrelang arbeiten für Ihr Geld.“ „Der nackte Horror!“ „Da muss man auch schon mal solidarisch sein, finden Sie nicht?“ „Aber man muss doch nicht gleich über Koalitionen reden.“ „Das würde sich so aus dem Gespräch ergeben.“ „Hm.“ „Ich verstehe Ihre Skepsis, aber die wurden nun mal demokratisch gewählt.“

„Die haben gerade in den letzten Wochen voll gegen uns gekoffert, mit denen kann man jetzt nicht einfach so politische Gespräche führen.“ „Vielleicht wäre das gerade so ein Überraschungsmoment, dass man jetzt mit denen…“ „Unmöglich!“ „Außerdem würde Berlin das gar nicht zulassen.“ „Falsch.“ „Hä?“ „Die warten doch nur darauf, dass sie auf Landesebene demonstriert bekommen, wie gut eine Koalition mit denen funktioniert.“ „Und das wird dann eine Art Blaupause für eine Koalition im Bund?“ „Blaupause ist gut.“ „Die Koalition mit den Marktradikalen hat die ja auch atomisiert.“ „Jetzt können wir aber nichts mehr von Alternativlosigkeit erzählen.“ „Außerdem brauchen wir dann Merkel weiterhin als Kanzlerin.“ „Machen die nicht.“ „No way!“ „Macht sie doch auch nicht.“ „Dann macht sie’s halt als Beraterin.“ „Aus dem Hinterzimmer?“ „Merkel ist es wumpe, wer unter ihr Kanzlerin ist.“

„Dann müssten wir uns an einen ganz anderen politischen Stil gewöhnen.“ „Die CSU sollte dann erst mal ihre Kastrationsangst in den Griff kriegen.“ „Wer sagt, dass wir dafür noch die CSU brauchen?“ „Auch wieder wahr.“ „Vielleicht kommt es dann ja zur kalten Fusion?“ „Möglich.“ „Sie wissen doch, bei einer Fusionierung sind hinterher zwei Läden im Eimer.“ „Aber erst mal fliegt Personal raus.“ „Das wäre echt ein angenehmer Nebeneffekt.“ „Jetzt machen Sie hier mal nicht die Pferde scheu.“ „Wir können denen zeigen, dass die Demokratie im Wesentlichen von Kompromissen lebt.“ „Indem wir Kompromisse eingehen?“ „Zum Beispiel.“ „Das muss doch auch mal ganz entspannend sein, wenn man mal nicht alleine das Koalitionsprogramm zu verantworten hat.“ „Sie meinen, wenn man dabei nicht einmal mitreden darf.“ „Jetzt malen Sie nicht den Teufel an die Wand.“ „Ist halt so.“ „Immerhin sind sie nicht links.“ „Das hätte man uns nie verziehen.“ „Was?“ „Die Koalition mit Radikalen.“

„Irgendwie wird das aber auch langweilig.“ „Was genau?“ „Dieses ‚Wählt die Regierung, sonst kommen die Nazis‘.“ „Eben.“ „Wie?“ „Man muss die Unterschiede herausarbeiten.“ „Sie meinen, die Unterschiede in den Hintergrund rücken.“ „Das auch.“ „Das eine muss das andere ja nicht zwingend ausschließen.“ „Aber warum muss man die Wähler gleich als Nazis bezeichnen.“ „Weil sie Nazis wählen.“ „Hier ging es aber erst mal nicht um die Wähler, sondern um die Partei.“ „So groß sind die Unterschiede ja nicht.“ „Zwischen der Partei und ihren Wählern?“ „Nein, zwischen den Nazis und…“ „Sie sollen das doch nicht immer sagen.“ „Aber wie soll man denn sonst mit den Rechten reden?“ „Man sollte sie nicht Nazis nennen. Aber man sollte nie vergessen, dass sie welche sind.“ „Das klingt viel zu differenziert.“ „Stimmt, und das lässt sich unsere Vorsitzende bestimmt nicht gerne nachsagen.“

„Und was ist dran an der alten Erfahrung, dass die rechtsextremistischen Parteien sich irgendwann immer selbst zerlegen?“ „Das ist natürlich auch eine Möglichkeit.“ „Aber man darf nicht einfach nur darauf hoffen.“ „Wieso nicht?“ „Das wäre dann wieder passiv-aggressiv.“ „Und wir würden uns die Koalition kaputtmachen.“ „Stimmt auch wieder.“ „Aber bewusste Zerstörung?“ „Das wäre ja auch politisch irgendwie unfein.“ „Und so richtig kann man das ja auch nicht erklären.“ „Den Wählern?“ „Wen interessieren denn die?“ „Im Grunde hat an der jetzigen Entwicklung doch Merkel schuld.“ „Weil es die Faschisten wieder in die Parlamente geschafft haben?“ „Weil sie erst jetzt drinsitzen.“ „Und wenn das am Ende alles nur Protestwähler sind?“ „Dann können die beim nächsten Mal ja nicht aus Protest wieder die Nazis wählen, wenn die Nazis die Regierungspolitik mitgetragen…“ „Sie meinen: bestimmt.“ „… also mitbestimmt haben, verstehen Sie? dann sind die als Protestpartei eben verbrannt, wir haben wieder die absolute Mehrheit und es ist alles wie früher.“ „Toll!“ „Dass wir da nicht selbst drauf gekommen sind!“ „Und damit können wir sie entzaubern.“ „Wie beim letzten Mal.“ „Hä?“ „Da hat es ja auch schon so gut geklappt.“

„Und wenn jetzt die Stimmung kippt?“ „Das sehe ich noch nicht.“ „Uns könnten ausländische Investoren verloren gehen.“ „Dann sind die Nazis schuld.“ „Das ist gut.“ „Weil uns dann niemand kritisieren wird?“ „Wir haben es ja gleich gewusst.“ „Also jetzt mal ernsthaft, machen wir es nun oder machen wir es nicht?“ „Wir haben es vor der Wahl immer und immer und immer wieder gesagt, wir werden nie und nimmer mit denen koalieren.“ „Dann ist die Sache ja wohl klar.“ „Finde ich auch.“ „Wie meinen Sie das?“ „Wenn man das vorher so kategorisch ausschließt, was meinen Sie, wie enttäuscht die Wähler reagieren würden, wenn wir es dann auch tatsächlich nicht tun würden?“


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