Wertefundament

9 09 2019

„Und das fällt Ihnen als Beispiel für die bürgerliche Gesellschaft ein?“ „Vielleicht ändert sich ja gerade das Verständnis dessen, was bürgerlich ist.“ „Dann ist also der Faschismus eine Erscheinungsform der Bürgergesellschaft?“ „Warum sollte er das nicht sein?“ „Weil er das Bürgertum ausrotten will?“

„Sie sind offensichtlich noch nicht in der neuen Wirklichkeit angekommen.“ „Wenn Ihre neue Wirklichkeit bedeutet, dass die Mitte inzwischen Rasseideologie und Vernichtungsvorstellungen der Faschisten übernommen hat, bin ich inzwischen in Ihrer neuen Wirklichkeit.“ „Warum sehen Sie jede Veränderung negativ?“ „Das müssen ausgerechnet Sie fragen?“ „Wir müssen doch anerkennen, dass die bürgerliche Gesellschaft auch den Sozialismus besiegt hat.“ „Zumindest den Nationalsozialismus.“ „Wie meinen Sie das denn jetzt?“ „Hat es jemals eine Nationalbürgerliche Deutsche Arbeiterpartei gegeben?“ „Kann man denn diese Geschichte nicht einfach mal…“ „Man kann diese nicht und keine andere Geschichte ruhen lassen.“ „Man kann aber die Fehler der Vergangenheit vermeiden.“ „Indem man diesmal die bürgerliche Maske des Faschismus früh genug entfernt.“

„Früher mussten sich die Arbeiter eben noch als eigene Klasse betrachten.“ „Das erklärt natürlich, warum Ihr Gesellschaftsmodell elitenfeindlich ist.“ „Sie lenken ab, um die Eliten geht es doch gar nicht.“ „Dann haben Sie sicher nur versehentlich vor, Rechte von Andersdenkenden zu beschneiden.“ „Weil sich in einer Gesellschaft nicht jeder Rechte herausnehmen kann, die anderen nicht zustehen. Deshalb kann es nur eine bürgerliche Gesellschaft geben, wenn wir die Diktatur der Minderheiten bekämpfen.“ „Und warum?“ „Weil die Mehrheit sich ja nun mal schlecht der Minderheit beugen kann, oder sehe ich das falsch?“ „Alle Mehrheiten gehören zu Minderheiten.“ „Aber die bürgerliche Gesellschaft kann keine Klassengesellschaft sein.“ „Und?“ „Wir können uns ja nicht von einer Klasse unterdrücken lassen, die einer Minderheit angehört und damit die Mehrheit abschaffen will.“ „Und an eine friedliche Koexistenz denken Sie dabei nicht?“ „Dann hätten ja Minderheiten zusammen viel mehr Rechte als die Mehrheit alleine. Dass Gleichheit vor allem Unfreiheit meint, will niemand verstehen.“ „Sie sind also für eine klassenlose Gesellschaft, die aber keine Gleichheit vor dem Gesetz…“ „Das hat niemand behauptet.“ „Sondern?“ „Wir brauchen keine Gesetze, denn wenn das Volk sich nicht mit der Unterdrückung durch Minderheiten abfindet, wird es einen Weg finden, um das zu artikulieren.“ „Dass Sie sich nicht an Gesetze halten, um Ihre politischen Ziele durchzudrücken, hat sich bereits herumgesprochen.“

„Wir können doch nichts dafür, dass sich unsere Anhänger nicht an die bürgerlichen Ideale halten.“ „Also Toleranz, gesellschaftlichen Zusammenhalt, ein Wertefundament für das Gemeinwesen?“ „Wir denken da eher an die richtige Hautfarbe. Gut, das ist jetzt ein bisschen tragisch, dass Sie sich die nicht aussuchen können, aber wenn Sie so schnell wie möglich von hier verschwinden, wird Ihnen keiner Steine in den Weg legen.“ „Ich dachte wenigstens, dass Sie jetzt Leistungsbereitschaft und Disziplin als deutsche Tugenden nennen würden.“ „Damit können wir eine Menge anfangen. Als Bürgerliche erwarten wir von der Volksgemeinschaft natürlich auch, dass man diese Werte nicht eigennützig einsetzt, sondern um der Sache selbst willen.“ „Weil man Leistungsbereitschaft am besten zeigt, wenn man keine Belohnung dafür erwartet.“ „Die Volksgemeinschaft profitiert als Ganzes davon, wenn Sie sich für die bürgerliche Gesellschaft einsetzen.“ „Und deshalb kürzen Sie Renten und Sozialleistungen.“ „Wir wollen uns doch nichts vormachen, das sind linksradikale Auswüchse einer sozialistischen Verirrung. Wenn wir jeden für seine Untätigkeit bezahlen, sind wir doch gar nicht mehr in der Lage, eine Führungsrolle zu spielen.“

„Also ist für Sie der Nationalstaat bürgerliche Drohkulisse.“ „Der Gegensatz des Bürgerlichen ist doch nun mal die linksfaschistische Revolution, die die nationale Identität zerstören will, damit jeder Volksschädling sich hier ansiedeln kann.“ „Und die bürgerliche Gesellschaft, die Sie verkörpern, ist dann der Garant gegen Veränderung.“ „Das habe ich so nicht gesagt.“ „Doch.“ „Sollte es einmal eine Veränderung in diesem Land geben, dann werden wir dafür sorgen, dass Sie zu den ersten gehören, die es am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlt, wenn man sich mit dem Volkswillen anlegt!“ „Interessanterweise sieht das der Wille des Volkes immer noch ein bisschen anders.“ „Es wird Opfer geben, anders ist der historische Prozess…“ „Das klingt nach der geschichtlichen Kontinuität einer bürgerlichen Gesellschaft.“ „… leider nicht zu vollenden. Wir haben ja kein Interesse an einer Revolution. Wir wollen eigentlich nur die Einheit Deutschlands vollenden.“ „Mit Polen.“ „Das sagen Sie.“ „Und dass es zahlreiche Parteigenossen gibt, die eine Vergangenheit in rechtsextremistischen Organisationen haben, stört Sie auch nicht?“ „Die grenzen wir nicht aus. Die bürgerliche Gesellschaft ist ja nun mal tolerant.“ „Also ist die bürgerliche Gesellschaft die letzte Form von Freiheit.“ „Ob Sie das noch als Freiheit ansehen, ist die Frage. Aber die letzte Form, ja. Das, was Sie vor unserer Machtergreifung sehen, ist die letzte Form von Freiheit.“