Statistische Bereinigung

11 09 2019

„Haben Sie die neuen Zahlen dabei? Prächtig! Das sieht sehr vielversprechend aus, und ich denke, damit sind wir auf einem guten Weg. Es sollte noch zwei bis drei Generationen dauern, dann sind die Deutschen endlich ausgestorben.

Das haben die Nazis ja schon gut erkannt, die Deutschen werden ausgerottet, und die Regierung macht das natürlich ganz genau. Wir überlassen nichts dem Zufall. Deshalb haben wir auch dieses Bundesamt für Volkstod eingerichtet – das kennt keiner, das ist dem Innenministerium unterstellt, und wer das Innenministerium kennt, der weiß, dass da manche Abteilungen am Feierabend geschlossen in die Klapsmühle einrücken – und machen jetzt die offizielle Statistik und Prognosen und alles, was man dazu wissen muss. Es soll ja geordnet zugehen, dafür sind wir schließlich in Deutschland.

Da wären zunächst mal die Spätaussiedler, aus osteuropäischen Ländern stammende Passdeutsche und sogenannte Beutegermanen. Russen, deren Großmütter mal eine Affäre mit einem deutschen Schäferhund hatte, die sind vor Putin geflohen, wollen aber jetzt, dass es in Deutschland so aussieht wie in der Sowjetunion. Nach ihren eigenen Moralvorstellungen müsste man die mit dem Gewehrkolben voran über die Grenze prügeln. Die kann man aus der deutschen Bevölkerung schon mal rausrechnen. Das sind schon ein paar, und da fängt es an. Wir wollen ja historisch korrekt sein.

Und dann die ganzen Polen. Nein, nicht die aus der EU, ich meine die Czymaniaks und Kowalskis, die wir seit hundertfünfzig Jahren nicht mehr aus Deutschland rauskriegen. Das sind auch keine Arbeitsmigranten, wie uns die Sozialromantiker aus den Vertriebenenverbänden immer weismachen wollen, das sind bloß Wirtschaftsasylanten. Und davon, dass nach deren geostrategischer Planung deren Heimat sowieso zu Deutschland gehören sollte, wird’s ja auch nicht besser. Alles, was damals eingewandert ist, alle Nachfahren, Pässe weg. Fertig. Damit können Sie dann Nordrhein-Westfalen zum Manövergebiet machen. Gucken Sie mich nicht so an, das war deren Idee. Wir setzen das jetzt einfach nur um.

Sie dürfen eben nicht in der Enkelgeneration schon Schluss machen, das ist der Trick. Sonst wäre es ja irgendwann egal, ob jemand aus China kommt oder aus Arabien, denen sieht man ihre nichtdeutsche Herkunft ja weiterhin an, und dann kann man das nicht einfach durch statistische Bereinigung unter den Tisch fallen lassen. Im Gegenteil, wir sind heute durch unsere technischen Mittel, und die Menge der Daten – da haben die Nazis damals mal etwas richtig gemacht – die Mengte der Daten spricht ja auch dafür, dass man sie eher nutzen sollte, wenn sie denn nun schon einmal da sind, oder nicht?

Natürlich müssen wir uns auch bei den anderen Nationalitäten an die jetzt praktizierten Methoden halten. Griechen, Spanier, Portugiesen, Italiener, das sind ja nun mal keine richtigen Deutschen, nur weil sie irgendwann als Gastarbeiter gekommen sind. Von den Türken wollen wir gleich gar nicht anfangen. Aber haben Sie eine Ahnung, wie viele Franzosen sich in Deutschland festgesetzt haben? Ich sage nur: Erbfeind. Wenn es ein Argument gibt, die nicht als herkunftsdeutschen Teil des Volkes zu betrachten, hier haben Sie es. Die Nazis wollen eine geschichtsbewusste Aufarbeitung der Migration in Deutschland, also bekommen sie die auch.

Wobei es schon schwierig wird. Unser Referat für historische Identitätsforschung hatte erst vorschlagen wollen, dass wir das Deutschland des geschichtlichen Querschnitts zum Maßstab nehmen, aber da gibt’s Probleme. Die Leute hier wussten ja für Jahrhunderte gar nicht, dass sie Deutsche sind. Die waren Kurhessen und Preußen und Sachsen und alles, aber keine Deutschen. Den Begriff kannte keine Sau. Wenn man jetzt eine Sippe aus Anhalt hat, die sich nirgendwo sonst niedergelassen hat, höchstens vielleicht in Ostpreußen, sind das dann überhaupt Deutsche? Und dann verstehe ich auch nicht, weil das ja dann alles irgendwann mal irgendwie deutsch war, warum beispielsweise die Nachfahren der Einwohner von Deutsch-Ostafrika nicht automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Dass die hinterher in Tansania oder in Mosambik gelebt haben, das ist doch kein Grund. Die Enkel der eingewanderten Türken sind doch auch trotz deutschem Pass nie Herkunftsdeutsche, obwohl sie hier geboren und aufgewachsen sind. Da muss man auch mal klare Kante zeigen.

Ja, so kommt eben eins zum anderen, und dann stellen Sie irgendwann beim Betrachten des bisher erarbeiteten statistischen Materials fest, wir brauchen gar keine Einwanderung mehr. Keine Flüchtlinge, keine Asylbewerber, keine Zuwanderung, gar nichts. Wir brauchen bloß die richtigen Parameter, dann muss hier keiner mehr ins Land kommen und wir haben uns bereits komplett abgeschafft. Dauert noch ein bisschen, kommt aber so sicher wie das Amen in der Kirche. Und da sollen die Nazis noch einmal sagen, wir würden sie ausgrenzen. Man kann doch mit diesen Ideen eine Menge anfangen, oder nicht?

Jetzt müssen Sie nur noch ein bisschen an ‚deutsch‘ arbeiten. Wie wäre es denn, wenn wir die Definition der Reichsbürger übernehmen würden, nach der es den heutigen Staat, die Bundesrepublik, gar nicht gibt, und weil die logischerweise dann auch keine Einwohner hat, haben wir uns bereits total abgevolkt, also volksgetötet. Oder irgendwie so. Kann man doch machen?“

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