Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXXII): Whataboutism

20 09 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ach, man kennt es ja. Da debattiert die heitere Runde über die geopolitischen Wahnideen dummer Diktatoren und den Hirnschrott, den jäh welkende Platzhirsche zu Klimawandel und Autoverkehr in den unschuldigen Äther rülpsen, alle sind fleißig im Furor des argumentativen Austauschs, bis der einzige Knalldepp den entscheidenden Beitrag zu Gehör bringt: in China essen sie Hunde. Mehr muss man nicht wissen, die Veranstaltung ist gelaufen, es kommt nicht mehr. Guten Abend. Schöne Grüße vom Whataboutism.

Musste man früher in kompletter Unkenntnis Schopenhauers noch mit einer Gegenfrage die vernünftige Verständigung abwürgen oder aber einen Vorwurf mit einem anderen kontern – „In China essen sie Hunde.“ „Ach, und in Sachsen nicht?“ – so bietet die Kamikaze-Kommunikation jedem Zerstörer ein taugliches Mittel, um gleich die ganze Situation zu sprengen. Mit diesem brachialen Ausweichmanöver landet jede Argumentation im Straßengraben, und genau darum geht es dem Zersetzergeist ja auch. Wo immer gesprochen wird über Fachkräftemangel und fehlenden Wohnraum, empfiehlt es sich, die Ehe für alle als korrelierenden Auslöser für den Untergang des Abendlandes zu nennen; dass immer mehr Plastik in den Meeren dümpelt, liegt an der Erbschaftssteuer, außerdem sind alle Linken sowieso für alles verantwortlich, und damit ist die Sache erledigt, wohlbemerkt: alle Linken. Das Hervorzerren billiger Klischees mit dem Ziel der Schuldumkehr wirkt so angenehm in seiner Absolutheit, dass fast alles auf direktem Weg ins Paradies der Opferhaltung führt. Da kennt sich der in seiner faktenfrei zusammengeschwiemelten Parallelexistenz lebende Vollzeithonk aus, denn nur, wenn alle anderen schuld sind, hat er recht. Also immer.

Grundsätzlich eignet sich für die wohlgezielte Entgleisung jede noch so irrelevante Tatsache, die noch nicht einmal Tatsache sein muss. Der Kenner aber bläst auch hier mit Verve den Murks auf, der ihm in die schwitzigen Finger gerät, die Hauptsache ist, dass er unter seinesgleichen damit Empörung erzeugen kann – die eigene Perspektive reicht schon aus, er spricht nicht für die, die ihn an Bildung oder Charakter in den Schlagschatten stellen, sondern nur für seine Krabbelgruppe. Ginge es hier noch um rhetorische Tricksereien, der trübe Bodensatz der Flusenlutscher müsste sich die Frontallappen noch im Gefunzel der eigenen Unterbelichtung wringen, aber ihr Ziel ist die Vernichtung des Diskurses. Wenn sie zu bescheuert sind, um einen geraden Satz in die Öffentlichkeit zu rülpsen, dann soll es auch keine Öffentlichkeit mehr geben, mit oder ohne Diskurs. Dass der eigene bauartbedingte Denkfehler in einer verzerrten Selbstwahrnehmung nicht als gravierend wahrgenommen und gleichsam entschuldigt wird, gießt ein bombensicheres Fundament für immerwährende Glaubwürdigkeit, wo sonst nicht mehr als Wasserdampf und heiße Brotkrümel vorhanden sind. Wer immer sich fragt, woher diese an rhetorischen Taschenspielertricks versagenden Schlumpfnulpen allgemein bekannt sind: ja, die Antwort ist richtig. Aus dem genetisch versumpften Auswurf schöpft manche Alternative.

Denn die wutbürgerliche Zusammenrottung hat es bitter nötig, sich gegen jede Form von Kritik abzuschotten, sogar dann, wenn sie schon an die Wand getackert und mit Steinen der reinen Vernunft beschmissen wird. Die für den Aushub geschnitzte Killerphrase gegen jede Kritik hilft wie ein abgenagter Zahnstocher gegen ein Dutzend Füsiliere. Solange man die Doppelmoral dem Gegner in die Schuhe schieben kann, weil man den Mut zur Wahrheit für sein eigenes Gestammel reklamiert, wird es im Kragen nicht eng.

Freuen wir uns nicht zu früh. Noch feiert die Propagandamethode Erfolge in den Niederungen der TV-Talkshows, wo nur der letzte Gesprächszug dem zwanghaft jodelnden Publikum in der auf Kurzzeitwahrnehmung getrimmten Glibbermasse feststeckt. Logische Folgerungen zählen nur noch dort, wo der als wichtig angekündigte Laberlulli seinen Satz unfallfrei in die Kamera hampeln kann, andernfalls wird er nach alter Sitte infantil vom Platz geschoben. Zum guten Schluss der formalen Beleidigungen wissen doch Kleinstkinder immer noch dem anderen mitzuteilen, dass es doof ist. Wie viel Entspanntheit läge darin, uns souverän auf dies Argument zurückzuziehen, anstatt manisch nach gesittet riechenden Schmähungen zu suchen. Die anderen aber, die natürlich frei sind von Schuld, dürfen gerne den ersten Stein werfen; wir sind da nicht so. Schmeißen sie den ersten Stein, haben wir die pseudoreligiöse Bestimmung des Ichglaubens gründlich verrotzt und müssen uns nicht wundern, dass die meisten Menschen immer noch dieselben egoistischen Arschgeigen sind wie vor n-1 Jahren. Und kommen sie uns mit moralischen Kategorien, wir wissen alles, und zwar besser. Oder soll man es lassen?

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