Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXXIII): Die Wohngemeinschaft

27 09 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher war es ja einfach. Man wurde in der familiären Schlichtbehausung mit fließendem Wasser von der Höhlenwand geboren, und die Prognose stand nicht schlecht, dass man irgendwann auch hier wieder würde versterben dürfen. Interpolierend ließe sich schnell mutmaßen, dass die meisten zwischenzeitlich auch nicht groß auf der Suche nach einem neuen Standort waren, zumal es Kitas, Vorschulen, betriebswirtschaftliche Fakultäten und die Führungskräfteakademie Bad Gnirbtzschen auch noch nicht gab. Man sorgte noch auf herkömmliche Art für den Lebensunterhalt, auch wenn das hieß, die Kollateralbekinderung musste irgendwann in der Steppe als Madenfutter den Kreislauf in Schwung halten. Mit der Bildung begann das Übel. Sie verließen alle das haus, und sie wollten mehr als nur ihre gesellschaftlich präfigurierte Rolle ausleben. So begann der Sieg der Wohngemeinschaft über die organisch gewachsene Zwangszelle.

Irgendwo hatte der Hominide doch gehofft, die genetische Vielfalt durch Minimieren aller jenseits der Standardabweichung verorteten Partikel halbwegs in den Griff zu bekommen, aber die Evolution ist nun mal kein Ponyhof. Und so wurde auf der einen Seite die Tendenz zum abstrakten Denken dominanter, während die jeweiligen Schwiegersöhne von einer Generation zur nächsten größere Probleme hatten, sich mit der Versorgung an Frischfleisch zu beteiligen. Die Reproduktion lugte hier und da nach frischen Tendenzen, aber was soll’s, – die über jede Grenze hinweg als spannend empfundene Kombination aus Räuber und Prinzessin wusste schnell die Dummklumpen der Zufallsgemeinschaft zu begeistern. Wo konnte man schon mal in der Küche Typen begegnen, denen die Eltern das Haus verboten hätten?

Der Name ist ja bereits schnulzoid: es geht hier mitnichten um Wohnen (um Leben schon gleich gar nicht), sondern ums reine Vegetieren von einer Miete zur Nächsten. Krisengebiete, die nach dem Abwurf von Kernwaffen mit daraus resultierender Knappheit an Fauchschaben als Eiweißlieferanten zu bosseln haben, wissen ein Liedlein zu pfeifen, aber sie halten meist die Klappe, weil sie die mangelnde Disziplin der Kommunarden nicht auf die fehlenden äußeren Umstände zurückführen, sondern auf die verweichlichten Ansprüche, die die Schulabgänger aus großbürgerlichen Haushalten mitbringen. Fünflagiges Klopapier! Balsamico! Treppenreinigung durch kostenlose osteuropäische Fachkräfte! Dass in der gehobenen Gesellschaft schon der Strom aus Steckdose kommt, sollte sich doch herumgesprochen haben, warum tut man da nichts? Es bleibt traurig.

Archäologische Funde von Staubsaugern, Wasserkochern, aber auch ganz normalem Geschirr samt Messer und Gabel sollen in wissenschaftlichen Praktika bereits zutage gefördert worden seien. Aus bauartbedingten Unterschieden ließ sich hier und da ein altertümlicher Weg zwischen unterschiedlichen Berliner Bezirken rekonstruieren, nicht aber, warum der fingerdicke Kalk im Küchengerät nicht wenigstens mit unsachgemäßen Mitteln gelöst worden war. Die Mentalitätsgeschichte dieser Lebensform lässt nur den Schluss zu, dass es besser egal ist, warum ihnen alles so egal ist.

Während in der Küche, dem Zentrum der gesamtgesellschaftlichen Diskursebene, alle Definitionen über mikrobiologische Aspekte der Hygiene gemeinsam aus dem Fenster geschmissen werden, findet sich die bakterielle Internationale zum XXXIX. Weltkongress im Keramikkabinett wieder, wo aus mühsam zusammengeschwiemelten Friedenserklärungen geronnene Putzpläne hängen, die weder das Papier ihrer Verschriftlichung wer wären noch die Hoffung, dass sie irgendwann ihren symbolischen Wert überschreiten würden. Die amorphe Materie hat zahlenmäßig die WG längst übernommen und zum Siegeszug angesetzt.

Dies gilt insbesondere, da sich die guten, sehr guten, besten sowie größtenteils vollkommen unbekannten Freunde auf der Etage tummeln, die ihre Keime einbahnen und dafür im Tausch andere mitnehmen, um die Wehrhaftigkeit der Infektionen gegen andere Mieter zu stärken. Trojanische Möbel mit Polsterbesatz eignen sich nach wie vor, um ganze Philosophiesemester gegen Pocken und Pest zu imprägnieren, auch wenn der Geruch der mies abgehangenen Ware in den ersten Quartalen noch an Tod und Verklärung erinnert. Aber der süßliche Quark aus den Einzelzimmern wabert zuverlässig die Schleimhaut dicht und sorgt für ein leichtes Feeling gegenüber der Mitwelt. Hier und nur hier konnte der Existenzialismus entstehen, die wahre Weltreligion derer, denen sowohl Religion als auch Welt gewaltig an der Sitzmuskulatur vorbeigingen. Nach der Negation des Raums an sich wurde das Zeit-Kontinuum mählich aufgehoben, und tönten in fließendem Babylonisch die unteren Schichten der Küchenspüle ins Plenum, so wirkte es in einem guten Resonanzboden. Nichts hätte uns besser bewahren können vor der Verdammnis, bürgerlich zu sein.


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