Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXCII): Detox

29 11 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Jetzt gurgeln sie wieder. Ab und zu schluckt die alternativmedizinisch vorverseuchte Doppelnamen-Zweitgattin von dem Ingwer-Yuzu-Mondwasser in der mundgetöpferten Inkaschale, aber nur in ganz geringen Dosen, weil sonst der Säuregehalt in der Innenauskleidung abkippen könnte. Ästhetisch ist das kein Genuss, vor allem nicht, wenn die Corona anthroposophisch-dynamischer Hausfrauen dazu in konzentrischen Kreisen über den Waldboden hüpft, als hätten verwesende Pflanzenteile nicht auch eine zu berücksichtigende Restwürde. Die Jahreszeit des Winterspecks löst das Quartal des Selbsthasses ab, in dem das Spiegelbild der Bikinifigur entzündete Mittelfinger zeigte. Bald ist es wieder so weit und der Schweinehund wird ganz kurz aufgeweckt, mit Einfachzuckern, gesättigten Fettsäuren und Schnaps beschmissen, los geht die wilde Fahrt: ab jetzt nur noch gesunde Lebensführung. Trennkost. Detox.

Da hat sich das Schulwissen ein gemütliches Loch im Oberstübchen geschaufelt und döst vor sich hin, während die Synapsen wegklappen. Dass die Pizza vom letzten Wochenende noch als Rest durch die Zellen geistert, treibt die Giftfetischisten in reine Verzweiflung. Wobei noch nicht einmal bekannt ist, woraus jene Schadstoffe überhaupt bestehen, was sie schädigen und ob es ein sicheres Konzept gibt, sich die Schrottstoffe wieder aus der Anatomie zu schmirgeln. Spätestens beim jähen Übergang vom Kräutersud zum Stärkungsshampoo für toxisch herausgeforderte Locken wir dann klar, wer diesen Brauchtumsterrorismus erfunden hat: die Heißdüsen der Füllstoffindustrie.

Das Ergebnis dieser magisch-mechanistischen Weltsicht beginnt bei der kruden Vorstellung, die Homöopathie hinterlasse über nicht existierende Stoffe ein Gedächtnis in Wassermolekülen, und sie führt zur mittelalterlich anmutenden Auffassung, dass unerwünschte Stoffe im Körper stets etwas wie Säure sein müsste, die selbstverständlich immer sofort in Blut gelangt und durch geheimnisvolle Teebeutel wieder ausgewaschen werden kann. Als könne man einen Neurotransmitter, der durch die Mitochondrien schwappt, per Funktionskaugummi aus der Blutbahn schwiemeln. Gäbe es die Methode für real existierende Wirkstoffe, die Pharmabranche hätte sich längst den Arsch vergoldet – so aber weiß jeder, die Pillen gibt es, weil sie noch keiner jemals gesehen hätte, und sie werden um keinen Preis verkauft. Alles andere ist bestimmt Märchenwald oder Lügenpresse. Oder Reptiloidenfachwissen.

Wenn diese Entgiftung – vorausgesetzt, die Werbung hält sich an Jahrtausende altes Wissen statt an hastig zusammengeklöppelten Bullshit aus dem Marketing-Aushub – nun tatsächlich natürlich sein soll, warum sind die Mechanismen nicht längst bekannt? Warum werden evolutionär relativ junge Schädigungen wie Alkohol, Nikotin oder allseits beliebtes Mikroplastik, das sich übrigens nicht mit dem Stoffwechsel ins Benehmen setzt und eh nicht durch Pflanzenaufguss ausgekärchert wird, durch die seit babylonischer Weisheit bekannten Mittel behoben? Sind körpereigene Stoffe wie Eiweiße oder Basen weniger gefährlich für den normalen Metabolismus, und wenn ja, warum werden sie dann unter normalen Umständen regelmäßig aus dem Stoffkreislauf entfernt? Merkt die esoterisch verdübelte Schwurbelgurke irgendwann, dass sie sich in ihrer versaubeutelten Deppenroulette auf die falsche Kugel gesetzt hat? Haben Leber-, Nieren- und Hirnentlastung gleichzeitig die finale Last der Blutversorgung aus lebenserhaltenden Maßnahmen entfernt und der Brägen klötert vor dem Fest schon mal fröhlich ins Nirwana? Gar nicht zu fragen, fräst uns die Entgiftungskirmes auch Pestizide aus der Milz? Bollert’s die Hormone aus der Aorta? Nicht!?

So aber ist der ganze Säuberungswahn, der die Abführmittel- und Schlankheitsparanoia der letzten Jahrhunderte auf die Spitze schraubt, nicht mehr als eine willkommene Programmerweiterung für das drittklassige Programm der Frauenzeitschriften, die mit Melonendiät und Bio-Botox eine greinende Herde intellektueller Hinterwandinfarktopfer durch Hokuspokus von feixenden Scharlatanen an die Kasse dirigiert: Selbstoptimierungsgeballer, dessen Schuld nach alter Rezeptur natürlich die Opfer tragen, denn man hat ihnen nichts befohlen, man hat ihnen nur deutlich erklärt, dass sie ohne diesen Firlefanz nicht mehr würden überleben können. Sie pumpen sich halt ihr bisschen Restego auf, und wen solle es schon stören. Es ist der säkularisierte Ersatz einer Fitnessreligion, er funktioniert exakt wie ein interventionistisches Stoßgebet, das vor allem das Gewissen beruhigt – nur für den Augenblick, aber was erwartet man schon von einer religiösen Vorstellung. Irgendwann im Kalender stellt man fest, dass eine vordefinierte Art von Fehlverhalten durch Leistungsdruck kompensiert werden muss. Die einen greifen zum Superfood, die anderen zum Strick. Manche hauen sich Avocado in die Figur. Da wäre die Gesichtsmaske der schmerzfreiere Weg gewesen. Oder man gurgelt.


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2 responses

29 11 2019
Lo

Aber so eine Gesichtsmaske hat auch Nachteile:
meist bröckelt sie furztrocken nach drei bis vier Tagen aus dem Gesicht,
und dann ist dfas Elend wieder sichtbar.
Liebe Grüße!

29 11 2019
bee

Es hält nicht so lange wie Schlauchbootlippen, aber man muss auch für kleine Dinge dankbar sein, wenn sich die Bekloppten auf einen Blick zu erkennen geben

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