Bereite Dich, Zion

10 12 2019

Horst Breschke stand fast auf den Zehenspitzen. Dabei war das Bäumchen auf dem kleinen Podest nicht einmal so groß, dass es an die Zimmerdecke gereicht hätte. „Wir haben uns den Baum in diesem Jahr schicken lassen“, erklärte der Hausherr. „Weil wir zu Weihnachten zu meiner Schwägerin fahren.“ Und wer hätte das nicht verstanden.

Im Hintergrund knisterte der Plattenspieler. Eine Sopranistin forderte Zion auf, sich zu bereiten, und das womöglich mit zärtlichen Trieben. Breschke wickelte aus einer der zahlreichen Packungen die offenbar im letzten, eventuell auch vorletzten Jahr verstaute elektrische Lichterkette, zwei Dutzend kleine Glühlämpchen mit Klemmen, um sie an den Ästen des Tannenbaums zu befestigen. „Wenn ich an damals zurückdenke“, schwärmte er, „wir hatten ja noch Zuckerzeug, und dann die Wachskerzen – ach, Onkel Eduard hatte schon fast zwei Flaschen Burgunder gehabt, und die brennenden Kerzen!“ „Das ist doch viel ungefährlicher“, pflichtete ich bei und reichte die Lichterkette an. Auf dem zweiten Sessel an der Terrassentür lag träumend Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis. Nichts schien seine Ruhe zu stören.

„Fertig!“ Die erste Kette saß, der pensionierte Finanzbeamte griff nach dem Stecker, um an der Wandsteckdose die Funktionsfähigkeit der Lichter zu testen. Es misslang. Er grübelte. „Letztes Jahr war sie doch noch in Ordnung?“ „Vielleicht sind die Birnen nicht ordentlich festgedreht?“ Das gab ihm zu denken. „Ja, das könnte durchaus sein.“ Das Prinzip der Reihenschaltung war auch ihm noch aus dem Physikunterricht in Erinnerung geblieben, und so fasste er eine der Kunststoffbirnchen nach der anderen an, dreht sie hin und her, als plötzlich mit einem Aufschrei schimmerndes Licht den unteren Teil des Bäumchens illuminierte. „Ist das heiß“, jammerte er. „Zeigen Sie mal her.“ Es war wirklich beinahe eine Brandblase zu sehen, aber ich mochte mich auch täuschen. „Halten Sie den Daumen ein paar Minuten in kaltes Wasser“, tröstete ich den alten Herrn. „Sicher war’s nur der Schreck.“ Dabei hatte Bismarck die Wehklage gar nicht erst zur Kenntnis genommen. Bestimmt war sein Traum gerade interessanter.

Auf dem Couchtisch lagen allerhand Schachteln mit gläsernen Engeln, bunt lackierten Kugeln und goldenen Tannenzapfen. „Immer erst die Lichter“, entschied Herr Breschke. „Danach schauen wir, ob für anderen Schmuck in dem kleinen Bäumchen noch Platz ist.“ „Vielleicht hätten Sie überhaupt einen Klappbaum besorgen sollen“, überlegte ich, „wenn Sie über die Feiertage bei der Familie sind, können Sie diesen hier ja gar nicht mitnehmen.“ Man sah, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. „Ob man den noch zurückgeben kann?“ Ich schüttelte den Kopf. „Sie haben den Stamm schon angesägt, das wird schwierig.“ „Aber so ein Klappbaum?“ Herr Breschke blieb skeptisch. „Das wird nie dasselbe sein.“

Immerhin ließ sich die zweite Kette, die größere Birnen besaß, leichter vom hölzernen Stäbchen ab- und an den Ästen anklemmen. „Die ist ganz neu“, erklärte Breschke. „Unsere Tochter hatte ein sehr günstiges Angebot, das war damals in Malaysia.“ Die kyrillischen Buchstaben mit dem Eisbären waren sicher allgemein asiatisch interpretierbar. Oder die Firma hatte die Verpackung in Sibirien fertigen lassen. „Sehen Sie“, sprach der eifrig Schmückende, „sie lassen sich ganz leicht auf die Zweige stecken.“ Dafür wiesen die Leuchtmittel jedoch mangelhafte Proportionen auf; da die Birne ein bisschen zu groß war, drehten sich allmählich sämtliche Klammern, und die Lichter saßen jetzt kopfunter im Baum. „Wir müssten sie irgendwie befestigen“, überlegte er. „Ich habe da noch eine Heißklebepistole im Keller.“ Ich runzelte die Stirn. „Lieber Herr Breschke“, widersprach ich, „auf gar keinen Fall! Erst müssen wir doch wissen, ob sie überhaupt leuchtet?“ „Da haben Sie mal recht“, stimmte er zu und schloss die Stromversorgung an. Es strahlte. Nur eben eher nach unten. „Man müsste vielleicht die…“ Sprachlos vor Entsetzen wurde der arme Mann man hinten geschleudert. „Das ist ja lebensgefährlich!“ Horst Breschke hielt sich an der Stuhllehne fest. Seine Knie zitterten sichtlich. „Das ganze Ding steht unter Elektrizität!“ Immerhin, das ließ sich nicht leugnen. Aber von Isolation stand ja auch nichts auf der Packung.

Der Sopran wies inzwischen sein allegorisches Zion an, die Wangen mit dekorativer Kosmetik zu bearbeiten. Zwei weitere asiatische Ketten wurden gar nicht erst ausgepackt, nun blieben noch die Leuchter aus dem Fundus. „Aber für das Bäumchen reicht es auch“, urteilte ich, „wenn Sie jetzt noch ein paar Kugeln und Tannenzapfen aufhängen, sieht es sehr festlich aus.“ Herr Breschke nickte. „So werde ich das machen. Wenn Sie mögen, können Sie uns schon das Teewasser kochen, dann trinken wir gemütlich noch ein Tässchen.“ So ging ich also in die Küche und befüllte den Kocher, während er an den Kabeln hantierte und Packungen in einem großen Karton verstaute. „Die hatte ich jetzt fast vergessen“, hörte ich ihn noch sagen. „Wir haben so eine Steckerleiste, die man mit nur einem einzigen Schalter anknipsen kann.“ „Herrn Breschke“, mahnte ich, „denken Sie an…“ Mit einem enormen Bums verabschiedete sich der vorweihnachtliche Lichterglanz, die inbrünstige Stimme, die eben noch im höchsten Diskant jubiliert hatte, implodierte wie in einem Rückwärtsurknall zu einer Art Kellerbass, der aber nach wenigen Augenblicken schon ins Dunkel schwieg. Das Wasser kühlte sich ab. Es roch etwas wie am Silvesterabend. Nur Bismarck ließ sein indigniertes Knurren vernehmen; offenbar hatte ihn der Kurzschluss im Schlummer gestört. „So was aber auch“, stöhnte Horst Breschke. Ich stellte die Teetassen auf den Tisch. „Im nächsten Jahr nehmen Sie besser wieder Wachskerzen. Die sind einfach weniger gefährlich.“


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