Qualitätskontrolle

9 01 2020

Siebels kaute gelangweilt auf seinem Streichholz herum. „Jetzt müssten sie langsam mal fertig sein“, knurrte er, während sich die beiden Testkäuferinnen mit einem Sortiment T-Shirts für je einen Euro aus dem Kack-Kleidermarkt bewegten. Was sie mitbrachten, sah aus wie Putzlumpen im Leopardendruck. „Sehr gut“, signalisierte die Aufnahmeleiterin. „Die werden nicht einmal die Brennprobe überstehen.“

„Schönes Konzept eigentlich“, erklärte der TV-Produzent, „nur besteht es halt aus Wiederholungen von Wiederholungen.“ „Haben Sie denn schon mal einen Textildiscounter untersucht?“ Er lächelte, meine Frage war wohl richtig, aber dennoch wenig angebracht. „Das hier läuft für die Sender unter Verbraucherschutz.“ Er spuckte das Streichholz aus. „Als wüsste man nicht, dass ein Kleidungsstück für einen Euro auch nur einen Euro wert sein kann – wer daran wie viel verdient und was am Ende für wen übrigbleibt, das können sich die meisten nur nicht ausrechnen, und deshalb müssen wir noch immer diese Aufklärungsfilmchen drehen.“ Ich begriff. Das Offensichtliche wurde hier Ereignis, und mit geschickter Montage konnte er an einem Drehtag eine volle Stunde Programm machen.

„Die Weihnachtszeit war großartig“, grinste Siebels. „Wir sind einfach auf den Markt gefahren und haben uns eine Tasse von dieser billigen Plörre abfüllen lassen – der Rest waren Innenaufnahmen.“ „Sie haben Glühwein untersucht?“ Er nickte. „Eine Stunde Sendezeit mit Analysen, die schwarz auf weiß bewiesen, dass es sich bei dem Getränk um die Fertigmischung aus dem Supermarkt handelt.“ „Donnerwetter“, antwortete ich. „Das hat ja vorher niemand wissen können!“ Siebels suchte in der Manteltasche nach einem Pfefferminzbonbon. „In der Redaktion hatte sich das jedenfalls keiner so vorgestellt. Aber es rettet mir den Job, wenn sich unterhalb des Intendanten nur fantasielose Trottel befinden.“

Der nächste Lokaltermin war bei einem Lebensmittelhändler im Bahnhofsviertel. Der Assistent führte eine Liste von Fertigprodukten mit, die die Redaktion nach streng objektiven Kriterien zusammengestellt hatte: nur die billigsten. Ich warf einen kurzen Blick auf das Papier und rümpfte die Nase. „Kartoffelpüree?“ Siebels nickte. „Richtig, wir nähern uns damit den Gewohnheiten des durchschnittlichen Bürgers, der glaubt, dass die Ananas in der Dose heranwächst.“ Während der Kameramann damit beschäftigt war, die Regale des kleinen Supermarktes aufzunehmen, überflog ich das Skript. „Sie bauen das in eine Servicesendung ein?“ Siebels schaute auf den Ablauf. „Richtig, wir werden vier Fertigpürees und einen frisch zubereiteten Kartoffelstampf zubereiten und von Sterneköchen verkosten lassen.“ „Was versprechen Sie sich davon?“ Er zuckte mit den Schultern. „Fragen Sie den Intendanten, ich denke mir diesen Müll nicht aus.“ „Aber das Ergebnis ist doch recht absehbar“, begehrte ich auf. „Sie werden das aus Pulver angerührte Zeug für ungenießbar erklären.“ „So ist es.“ Fast hätte Siebels gelächelt, aber auch nur fast. „Immerhin wissen wir noch nicht, welcher dieser Kleister am schlechtesten bewertet wird. Das ist das investigative Element, das sich unsere Programmdirektoren auf die Fahnen schreiben.“

Da kamen sie auch schon wieder aus dem Laden, einen Einkaufskorb voller Papppäckchen. „Wir haben alles bekommen“, bestätigte die Aufnahmeleiterin. „Dann brauchen wir jetzt nur noch drei billige Haartrockner und können morgen mit den Nagelstudios weitermachen.“ Sie hievte den Korb in den Kofferraum. Siebels steckte sich ein neues Streichholz zwischen die Zähne. „Ich muss aufpassen“, murmelte er, „wenn wir mit diesem Format zu gut sind, haben wir bald alles getestet, was es für Geld zu kaufen gibt.“

Ich blätterte durch die Liste der Sendungen, die für dieses Jahr in Auftrag gegeben worden waren. „Das Fernsehen findet aber auch alles raus.“ Siebels grinste. „So sarkastisch am frühen Morgen?“ „Aber eins verstehe ich nicht“, wandte ich ein. „Wozu dieses Art von Qualitätskontrolle, wenn man mit gesundem Menschenverstand schon vorher wissen kann, dass Kartoffelpüree aus der Tüte so schmeckt, dass man es nicht mehr essen will?“ „Dialektik“, quetschte er an seinem Hölzchen vorbei. „Die reine Dialektik.“ Ich verstand nicht. „Natürlich kann sich ein so großer Sender keine Kapitalismuskritik erlauben, wo kämen wir da hin? Also kritisieren wir, was auf dem Markt angeboten wird, und zeigen ein Missverhältnis zwischen Warenwert und Geldwert auf – der Verbraucher wird immer ungerecht behandelt, und diesen gefühlten Skandal, der keiner ist, decken wir durch investigative Methoden auf.“ „Ihre Filmchen machen sich zum Anwalt der kleinen Leute, indem Sie ihnen zeigen, was sie eigentlich immer schon wussten.“ Er nickte abermals. „Und das auch noch streng objektiv.“

Siebels steckte die Liste zurück in seine Mappe. „Es wird langsam ungemütlich“, sagte ich, „lassen Sie uns irgendwo einen Kaffee trinken.“ „Kommen Sie“, antwortete er. „Ich kenne da eine hübsche kleine Konditorei um die Ecke, da würde ich nie einen Film drehen. Man braucht ja auch seine Geheimtipps.“


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