Dorfdeppen

22 01 2020

„Julia Klöckner sollte den Behindertenparkplatz nutzen dürfen.“ „Da sind wir mit Ihnen ganz einer Meinung.“ „Doch, ja.“ „Aber trotzdem ist die Idee gut.“ „Warum?“ „Haben Sie eine bessere?“ „Was ist an der Idee gut, die Bevölkerung zu polarisieren und dann feindliche Lager aufeinander zu hetzen?“ „Macht es denn die Regierung anders?“

„Diese ganze Kampagne ist schon deshalb total destruktiv, weil es das Ziel der Bundesregierung sein muss, für einheitliche Lebensbedingungen in der ganzen Republik zu sorgen.“ „Wir sind da ganz bei Ihnen.“ „Echt.“ „Aber man muss da auch mal die Konsequenzen in Betracht ziehen.“ „Wenn wir jetzt hier im Westen Bedingungen schaffen würden, in denen man nicht mehr so tun müsste, als seien die Flüchtlinge eine Bereicherung für unser Land, dann können wir einpacken.“ „Es geht nicht darum, sie als Bereicherung anzusehen, wir sollten sie wie Menschen behandeln.“ „Das wäre noch schlimmer.“ „Bevor Sie uns mit dem Grundgesetz kommen…“ „Sie meinen also, ich soll nach drüben gehen?“ „Schade.“ „Was?“ „Ich hatte mich so gefreut, das einmal in meinem Leben zu jemandem nach 1990 zu sagen.“ „Aber nehmen Sie es nicht persönlich.“

„Schauen Sie, das ist ein sehr beispielhafter Fall. Das zeigt die unterschiedlichen Standpunkte, und wenn Sie sich für einen entscheiden müssen, dann wählen Sie am besten den, der Ihnen auch eine Abgrenzung von anderen erlaubt.“ „Also ist die Entscheidung, als Arbeitnehmer vom Staat benachteiligt zu werden, auch eine Entscheidung gegen die Arbeitgeber?“ „Wieso werden Sie denn als Arbeitnehmer vom Staat benachteiligt?“ „Weil die Arbeitsmarktpolitik die Lohnentwicklung nicht begünstigt.“ „Natürlich, weil ja auf der anderen Seite die Arbeitgeber unterstützt werden müssen.“ „Damit die Löhne stabil bleiben?“ „Ich glaube, Sie haben es noch nicht so ganz begriffen.“ „Die sollen schon stabil bleiben, aber sich nicht unbedingt auch nach oben entwickeln.“ „Verstehe, und weil es in meinem Betrieb dadurch auch nicht mehr genug Fachkräfte gibt, ist es gut, wenn durch diese Politik mein eigener Arbeitsplatz gefährdet ist, obwohl mein Arbeitgeber…“ „Jetzt nerven Sie uns nicht mit komplizierten Denkmodellen, das hilft uns im Wahlkampf nicht weiter.“ „Eben.“ „Vor allem nicht im Lagerwahlkampf.“ „Sehr richtig.“

„Es ist Ihnen also wichtig, dass wir als Wähler grundsätzlich gespalten sind.“ „Naja, nicht gerade grundsätzlich, aber im Prinzip schon.“ „Das ist eine Frage der Maxime.“ „Wir müssen dafür sorgen, dass die Wähler sich im Recht fühlen, die wandern sonst noch zu einer anderen Partei ab.“ „Also zum Beispiel die Mieter oder die Vermieter.“ „Oder die Bürger und die äääh…“ „Also alle anderen, Sie verstehen schon.“ „Und wenn man jetzt die Position der anderen nachvollziehen kann und das trotzdem nicht gutheißt?“ „Dann sind Sie innerparteiliche Opposition, das können wir uns nicht leisten.“ „Da können Sie ja gleich zu den anderen gehen.“ „Bei uns herrscht jedenfalls Geschlossenheit.“ „Also vor den Wahlen.“ „Oder wenn die Vorsitzende das so anordnet.“ „Und wenn alle mitmachen.“

„Und wenn ich nun als Stadtbewohner nicht einsehe, dass sich diese Partei mit Dorfdeppen gemein macht, um irgendwelche Klischees über die soziale Entwicklung in Deutschland breitzutreten?“ „Dann ist das auch innerparteiliche Opposition.“ „Aber diesmal finden wir die gut.“ „Weil wir ja als Volkspartei auch eine gewisse Bandbreite abbilden müssen.“ „Und solche Spannungen halten wir dann aus.“ „Immer vorausgesetzt, dass wir bei der Besetzung wichtiger Mandate Prioritäten setzen können.“ „Stellen Sie sich mal vor, wir würden so einen Hinterwäldler in die Parteispitze…“ „Oder als Vorsitzende!“ „Nee, das können Sie sich dann mal abschminken.“ „Falls das Ihre Absicht gewesen sein sollte.“ „Eben.“ „Also nur so als Frage.“

„Dann haben Sie meine Frage ja erschöpfend beantwortet.“ „Ach, ist doch selbstverständlich.“ „Welche Frage?“ „Dass Ihre Partei einfach nur eine beschissene Hetzkampagne raushaut, weil an den entscheidenden Stellen für Krisenkommunikation geistig minderbemittelte Arschlöcher hocken.“ „Das wollen wir zunächst einmal nicht abstreiten.“ „Ja, man kann das so ausdrücken.“ „Ich würde sogar sagen, Sie haben hier eine wichtige Sache sehr schön auf den Punkt gebracht.“ „Wirklich!“ „Und, was folgt daraus jetzt?“ „Dann würde ich Ihnen empfehlen, wählen Sie unsere Partei.“ „Was!?“ „Im ersten Schritt ist das natürlich schon ausreichend.“ „Sie können sich ja dann immer noch überlegen, ob Sie sich nicht zu einer Mitgliedschaft entschließen.“ „Das wäre langfristig bestimmt der bessere Weg.“ „So können Sie auch die innerparteilichen Gegner von Ihren Standpunkten überzeugen.“ „Und da wird es sicher sehr viele geben, die Sie bisher noch gar nicht kennen gelernt haben.“ „Was soll ich in Ihrem Laden!?“ „Zunächst wäre es gut, sich auf einen offenen Dialog einzulassen.“ „Und dann können wir Schritt für Schritt die Krisenkommunikation verbessern.“ „Oder auch andere kommunikative Dinge.“ „Oder irgendwann auch die Partei.“ „Sie müssen nur wollen.“ „Es ist ja gar nicht so schwer, wie Sie sich das vorstellen.“ „Denken Sie nur an den Fachkräftemangel, der uns alle betrifft.“ „Sie könnten hier wirklich ein Zeichen setzen.“ „Und was wollen Sie von mir?“ „In den ersten Tagen verschaffen Sie sich einfach einen Überblick.“ „Nach zwei Wochen sind Sie in der Fraktion wie zu Hause.“ „Man lernt sich so schnell kennen!“ „Sie werden sehen, nächstes Jahr sind Sie schon auf dem Bundesparteitag.“ „Da werden immer Delegierte gesucht.“ „Und dann?“ „Überlegen Sie mal: wären Sie nicht auch gerne Bundesminister? Zum Beispiel für Landwirtschaft?“


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