Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXCVIII): Experten im Internet

24 01 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ja, früher waren es noch die Orakel, deren Gedöns man mit zu viel Schnaps für eine halbwegs interpretationsfähige Bilderfolge halten konnte, wenn man sich nur auf eine konsistente Bilderfolge geeinigt hatte. Heute trinkt man den Schnaps vorher und nachher und überhaupt, und dann nennt man das ganze Geschwiemel Fake News, glaubt dem lautesten Emittenten des weißen Rauschens und schaukelt seine Drüsen in trauter Gewissheit, dass die zuvor bekannten Räume sich stets so krümmen, wie es in der Klippschule eingebimst wurde, falls nicht die ganze Klasse simultan zum Nachjustieren der Gesichtsattrappe auf der Schüssel hockte. Dann kam Kollege Flaschenbier – eine Episode auf dem Weg in den Untergang, wer würde das schon lesen – und die Sache war geritzt. Alle wussten alles, das wussten ja alle, und was gab es darüber schon zu wissen? Richtig, es fehlte noch der Medienkanal. Damit öffnete sich geschmeidig Pandoras Büchse. Wir haben den Anschluss offenbar verpasst, wenn sonst gäbe es wohl kaum die Experten im Internet.

Die großen Fragen unserer Zeit auf den Gebieten Medizin, Recht und Bauphysik bedürfen einer stetigen Diskussion, und wo sonst könnte die stattfinden, wenn nicht in der Öffentlichkeit der sozialen Medien. Hier sind die großen Geister der Gegenwart versammelt, zumindest die, die sich dafür halten. Sie sehen es als ihre Aufgabe, die gesamte Menschheit immer wieder von der Genialität ihres Denkens zu überzeugen, auch wenn es der breiten Masse offenbar schwer fällt, den von ihnen abgesonderten intellektuellen Bauschaum für mehr zu halten als eine Lautäußerung, der mit Vollignoranz hinreichend Genüge getan ist. Sie leiden an ihrer Sendung, denn obzwar sie alles und vor allem alles besser wissen, so haben sie doch auch begriffen, dass es keiner hören will, der jäh mir ihrem Geschwurbel konfrontiert wird.

Der Experte im Internet ist leicht auszumachen; er gibt hier und da aus eigenem Antrieb seine fachkundige Meinung beispielsweise über aktuelle Fragen des Strafrechts hin sowie her, wohl wissend, dass es nicht bei jeder Frage eines Arbeitsvertrags zwingend um Mord handeln muss, aber das dem desinteressierten Laien langwierig zu erklären ist ja nicht seine Aufgabe. Droht die Debatte plötzlich in Richtung Naturwissenschaft abzugleiten, so ist die Flexibilität gefragt, die erst das anonyme Medium erlaubt: aus dem Advokaten, der zwölf Sequester Jurististik an der Ronald McDonald University of Cheeseburgh absolviert hat, wird flugs der agile Adept von Schrödinger und Heisenberg, der mit Mengenlehre und Schleifenquantengravitation auch die Erderwärmung erklären kann, obwohl sie sich im Widerspruch zur eigenen Forschung befindet.

Große Bescheidenheit zeichnet diese geistige Elite aus, denn sie streut ihr Geheimwissen meist unentgeltlich unter die Leute, obwohl sie dafür mindestens einen Nobelpreis verdient hätte. Emsig kraucht das von Theorie zu Theorie und entwirft die Weltformeln, von denen die etablierte Wissenschaft meist nur müde träumt, da sie in ihrer eigenen Langsamkeit verhaftet immer noch Dinge prüft, statt kühn Paläste in die Gegend zu labern. Dabei ist es ihnen zu verdanken, dass sie auch keine Scheu haben, abseitige Positionen wie Chemtrails, Impfkritik oder Rassenlehre in ihren Wurf mit einzubeziehen, da sich nur aus einer ganzheitlichen Schau aller denkbaren Elemente überhaupt der Sinn des Universums erreichen lässt, wie ihn niedere Wesen, die nur ein- bis zweimal promoviert wurden, niemals fassen würden. Die soziologischen Aspekte der zweiten Lautverschiebung gehören dazu wie der ontogenetische Ansatz der Fahrphysik innerhalb geschlossener Ortschaften. Was alles hier Ereignis wird, wissen nur künftige Generationen so recht zu würdigen, wenn überhaupt.

Das Internet ist der legitime Nachfahre des Stammtisches, inklusive des szenetypischen Einsatzes von Alkohol und anderen Substanzen, die die Türen zur Rumpelkammer des Hirnzellenkellers aufpopeln. Zwar gibt sich der privat Gelehrte hier nicht namentlich zu erkennen, wenn er es nicht muss, doch gerade dadurch wächst ihm die zweite Natur aus der Birne, um die Ausschussware der Mainstream-Bildung mit Mut und Schmackes zu befehden, auf dass sich die Früchte seiner in harter Autodidaktik erworbenen Belesenheit endlich in der Öffentlichkeit durchsetzen. Dass dies meist in der geschlossenen Veranstaltung einer Filterblase mit beschränkter Hoffnung geschieht, ficht ihn nicht an, ja es ist ihm Ansporn genug, zu jeder Zeit mehr Gebiete der Weisheit in seine profunde Forschung zu integrieren, um sich einen Namen zu machen als der Weisheitsfreund, der fließend von der numerischen Integration zum Betriebswuchten gelangt, wo dem angeblichen Fachmann nur die neidvolle Beschränkung auf eine Disziplin bleibt. Wir alle sind dem Experten zutiefst verbunden und zollen ihm gerne Respekt, lebt er uns doch vor, wie schneidig man Wissen erlangt. Studieren kann ja jeder.


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