Ausgewogene Kost

21 01 2020

Die rote Linie an der Wand lief schnurgerade an der Wand entlang. Es roch muffig, wie nach feuchter Wäsche, und genau das hätte man hier unterhalb des Gebäudekomplexes auch erwarten können. „Nur noch ein paar Schritte“, ächzte Fritzchen mit angehaltenem Atem. „Wir sind gleich da.“ Ich blickt auf die blaue Linie. „Sie sind sich sicher, dass wir nicht aus Versehen in der Pathologie landen?“ Er grinste gequält. „Das riecht hier immer so.“

Und Gustav Fritzchen, der Abteilungsleiter der Verpflegung, sollte natürlich recht behalten. Hier im Bauch der städtischen Klinik waren es nur wenige Meter bis zur Küche; kurz danach kamen wir am Lieferanteneingang an. „Legen Sie den Kittel an“, riet mir Herr Fritzchen. „Selbstverständlich“, antwortete ich. „So ist es gut“, lobte er. „Wenn Sie sich hier schmutzig machen, müssten wir am Ende noch die Reinigung bezahlen.“ Ich gehorchte und sah mich um. An der Schmalseite des Eingangs stand eine Beiköchin und wendete Wurstscheiben auf einem großen Teller um. „Aha“, merkte ich anerkennend auf. „Sie lassen die Salami für die Beilagen etwas Temperatur bekommen.“ Er guckte reflexartig nach unten, und ich weiß nicht mehr, ob er auch den Kopf schüttelte. „Das ist Jagdwurst“, erklärte Fritzchen. „Unsere Patienten sind einen gewissen Standard gewohnt, deshalb müssen wir den produktseitigen Feuchtigkeitsgehalt an die hier üblichen Verhältnisse anpassen.“ Ich war erstaunt. „Sie meinen, Sie trocknen die Wurst für morgen aus?“ Er sah sich erstaunt im Raum um. „Das ist so nicht ganz korrekt. Die Wurst ist selbstverständlich für übermorgen.“

Es war nicht zu leugnen, man hatte mich hierhin geschickt, die Qualität der Krankenhausverpflegung zu beurteilen. Mehrere Versuche, eine schwere Magenerkrankung zu simulieren, einen Beinbruch vorzutäuschen oder mich für Napoleon auszugeben – seit den Wahlergebnissen in Sachsen und Thüringen waren die geschlossenen Abteilungen sowieso bis auf Weiteres ausgebucht – waren dann doch fruchtlos geblieben, also musste ich mich in diese unliebsame Rolle begeben. „Wir versorgen hier etwa dreitausend Betten mit drei Mahlzeiten pro Tag“, informierte mich Herr Fritzchen. „Da muss man einen strikten Plan einhalten, sonst ist die Versorgung gefährdet. Und Sie müssen dabei immer berücksichtigen, wir arbeiten nicht für eine normale Kantine, dies ist die Verpflegung für ein Klinikum.“ Er blickte auf den Plan der Wand. „Die Zeiten in einer Betriebskantine habe ich lange hinter mir. Zehntausend Essen. Das ist zum Glück vorbei.“

Der Küchenhelfer zerlegte mit Hilfe eines offensichtlich stumpfen Messers grüne Gurken in unregelmäßige Scheiben. „Wir lassen moderne Einflüsse in unserer Küche zu“, schwärmte Herr Fritzchen. „Aber mit einem Gurkenhobel ginge das doch viel schneller?“ Er lächelte milde. „Einerseits setzen wir auf Individualität, andererseits ist dies auch ein gutes Mittel der betriebswirtschaftlichen Performance. Sehen Sie?“ Ein dienstbarer Geist sortierte je drei unregelmäßige Gurkenscheiben mit der Pinzette in ein Glasschälchen. „Wir achten sehr genau darauf, dass eine der Scheiben besonders dick ist, so haben wir immer eine Diskussion unter den Patienten.“ Ich begriff. „Es gibt also eine Art vertreibende Verpflegung.“ Er lächelte wieder. „Die Verköstigung ist als eine durchaus aktivierende Maßnahme zu verstehen.“

Über den Nudeln in Kessel IV stand ein laut piepender Zeitmesser. „Damit wir die nämlich nicht vergessen“, strahlte Hotte, Chefkoch der Etage. „Die kochen normal bis hier, irgendwie – und dann noch zehn Minuten extra.“ „Was steht denn auf der Verpackung?“ Fritzchens Gesicht verfinsterte sich schlagartig, aber das machte mir gar nichts aus. „Sie haben Ihre Richtlinien.“ Er riss unbewusst die Knochen zusammen. „Teigwaren werden auf der gastroenterologischen Station verabreicht, sonst nur die normale Kost.“ „Interessant.“ Er rührte sich. „Die essen es zwar, aber wenn sie es nicht bei sich behalten können, hören wir nie eine Beschwerde.“

Ich hatte zwar schon genug gesehen, aber mein Küchenaufseher schien noch nicht recht zufrieden. „Wir haben auch noch Speisepläne für Sonntage, Magenkranke und wenig interessante Fälle.“ Ich blätterte in meiner Liste. „Es fehlt hier aber auch ein Gericht mit Vitamin B9 und eine Speise mit…“ „Großartig!“ Fritzchen strahlte. „Sie sehen, die Ärzte werden unsere Patienten wieder in unser Klinikum einweisen, wo sie mit genau derselben Diät dieselben Ergebnisse…“ Ich drehte mich abrupt um.

„Moment“, keuchte Herr Fritzchen. Die rote Linie war schon zur Hälfte am Ende, der allgemeine Versorgungstrakt fast gewonnen. „So ist das ja nicht, wir haben eine besondere kulinarische Linie für Sie eingeplant.“ Zögernd blätterte er in seinem Ordner die Fischstäbchen auf. „Sie werden doch wohl einsehen, dass wir diesen Luxus nicht jedem Patienten angedeihen lassen können, oder?“ In der Tat, die Petersiliendekoration ließ mich zweifeln. „Wir sollten das nicht an die große Glocke hängen.“ „Ach, ich würde Ihnen so gerne ein paar frische Brötchen mitgeben“, sagte er. „Kommen Sie einfach übermorgen noch mal vorbei.“





Blitzableiter

20 01 2020

„Das ist eine organisatorische Frage. Der Papst ist für die ganzen fundamentaltheologischen Sachen da und für die Priesteraufgaben und für die Besuche im Ausland, und der Ratzinger labert halt Scheiße. Also quasi den heiligen Stuhl.

Klar, der Vatikan polarisiert. Deshalb ist es in dieser Zeit gerade so gut, dass wir nicht nur einen äußerst kontroversen Papst haben, sondern auch noch diesen ausgedienten Bayern im Schuppen. Das wirkt erst mal sehr merkwürdig, weil das im ganzen Reformprozess, der sich seit langer Zeit, also quasi seit der Gründung angestaut hat, weil das jetzt eben so enorm kontraproduktiv wirkt. Das ist nicht ganz ungefährlich, vor allem in Situationen, wo man in der Öffentlichkeit zeigen muss, dass man sich mit den Forderungen seiner zahlenden Kunden auseinandersetzt. Oder sie überhaupt erst mal zur Kenntnis genommen und dann auch kapiert hat. Und gerade dann ist da dieser eine Typ, dieser Hemmschuh, der im Grunde alles verhindert, was nach Modernisierung und Nachhaltigkeit aussieht. Siemens ist doch immer noch Konzern von Weltruf, trotzdem beschäftigen die Joe Kaeser. Oder hier, die SPD – Olaf Scholz.

In der Hinsicht sind wir wie die Industrie, die sich gegen den Klimawandel wehrt. Erst wehren wir uns gegen die, die nachweisen, dass wir Mist gebaut haben und weiter Mist bauen, dann leugnen wir, dass wir überhaupt Mist bauen können, dann bezeichnen wir alle als Lügner, die behaupten, dass Mist überhaupt existiert, und dann geben wir den Opfern die Schuld. Das kann man beliebig lange so weitermachen, uns kommt nur unangenehmerweise dieses metaphysische Zeugs dazwischen, das die Leute glauben, weil es in der Bibel steht. Man muss da schon eine sehr straffe Unternehmensführung haben, sonst kann man sich die Rendite in die Haare schmieren. Wir können nicht ewig warten mit der Reform des Pflichtzölibats, die Frauen, die wir uns als Arbeitstiere halten, wachsen leider auch nicht so schnell nach, wir müssen uns überlegen, wie wir das langfristig geregelt kriegen. Deshalb leisten wir uns für die Kundenbindung der rechten Kräfte auch einen zusätzlichen Aufsichtsrat. Für die unangenehmen Zwischenfälle. Wenn Sie sich auf den Glauben verlassen, sind Sie verloren. Deshalb ist auf jeder Kirche ja auch ein Blitzableiter.

Wir haben das jetzt auch in unsere offizielle Kommunikationsstrategie aufgenommen, damit die beiden ihre Erklärungen abwechselnd an die Presse schicken. Gute Bulle, böse Bulle. Dass Ratzinger da jetzt plötzlich einen Fallrückzieher macht, das war so nicht geplant, aber letztlich ist es für das Profil ganz gut, wenn sich der Papst jetzt von dieser Seite angegriffen sieht. Das erspart uns, dass wir nach fünfhundert Jahren die nächste Spaltung riskieren, und das wäre nicht nur marketingtechnisch eine Katastrophe. Diversifikation ist zwar praktisch, um möglichst den kompletten Markt abzudecken, aber bei unserem Produkt wird das kompliziert. Es wäre schon eine Herausforderung, sich einen neuen Markennamen auszudenken. Altkatholiken gibt’s schon, und die sind auch noch viel progressiver als der Marktführer.

Im Normalfall macht man interne Kritiker ja schnell mundtot. Oder man schiebt sie irgendwo in eine eigene Sparte ab, wo sie nicht mehr viel zu melden haben. Als Großinquisitor hat der Alte einen ganz guten Job gemacht, das muss man ihm lassen. Immerhin hat das mittlere Management vor ihm immer noch Angst. Aber ich sehe es noch nicht, dass wir eine feindliche Übernahme zu befürchten haben. Dazu fehlen ihm dann doch die Mittel. Der Laden ist ihm über den Kopf gewachsen.

Möglicherweise ist der Ratzinger auch schon dementer, als es vorher den Anschein hatte. Die Vorgänger waren ja auch nicht mehr alle ganz dicht – was erwarten Sie auch bei einem Berufsbild, in dem man Anweisungen von einem unsichtbaren Mann bekommt, den man erst nach seinem Tod kennen lernt. Natürlich gibt es da auch einige, die den Ratzinger als ein ausgekochtes Schlitzohr sehen und meinen, dem sei es völlig egal, wer unter ihm Papst ist. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo in der Mitte. Gegenpäpste hat es ja schon immer gegeben, und wenn Franziskus ihn jetzt als Ketzer an die frische Luft setzt, dann denken Sie daran, dass auch schon genügend Päpste plötzlich Visite beim Chef hatten.

Für dieses Jahr werden wir noch einen bis zwei Durchgänge erwarten können, ich tippe man auf das Thema Frauenordination. Da wird der Ratzinger irgendeinen antifeministischen Scheißdreck vom Stapel lassen, dann gibt es einen Aufschrei, die Deutsche Bischofskonferenz wird sich von dem alten Sack distanzieren, und der Papst lenkt mit viel harmoniesüchtigem Gelaber vom Konflikt ab. Falls seiner Heiligkeit nicht plötzlich der Hals platzt, er hat ja gesagt, wer seine Mutter beleidigt, kriegt aufs Maul. Dann wird er halt lernen müssen, wie wir das mit den Führungsaufgaben schon seit unserer Gründung gelöst haben. Es kann nur einen geben.“





Organspende

19 01 2020

Oft wird philosophiert, ob Katzen tatsächlich den Menschen lieben oder doch die Annehmlichkeiten, welche das Dasein als Heimtier mit sich bringt. Im Journal of Forensic Sciences haben nun Sara Garcia et. al. nachgewiesen, dass offen liegende Leichen, deren Verfallsprozess die Forscher studieren, nicht nur von den üblichen Wildtieren angefressen werden, sondern auch von streunenden Katzen. Immerhin blieben die Tiere ihrem Ruf als Feinschmecker treu und nagten an den delikatesten Stellen der Arme, an Haut und zartem Fettgewebe. Katzenfutter mit Mausaroma ist damit endgültig aus dem Rennen, man sieht ja, sie haben uns zum Fressen gern. Vielleicht setzt sich der Gedanke durch, Organe nicht nur an seine Mitmenschen zu spenden. Alle weiteren Anzeichen, dass der große Kreislauf der Natur viele innovative Lösungen birgt, wie immer in den Suchmaschinentreffern der vergangenen 14 Tage.

  • nazis in deutschland: Was für eine Überraschung!
  • deutschland nazis: Ach was, seit 1945 nicht mehr!
  • namen im internet: Außerhalb scheint es keine zu geben.
  • erkältung rezepte: Ich kriege meine immer ohne hin.
  • rassismus polizei rufen: Das garantiert meist den Erfolg.
  • afrika urlaub billig: Wir hätten die Kolonien doch nicht aufgeben sollen.
  • ministerium kaputt: Eins!?




In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CDLXXVI)

18 01 2020

Es restauriert Jan in Mykutten
viel kirchliche Kunst, meistens Putten.
Dem Pfarrer zuliebe
(wohl wegen der Triebe)
hüllt er sie dann ein ganz in Kutten.

Damián wienert in Tultepec
den Boden. Noch sieht man den Dreck.
Er reibt noch und nöcher –
schon sieht man die Löcher.
Doch immerhin ist der Fleck weg.

Von Grażyna kennt man in Leisten
die Gänse. Sie züchtet die meisten
der Tiere schon lange
nach Klang im Gesange.
Verkaufen kann sie nur die feisten.

Kittikachorn macht in Bang Khen
viel Schnäpse. „Wenn ich etwas brenn,
zähl ich beim Herstellen
nicht so zu den Schnellen.
Den kriegt auch nur, wen ich schon kenn.“

Es kauft Tomasz sich in Lucknaien
den Besen neu. Bald wird es schneien.
Es nieselt. Die Sonne
scheint kurz, doch voll Wonne.
Er wird sich dies niemals verzeihen.

Haroldo in Quetzaltenango
plagt Rückenschmerz, oft auch beim Tango.
Man rät ihm, zum Tanzen
das Beste sind Pflanzen.
Er schwört seitdem nur noch auf Mango.

Mathias betreut in Lakellen
zwei Seehunde. Dass die nicht bellen,
betrübt ihn. Er baute
in ihre vertraute
Umgebung die Lösung für Wellen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXCVII): Geocaching

17 01 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher waren es noch schnaufende Troglodyten, die durch den Knick strauchelten. Ab und zu latschten sie knacksend über Schnecken und Eier, aber das hielt sie nicht von ihrem Tun ab. Heute findet man sie in rustikale Polyesterhüllen gepfropft in den Rückzugsgebieten des Buntspechts, wie sie geräuschinvasiv ins Gelände einfallen, Höhenzüge erledigen und die Fauna verstört zurücklassen. Jeder erkennt sie, wie sie ihr technisches Gerät in der Sonne schwenken, wochenendliche Hasardeure der fröhlichen Zerstörung. Wer hat sich diesen Unfug nur ausgedacht, und vor allem: warum? Die Antwort, so werden die Freunde des Geocaching sagen, liegt irgendwo auf der Streuobstwiese in einer nicht grundwasserneutralen PVC-Kapsel.

Normale Menschen, die zumindest aufrechten Gang und zügige Atmung souverän miteinander zu verbinden wissen, kanalisieren ihre überschüssige Energie in normalen Freizeitbeschäftigungen wie Pistolenschießen, Insektenzucht oder Bierkonsum. Wer das nicht unfallfrei auf die Kette zu kriegen droht, muss sich in Übergangsjacke und Helm im Naturschutzgebiet herumtreiben, größtenteils in der Zone, die den Hominiden als Störfaktor so gut gebrauchen kann wie ein Reisebusfahrer die Schlafkrankheit. Bunte Plastebömmel lagern hier und da in der Kohlenstoffwelt, darin ein Stückchen Papier, beschrieben mit Namen der Knalltüten, die auf der Jagd nach Schnitzeln ihr eigenes Kürzel dazuschwiemeln, als sei ihre geistige Müllabladung ein Abenteuer. Dabei ist das Auffinden der Dinger im Feld ähnlich komplex wie Wanderungen in einer beliebigen Innenstadt unter Benutzung eines aus amtlichem Kartenmaterial erstellten Faltplans. Der postmoderne Schatzsucher bedient sich seines satellitengesteuerten GPS-Geräts, tapert durch Saat und Frucht schnurstracks auf die Koordinate und lokalisiert die einzige als biotopfremd erkennbare Kiste, die eher nicht auf dem Kunststoffbaum gewachsen ist. Was kann schöner sein.

Wie gesagt, der Wald. Dem Bekloppten ist es zumeist wumpe, dass er in Schutzgebiete eindringt und dort fröhlich marodiert. Es sind sinnigerweise dieselben Flusenlutscher, die beim Anblick eines angeblichen Wolfs in Geweimer ausbrechen und lautstark den Abschuss des bösen Tiers fordern, das nicht in die Natur gehört, wie sie der eventbekiffte Turnschuhtourist vorzufinden wünscht. Hausrecht ist den Nudelbiegern sowieso egal, und wo sie ihren Schritt verklappen. Kommt es auf unwegsamer Strecke, am Hang oder in der Höhe, zum Unfall, zahlt der Grundstückseigner für die klinische Doofheit seiner ungebetenen Gäste, sofern er deren Anwesenheit nicht zuvor verboten hat. Da es dem Zeitgeist der Zielgruppe entspricht, immer extremer gelagerte Fundorte zu wählen, die naturgemäß zum Rückzugsort zahlreicher Arten gehören, auch in temporärer Brut und Brunft, gehört das Verlassen des gesicherten Weges längst zum guten Ton. Ebenso lässt sich die Schnitzeljagdgesellschaft nichts anmerken, wenn sie von Unbeteiligten auf frischer Tat ertappt wird; Geheimniskrämerei in ridiküler Pose scheint sich da mehr zu ziemen.

Die geistige Herausforderung, nicht mehr nach den Sternen, nach Landmarken oder notfalls dem Kompass durch die Pampa zu streifen, sondern die elektronische Trulla zu verwenden, stempelt diese Tätigkeit denn auch hinlänglich zum Instant-Spaß für mit allem überforderte Yuppies ab, die zwar ein bisschen Adventure im Outdoor-Bereich haben wollen, aber mehr so Fun, nicht wirklich wirklich. Wie muss man sich das vorstellen? Hackt der hippe Wurstverkäufer am Wochenende aus dem Netz das Navi voll und hakt dann mit seiner Nachbarina als Kapselkasper die Überraschungseier im Grünen ab? Hört man alle zehn Minuten, wie die Kursleiterin Sie haben Ihr Ziel erreicht durch die Hecke knödelt? Wahrscheinlich war das alles nur ein Missverständnis, als am Rande eines gründlich aus dem Ruder gelaufenen Marketing-Kongresses ein Vertriebsleiter für GPS-Spielzeug bei mehr als genug billigem Alkohol mit dem Chefstrategen eines Herstellers von Funktionskleidung für ästhetisch sonderbegabte Zwangsgestörte beschloss, den ganzen Schmodder im Doppelpack als Lifestyle anzupreisen und an alle zu verkaufen, die sich ab Samstag außerhalb der Zivilisation aufhalten, weil es keinen gibt, der sie innerhalb vermissen würde. Dass man damit inzwischen eine Menge Kohle machen kann, ist nur folgerichtig.

Warten wir darauf, dass der erste Depp sein Gebamsel in einer belebten Fußgängerzone oder an einem Verkehrsknotenpunkt deponiert und darauf von ein paar freundlichen, aber maskierten Herren mit halbautomatischem Gewehr im Anschlag aufs Pflaster befördert wird, weil das SEK Semtex oder Heroin im Container vermutet. Vielleicht ruft auch ein Revierförster vergeblich den Hobbykletterer an, bevor er ihn per Großkaliber aus der Föhre klaubt. Es trüge doch maßgeblich zu mehr Achtsamkeit bei, wenn der Mensch wieder mehr Respekt dadurch bekäme für die majestätische Ruhe des Anorganischen. Er hätte sein Ziel erreicht.





Wut zur Wahrheit

16 01 2020

„Merkelnutte?“ „Merkeldrecksnutte!“ „Wenn Sie mich fragen: Dreckmerkelnutte.“ „Drecknutte!“ „Aber das ist…“ „Scheißdreckmerkel!“ „Dreckige Merkelsau!“ „Kanzlernutte!“ „Das würde ich nicht nehmen.“ „Warum nicht?“ „Wenn Weidel diese Judenrepublik übernimmt, könnte uns der Begriff noch auf die Füße fallen.“

„Worauf haben wir uns überhaupt geeinigt?“ „Seit wann einigt man sich in der Partei!?“ „Wer hier nicht tut, was der Führer will, kriegt eins in seine linksversiffte Volksverräterfresse!“ „Wir sollten diesen Ausdruck aber nicht mehr verwenden.“ „Warum nicht?“ „Hat die Merkelnutte die jüdischen Antifa sonst mit der Vernichtung der Volksgenossen beauftragt?“ „Nein, Herr Meuthen hat die…“ „Die pädophile Pissratte soll sein Maul halten, sonst ist hier Auschwitz!“ „Jawoll!“ „Jedenfalls hat er gesagt, wir sollen nicht mehr diese juristisch angreifbaren Beschimpfungen…“ „Die Sackratte gehört ins Gas!“ „Auschwitz!“ „Sieg Heil!“ „Deutschland! Deutschland!“

„Hören Sie mir doch mal zu, es geht um die…“ „Hat der Führer auf die Judenpresse gehört?“ „Die hätten ihm noch viel eher den Holocaust in die Schuhe geschoben!“ „Wenn wir mittelfristig an die Regierung kommen wollen, dann…“ „Wieso denn mittelfristig?“ „Der ist doch von der jüdischen Antifa gekauft!“ „Nationaler Widerstand!“ „Wir werden uns gegen diese linksversifften Juden schon noch durchsetzen!“ „Auschwitz! Auschwitz!“ „Aber wir haben es damals auch nur so geschafft: legal an die Macht kommen und dann durch Notstandsgesetze…“ „Den Notstand haben wir jetzt schon!“ „Weg mit der Merkelsau!“ „Wir brauchen dazu die Mehrheit der…“ „Kann die linksversiffte Nazisau mal einer in die Genickschussanlage prügeln?“ „Wieso Nazi?“ „Weil jeder, der sich als linker Sklave der jüdischen Weltherrschaft daran macht, das Erbgut der deutschen Rasse auszulöschen, eine Nazisau ist!“ „Ach so.“

„Jedenfalls möchte der Bundesvorstand, dass wir uns als Partei nicht mehr so…“ „Dass man das jetzt nicht mehr sagen darf, finden Sie also gut?“ „Das haben doch die linksversifften Altparteien so eingefädelt!“ „Wir haben die Wut zur Wahrheit!“ „Auschwitz!“ „Seien Sie doch mal realistisch: Sie alle sind asoziale Arschlöcher.“ „Ja und?“ „In Deutschland gilt man eben als asoziales Arschloch, wenn man nicht mehr für Konzerne arbeiten will, die die jüdische Weltherrschaft finanzieren!“ „Und wir brauchen auch keine pädophile Drecksau, die sich der Judenjustiz unterordnet, weil wir keine Spenden mehr für die Partei bekommen sollen!“ „Die gehören doch auch alle nach Auschwitz!“ „Die Spender aus der Schweiz?“ „Wieso nicht? Sind doch auch Ausländer, oder?“ „Wir alle wollen in nicht allzu ferner Zukunft ein gut bezahltes Amt in der Partei annehmen, für das wir nicht arbeiten müssen.“ „Ja und!?“ „Dazu müssen wir doch erst mal staatstragend werden, nicht wahr?“ „Solange es diese Arschkriecher in der Regierung gibt, kann uns diese linksversiffte Mischpoke doch egal sein!“ „Wir werden das Land an dem Tag übernehmen, an dem unser Führer es uns befiehlt!“ „Bis dahin muss sich die Partei aber auch auf einen Führer geeinigt haben.“ „Wieso das denn?“ „Jetzt kommt der uns auch noch mit Demokratie!“ „Hören Sie mal, mit Demokratie ist das bei uns wie mit den Nazis: alle anderen sind nicht demokratisch, deshalb schaffen wir alle anderen ab, klar?“

„Jedenfalls möchte ich Sie bitten, künftig mit Ihren Äußerungen in der Öffentlichkeit etwas mehr auf die…“ „Damit will sich Meuthen doch nur bei den linkslinken Multikultiparteien einschleimen und die Umvolkung fördern!“ „Wahrscheinlich kriegt die Drecksnutte dafür von den Juden auch noch ordentlich Kohle!“ „Merkel?“ „Nee, Meuthen natürlich.“ „Ach so.“ „Sollen wir denn alle zum Beobachtungsfall werden?“ „Könnte das echt ein Problem werden für die Partei?“ „Ich kenne ein Dutzend V-Leute, die sind alle bei uns.“ „Ja und?“ „Die kommen zumindest sehr leicht an geheimes Material aus der Parteiführung.“ „Scheiße.“ „Stimmt, mehr steht da meist auch nicht drin.“

„Vielleicht kann man ihn ja umstimmen, wenn man ihm klar nachweist, dass die besorgten Bürger sich diesen Maulkorb nicht gefallen lassen und trotz der Einschränkungen ihre Meinungsfreiheit gegen die Parteijunta verteidigen?“ „Wir könnten ja die Partei neu gründen.“ „Noch mal?“ „Der III. Weg existiert ja schon.“ „Wir wollen sowieso das Vierte Reich.“ „Auschwitz!“ „Demonstrationen waren schon immer ein gutes Medium, um die Sorgen der Bürger in die Politik zu tragen.“ „Wobei wir der Polizei auch sehr zu Dank verpflichtet sind, die uns vor diesen linksversifften Gutmenschen und ihrem Grundgesetzwahn beschützt haben.“ „Es wird Zeit für eine nationale Hetzjagd auf diese Rasseschädlinge!“ „Chemnitz! Chemnitz!“ „Halt, wir haben ja die größte Gefahr unterschätzt!“ „Ach so?“ „Meinungsfreiheit gut und schön, aber was machen wir eigentlich, wenn die Merkelsau nicht mehr im Amt ist?“ „Wir könnten natürlich die neue Kanzlerin…“ „Ja?“ „Keine Ahnung.“ „Das müsste der Führer, also ich meine, der dann von der Partei demokratisch gewählte…“ „Wenn das Meuthen ist, der kriegt von mir eins in seine Antifafresse!“ „Das lassen wir uns nicht gefallen!“ „Chemnitz! Nee, Moment mal…“ „Was machen wir denn dann mit denen, die sich jeden Tag danebenbenehmen?“ „Hm, ich habe da eine Idee.“ „Tourette?“ „Oder ist das von Rassefeinden beschädigtes deutsches Erbgut?“ „Ich würde es so nennen: bedauerliche Einzelfälle.“





Systemkonformer Blackout

15 01 2020

„… unabdingbar sei. Schäuble werde die Pflicht zur Nennung des Klarnamens im Internet auch dann durchsetzen, wenn das Bundesverfassungsgericht dieses wie bereits im Urteil vom…“

„… müsse die Kommunikation von den als erstes greifbaren Verantwortlichen leben. So könne man etwa bei politischen Diskussionen schnell einen persönlichen Ansprechpartner für eine sehr viel intensivere…“

„… werde die Gefahr von Online-Bankraub durch die Namensnennung erheblich gesenkt. Seehofer fürchte, dass sich viele Bürger im Darknet eine Internet-Burka kaufen würden, mit denen Bitcoins im Wert von vielen…“

„… die Gerichte entlastet werden könnten. Wenn bei ansteigender Anzahl von Privatklagen der Weg zur Ermittlung der Prozessgegner immer noch durch die Telekommunikationsbetreiber und die sozialen Medien erschwert werde, müsse man die juristischen Möglichkeiten erheblich in den…“

„… müssten sich eher die Politiker schützen, da sie immer öfter von offensichtlich linksextremen Chaoten mit dem Tode bedroht würden, da sie die arische Herrenrasse durch Umvolkung ausrotten. Als allerletzte Konsequenz befürchte Schäuble Brandanschläge auf SUVs, was sich gerade aus verfassungsrechtlicher Sicht nicht mit dem…“

„… sich Hans-Hermann Mueller-Luedenscheid durch die Verkürzung durch Umlaute schuldig gemacht habe. Die Verurteilung sei daher eine…“

„… fremdländische Terroristen nicht mehr dadurch unterschieden werden könnten, wenn die Personen nur als Ali Ali oder Muhammad Muhammad registriert seien. Die deutsche Namenskonvention müsse sich zur Not zwangsweise auf die…“

„… größere Transparenz herstelle. Spahn befürworte die Klarnamenspflicht gerade auch für nicht geoutete Homosexuelle und Transpersonen. So könne sich ein erheblich intensiverer Kontakt mit den Nachbarn, aber auch mit den nicht so…“

„… selbst verantwortlich seien. Ein Kinderwunsch könne entweder direkt über eine Institution gemeldet werden oder durch eines der inzwischen mit De-Mail assoziierten…“

„… hetze die Mehrheit der Rechtsradikalen, die Polizei und Staatsschutz bereits hinlänglich bekannt sei, auch unter Nennung ihrer Klarnamen. Dies halte Schäuble jedoch für vertretbar, da sich durch eine Ausweitung des öffentlich Sagbaren vielleicht die Rückführung potenzieller Rechtsterroristen in die christlich-demokratische…“

„… sei der Staat zwar nicht direkt mit der Kontrolle der Online-Profile betraut, müsse aber langfristig durch die Sicherstellung eines nur in Deutschland verwendbaren Einheitsprofils die…“

„… nicht mit der Spam-Abwehr in Verbindung gebracht werden dürfe. Es sei ein nicht zu rechtfertigender Eingriff in die Vertriebswege eines Großhändlers, wenn dieser nicht die Anschriften seiner…“

„… dass Ausländer gar keine Berechtigung hätten, sich in Deutschland in deutschen oder auch nur deutschsprachigen sozialen Medien durch einen eigenen Account zu betätigen. Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen durch Bundeskanzler Kurz sei allerdings nur wegen einer rein…“

„… mit Buttersäure angegriffen worden sei. Der türkischstämmige Kreistagsabgeordnete habe schon damit gerechnet, dass von seinem Bundesverband keinerlei…“

„… besser sei, dass nur die in Deutschland registrierten Deutschen sich in sozialen Netzwerken betätigen dürften. Dies sei zwar schwierig, da der regierungsseitig programmierte Algorithmus Namen wie Cohn oder…“

„… leichter ausfindig gemacht werden könne, da die Einwohnermeldeämter ihre seit 1934 nicht mehr geänderten Vorschriften nun einer kritischen Bestandsaufnahem unter zogen hätten. Es gebe in den…“

„… die Meinungsfreiheit für Berufsgruppen wie Journalisten für die Bundesregierung nicht ersichtlich sei. Diese könnten sich auch gefahrlos in ihren berufsbedingt genutzten Medien äußern, wo dies nicht der Fall sei, müsse man ohnehin von einer geschäftsschädigenden Absicht in der…“

„… private und berufliche Meinung nicht immer übereinstimmen müssten. Dies könne der normale Bundesbürger aber auch an Stammtischen oder in Initiativen wie PEGIDA zum Ausdruck bringen, um die…“

„… von persönlich Verantwortlichen lebe. Da Schäuble sich gerade nicht erinnern könne, wer ihm den Briefumschlag überreicht habe, nehme er sein Recht auf den systemkonformen Blackout in Anspruch, da er nicht die Absicht habe, die Geschichte der…“

„… müssten sich Nutzer schon deshalb durch eine von der Bundesregierung genehmigte Stelle beglaubigen lassen, da sie sonst nicht durch eine von der Regierung registrierte Stelle beglaubigt seien. Für Seehofer reiche dies vollkommen aus, um Strafverfahren gegen alle, die sich nicht im…“

„… zunächst durch die Steuer-ID geschehen könne. Schäuble habe in Aussicht gestellt, dass es eventuell eine Lockerung der Namenswahl geben könne, wenn im Gegenzug die hoheitlichen Bezeichnung in jedem Profil von…“

„… Ausnahmen geben müsse, die aber strenge Kriterien der Behörden geregelt seien sollten. Angehörige der Parteien, die in Bund, Ländern und Gemeinden durch öffentliche Tätigkeiten beschäftigt seien, sowie deren Angehörige, Freunde, Bekannte, Nachbarn, abhängig Beschäftigte, namentlich bekannte Nichtbekannte im Verhältnis eines Bekanntschaftsverhältnisses, nicht näher bekannte Unbekannte, deren Verhältnis zu den Nichtbekannten sich in einem unbekannten oder noch nicht bekannten…“

„… dass der neue Personalausweis auch eine elektronische Funktion zur Anmeldung im deutschen Internet beinhalte. Das Innenministerium habe damit endlich den vollen Zugriff auf die Kommunikation im Netz und könne sich bei drohender Gefahr zeitnah einschalten. Als neuer Koordinator zur Abwehr des Linksterrorismus werde Maaßen eine eigene Behörde im…“





Schnupfen

14 01 2020

„Mindestens siebenunddreißig-neun“, flüsterte Herr Breschke. „Vielleicht sogar achtunddreißig Grad, ich hatte ja die Brille nicht auf.“ Der alte Herr krümmte sich auf dem Sofa zusammen und hustete in sein Taschentuch. Alles sah nach einer durchaus lebensbedrohlichen Krankheit aus, wir mussten uns auf alles gefasst machen. Es war Schnupfen.

Den Korb mit den Besorgungen hatte ich in die Küche verfrachtet und las die Liste vor: „Vier Hühnerbeine, Suppengemüse, Äpfel, ein Päckchen Ostfriesentee, und sie hatten Stollenkonfekt.“ „Da hat meine Frau noch eine kleine Freude“, ächzte er. „Ich kriege ja nichts mehr herunter, vielleicht noch einen Löffel Hühnersuppe, aber ob das in meinem Zustand noch etwas nützt?“ Ich stützte ihn und zog das Kissen unter seinem Nacken ein Stückchen höher. „Sie sind seit dem Wochenende ein bisschen erkältet“, konstatierte ich, „vermutlich haben Sie sich kürzlich in dieser Theaterveranstaltung etwas weggeholt. Die Leute haben ja gehustet wie die Weltmeister.“ „Kann gar nicht sein“, stöhnte der pensionierte Finanzbeamte. „Es war sogar eher zu warm in diesem Saal, da erkältet man sich doch nicht.“ Bismarck hob den Kopf; er hatte bisher ganz still, quasi im Halbschlaf, auf dem guten Sessel seines Herrn gelegen, was er eigentlich nicht durfte, und regte sich nun, um kurz nachzuschauen, ob sich an der ausweglosen Lage etwas verändert hatte.

„Erkältungen“, dozierte ich, „holt man sich ja nicht wegen der Kälte. Ihr Immunsystem wird ein bisschen angegriffen sein, da passiert das schon mal.“ „Nicht möglich“, stöhnte Breschke. „Das ist ganz und gar unmöglich. Meine Frau hat es doch auch nicht bekommen.“ Bismarck rümpfte die Nase, oder vielleicht bildete ich mir das auch nur ein, und beschloss, sich wieder auf dem Sessel in der richtigen Schlafposition zusammenzudrehen. „Sie sollten viel trinken“, beschloss ich. „Diese Heizungsluft im Theatersaal hat Ihre Schleimhäute über Gebühr angegriffen, und jetzt gibt Ihnen die mangelnde Feuchtigkeit den Rest.“ „Ich lutsche ja schon diese Pastillen“, erwiderte er matt, „aber solange meine Frau nicht zu Hause ist, was kann ich da tun?“

Während ich in aller Ruhe Hühnerbeine und Suppenbund in den Kühlschrank räumte, näherte sich leise der dümmste Dackel im weiten Umkreis. Immerhin lief er mir nicht instinktiv zwischen die Beine, während ich das Teewasser aufsetzte, aber das mag daran gelegen haben, dass ich nicht sein Herrchen war. Bei Horst Breschke hatte Bismarck etwas weniger Feingefühl. Und er war auch viel öfter angeleint. So füllte ich das Teesieb mit einer angemessenen Menge, hob zwei Tassen auf das geblümte Tablett, setzte das gusseiserne Stövchen dazu und trug alles zusammen ins Wohnzimmer, wo ich es auf dem Tisch drapierte. „Mir war eben so, als hätten Sie etwas von Stollenkonfekt gesagt?“ Der Hausherr zitterte nur noch mäßig unter seiner leichten Kamelhaardecke, offensichtlich ging es ihm besser. Ich ließ mir jedoch nichts anmerken und legte das zwiebelgemusterte Teegeschirr auf. Er seufzte. „Das war wohl doch das Fieber, nicht wahr?“

Vermutlich hatte er heute noch nicht viel mehr getan, als sich auf dem Sofa mit Frühstück und der Tageszeitung, der Fernbedienung für den Fernseher sowie Taschentüchern bedienen zu lassen. Allem Anschein nach handelte es sich wirklich um einen ausgewachsenen grippalen Infekt, den man nur sehr schwer überlebt, vor allem dann nicht, wenn man ganz alleine zu Hause liegt, weil sich die Gattin beim Frisör befindet. „Ich wollte mit ihr ja nach Spanien“, jammert Herr Breschke. „Diesen Sommer wird das nichts mehr, wer weiß, wann ich diesen schrecklichen Husten los bin – ach, hoffentlich entwickelt sich daraus keine Tuberkulose? Man weiß ja nie!“ Ich zog eine Augenbraue in die Höhe. „Sie lesen nicht so viel ausländische Zeitungen“, bemerkte ich, „aus Indien ist nämlich gerade die Lungenpest wieder stark auf dem Vormarsch.“

Ich hätte das nicht sagen sollen. Jedenfalls quollen dem Kranken schier die Augen aus dem Kopf – möglicherweise hatte er sich im Vorfeld auch eingehend mit der Symptomatik beschäftigt – und er keuchte erschöpft, ob ich ihm nicht eine Tasse Tee reichen könnte. „Viel Flüssigkeit“, befand ich, „das müsste Ihren Zustand deutlich stabilisieren, und dann sollten Sie eine Kleinigkeit zu sich nehmen. Sie fallen mir ja sonst noch vom Fleisch.“ Schon griff ich nach der Teekanne, da richtete sich der Hund auf, spitzte einmal über den Tisch und erstarrte. Beim Anblick des Tellers zwischen den beiden Teetassen reckte er sich ganz nach vorn, die Vorderbeine fest auf die Sessellehne gestemmt, und mit einem Satz stand er auf dem Tisch, wo er flugs die Schnauze in den Gebäckteller hielt. „Bismarck!“ Mit einem Aufschrei warf Horst Breschke die Decke von sich, stürmte auf den Tisch zu und versuchte, den Dackel noch am Halsband zu erwischen. Doch es war zu spät. Mit einem Stück Stollenkonfekt im Maul sprang Bismarck herunter, geradewegs an uns beiden vorbei, und verschwand auf der Treppe ins Obergeschoss. Keuchend hielt sich Herr Breschke an der Stuhllehne fest. „Ich würde Sie damit als geheilt entlassen“, stellte ich fest. „Wenn Sie mögen, setze ich gleich noch die Hühnersuppe auf, Ihre Frau kommt sicher in einer Viertelstunde zurück und kann sie in aller Ruhe bis heute Abend kochen lassen.“ Er tastete nach dem Fernsehsessel. „Ach“, stöhnte er, „man kann hier ja nicht einmal in Ruhe krank sein – wie soll man so gesund werden?“





Bleiberecht

13 01 2020

„Natürlich erinnern wir uns noch sehr gut an den Vorfall, der wird ja demnächst drei Jahre alt. Die Berliner Polizei hat viel zu tun, hier brennen Autos oder wir müssen Leute im Brunnen erschießen, da kann man nicht immer alles auf dem Schirm haben. Aber das wissen wir schon, da ging es ja um nicht direkt einheimische Bevölkerung.

Das war Berlin Union, das muss man nicht ganz so ernst nehmen. Das ist ungefähr so, als würde man einen Hamburger beim HSV verhaften, weil der nicht die erforderliche Promillegrenze überschritten hat. Wir nehmen da schon Rücksicht, schließlich haben die Innenminister von uns immer wieder Kultursensibilität gefordert. Aber wenn das soweit kommt, dass wir die Einwanderer anders behandeln, dann können wir da auch nichts anderes machen. Die Hetzpropaganda ist zwar schlimm, aber man kann das als Organ des Staates auch nicht ganz ignorieren.

Außerdem sehe ich hier eine sehr unsaubere Verwendung des Begriffs Fremdenfeindlichkeit. Der Typ soll laut unserer eigenen Pressemitteilung fremdenfeindlich beleidigt worden sein – meines Wissens nach stammte der aus Berlin, es kann sich also nicht um einen Ortsfremden oder anderweitig Zugereisten handeln, und den kann man dann auch gar nicht fremdenfeindlich beleidigen. Was Sie meinen, das ist Rassismus, aber den hat es laut der Pressemitteilung eben nicht gegeben. Zumal es ja laut neuesten wissenschaftlichen Untersuchungen gar keinen Rassismus gibt, weil das mit den Rassen nicht wissenschaftlich ist. Es gibt halt Menschen, die sind mehr wert als andere, weil die in der richtigen Leitkultur geboren wurden und nicht mit einer Hautfarbe, die hier nicht hingehört. Die fallen auch überall gleich auf, und zwar jedem. Bei einer ganz normalen Polizeikontrolle fallen die gleich auf, und wenn es noch keine Kontrolle ist, dann macht man eben eine daraus. Aber das kann man nicht als Fremdenfeindlichkeit bezeichnen.

Eigentlich hat sich diese Diskussion sowieso schon erledigt, wir können gar keine Rechten sein, weil wir selbst von denen bedroht werden. Denken Sie an den Polizeichef von Oldenburg. Gut, man hat als Polizeichef keine Politiker zu kritisieren, und wenn, dann diese linke Marionettenregierung unter der Terrorkanzlerin. So ein Nestbeschmutzer muss sich gar nicht wundern, wenn ein paar patriotische Bürger ihn daran erinnern, dass eine einzige Kugel reicht, um ihn loszuwerden. Das darf man zwar auch nicht sagen, immerhin wird hier eine Straftat angekündigt, aber möglicherweise ist da am Ende auch nur Fahrlässigkeit im Spiel. Der Lübcke, der soll ja auch nur sehr unglücklich gestanden haben, als die Pistole auf seinen Schädel gerichtet war.

Da muss man mit den Bezeichnungen schon sehr genau bleiben. Die ausländische Person hat sich natürlich auch nicht durch Sprachkenntnisse hervorgetan, und dass er Bundesfreiwilligendienst in einer Kita geleistet hat, das zeigt doch nur, dass er hierher gekommen ist, um den Deutschen auch noch soziale Betätigungen streitig zu machen. Das sind doch die Fakten!

Jedenfalls wurde diese Person, offensichtlich ein Afghane, im Verlauf ihrer Infiltration in deutsches Hoheitsgebiet erheblich an der Schulter und am Kopf verletzt, wobei wir zu den Kopfverletzungen gar nichts sagen können. Das war wie gesagt ein Afghane, da kommt so was vermutlich häufiger vor. Die laufen da ja sowieso alle mit dem Turban durch die Gegend, es kann also auch eine reine Schutzbehauptung sein. Der Mitarbeiter, der ihn nun so wie behauptet verletzt haben soll, der hat zu dem Zeitzpunkt überhaupt keine Uniform getragen. Da frage ich Sie: war das denn dann überhaupt ein Polizist? Dieser Ausländer kann sich doch gar nicht durch den tätlichen Angriff eines Polizisten auf ihn traumatisiert fühlen, wenn der gar nicht als Polizist zu erkennen gewesen ist. Möglicherweise hat er die Uniform ja auch nicht getragen, weil er gedacht hat, das würde sich nicht mit seinem Hobby vertragen. Das war also die reine Rücksichtnahme, verstehen Sie? Das kann man doch einem Beamten nicht zum Vorwurf machen, dass er Dienst und Freizeit so säuberlich trennt, oder?

Es ist eine gemeinschaftlich begangene schwere Körperverletzung, aber das muss man doch nicht als rassistischen Übergriff werten. Ansonsten haben wir hier einen Fall von Hasskriminalität, und das heißt für das Opfer: Bleiberecht. Wo soll das denn bitte hinführen? Da provoziert einer eine Kontrolle durch offensichtlich nicht normale Hautfarbe, lässt sich dabei rassistisch beleidigen, der darf dann für den Rest seines Lebens bleiben, und schon haben wir durch den die nächsten, die ständig Kontrollen provozieren. Irgendwann haben wir dann in unserer Heimat als Weiße ein Problem auf dem Bahnhof, nur weil wir als Fremdvolk in Deutschland ständig in rassistisch motivierte Kontrollen von diesen Prügelbullen reingeraten – das kann doch nicht im öffentlichen Interesse sein!

Natürlich sind wir für Bleiberecht, aber für das Bleiberecht der Deutschen hier in Deutschland! Und deshalb muss der Kollege natürlich auch im Polizeidienst bleiben. Wenn Linksextremisten Ihr Auto anzünden, dann würden Sie doch auch nicht warten wollen, bis mal irgendein Polizist sich zu Ihnen bequemt, Sie wollen doch eine ausreichende Personaldecke und genug tatkräftige Polizisten, die ihren Beruf noch ernstnehmen, oder? Polizei, das ist kein Job, den man nach Schichtende an den Nagel hängt. Das muss man leben, verstehen Sie?“





Zwanzig

12 01 2020

für Kurt Tucholsky

Dass sich Geschichte noch einmal
so abspielt – ach, man glaubt es.
Und ist es wieder diese Zahl,
Vergangenes, Verstaubtes –
rennt man noch einmal in den Krieg,
für Flaggen, Blut und Rasse,
wie man sich einst in Hass verstieg
als Volk, vielmehr: als Masse?
  Sie reden viel vom Untergang,
  die Dummen und die Frechen,
  vom Feuer und von Neuanfang.
  Man muss
    dagegen
      sprechen.

Was dort die Wahrheit sabotiert,
hat jedes Maß vergessen.
Wie alles sudelt, lügt und schmiert,
wird eifrig schnell gefressen.
Hauptsache, alles schreit und hetzt!
Die braunen Blätter rauschen.
Dann sieht man, wie gespielt entsetzt
die Hetzer darauf lauschen.
  Sie wollen den, der sich nicht fügt,
  aus diesem Land vertreiben,
  wenn er sich nicht für sie verbiegt.
  Man muss
    dagegen
      schreiben.

In seinen Träumen unterjocht
der Abschaum die Gewalten,
auf die er heute fleißig pocht.
Sind finstere Gestalten,
das Zwielicht spuckt die Bande aus,
Gesindel ohne Ehre.
Geschichte war. Man lernt daraus,
dass sie uns niemals lehre.
  Jetzt ist es Zeit. Jetzt geht es an.
  Lasst nicht die Hoffnung dämpfen,
  am Ende sind sie selber dran.
  Man muss
    dagegen
      kämpfen!