Das letzte Mittel

17 02 2020

„Wir machen große Fortschritte, das kann man schon sagen. Natürlich geht die Zahl der Straftaten nicht zurück, das hatten wir so aber auch gar nicht erwartet, im Gegenteil können wir zur Zeit eine ansteigende Zahl von Wohnungseinbrüchen feststellen, das heißt eine stark ansteigende Zahl.“

Man muss ja erst empirische Mittel anwenden, bevor man weiß, ob und wie sich eine Vermutung bestätigen lässt. Im Falle der Wohnungseinbrüche haben wir jetzt einen Höchststand, der in dieser Ausprägung auch gar nicht abzusehen war. Da sind die Experten auch etwas überrascht, wir versuchen das Problem auch noch zu lokalisieren, damit wir die Lösung dann irgendwie finden. Da geht es jetzt um die genauen Wegmarken, da müssen wir sicher als Gesellschaft auch neue Strategien finden, aber mehr kann ich Ihnen jetzt auch noch nicht sagen.

Einbruch ist ja ein Problem, das uns alle angeht, und da kann sich keiner aus der Verantwortung so einfach entfernen. Wenn Sie heute meinen, Ihnen würde so schnell nichts passieren, Sie seien ja als durchschnittlicher Bürger eher unter dem Radar, das kann schnell vorbei sein. Dann ist die Betroffenheit natürlich groß. Und wir als Gesellschaft müssen die Weichen stellen, dass sich das nicht verfestigt, damit wir in einer einbruchsfreien Welt leben können, die auch Nachhaltigkeit zulässt. Das fängt an bei der Motivation, die wir kritisch hinterfragen müssen: warum brechen Einbrecher ein? Haben wir da als Gesellschaft etwas falsch gemacht? Sind das Strukturen, die man viel früher hätte vorhersehen können, die man auch durch die öffentliche Debatte hätte verhindern müssen? Wir setzen schon immer auf das Gespräch. Auch mit Einbrechern.

Ja, wir grenzen Einbrecher nicht aus. Auch nicht die, die eventuell von ihnen profitieren oder den Einbruch als gar nicht so schlimm ansehen. Es gibt in der Bevölkerung nicht dieses eine standardisierte Rechtsempfinden, das muss man schon differenziert sehen, und wenn man mit Einbrechern spricht, kann man deren Perspektive vielleicht auch ein Stück weit nachvollziehen. Das heißt jetzt nicht, dass wir Einbruch an sich schon gutheißen würden, ganz im Gegenteil. Als Straftat und vor allem als eine Art von Sicherung des Lebensunterhalt müssen wir das natürlich auf das Schärfste verurteilen. Aber man kann dabei nicht verleugnen, dass es ein Phänomen der gesamten Gesellschaft ist, und deshalb muss der Dialog mit den Einbrechern weitergehen.

Wir müssen erfahren wie Einbrecher denken, und genau deshalb haben wir dieses Projekt ins Leben gerufen. Betreutes Einbrechen. Dabei verfolgen wir die Einbrecher und sind immer schon im Bild, wann und wo so ein Einbruch passieren könnte – es geht da um Mustererkennung, um die spezifischen Verhaltensweisen, die man auch im Licht ihrer Vorerfahrungen interpretieren kann, und dann sehen wir, wie die einzelnen Einbrüche sich entwickeln. Das ist natürlich nicht als Bekämpfung von Verbrechen oder als Prävention gedacht, das kann so eine Maßnahme ja auch gar nicht leisten, aber wir müssen erst einmal begreifen, wie sich ein Einbruch auf die Gesellschaft auswirkt, auf das Nahfeld des Einbruchs, auf die Opfer, was das mit uns als Gesamtgesellschaft macht, und so weiter.

Jetzt gerade ist die Empörung natürlich groß, dass wir es gewagt haben, Einbrecher in eine Talkshow einzuladen. Das ist auf den ersten Blick paradox, aber schauen Sie einmal aus unserer Sicht auf dieses Setting: man kann doch nicht über Einbruch reden, wenn man die Einbrecher von vornherein vom Diskurs ausschließt. Auf der einen Seite wäre das eine starke mediale Verzerrung, die in der Öffentlichkeit ganz schlecht ankäme – ich höre schon, wie uns da Framing vorgeworfen würde oder Meinungsdiktatur, es wäre ja nicht das erste Mal – und es wäre sicher auch kein guter Stil. Wir müssen eben erfahren, wie Einbrecher denken, ob sie nicht auch Sorge haben um unsere Gesellschaft, weil ja gerade so viel Einbrüche passieren. Dieses soziale Klima der Angst kann auch den Tätern nicht spurlos vorbeigehen.

Das ist eine längst überfällige Debatte, das sehe ich auch ein. Bis jetzt hatten wir ja immer nur diese populistischen Forderungen nach mehr Sicherheit, die kamen aber immer von der Sicherheitsindustrie, die natürlich ihre eigenen Interessen auch nicht verleugnen kann. Deshalb müssen wir da einen Weg der Mitte finden, zwischen den Einbrechern und ihren sicherlich ernst zu nehmenden Forderungen auf der einen Seite und der Sicherheitsbranche auf der anderen. Mit schnellen Lösungen kommen wir hier jedenfalls nicht weiter, das ist klar.

Und Verbote müssen immer das letzte Mittel bleiben, das ist auch klar. Wir leben zu Glück in einer Gesellschaft, die nicht ausschließlich auf das Verbot setzt, wir wollen gerade die freie Entfaltung der Persönlichkeit fördern. Das setzt den mündigen Staatsbürger voraus, der sich seiner eigene Taten und Einstellungen auch immer bewusst ist, auch und gerade unter dem Aspekt der gesellschaftlichen Verträglichkeit, weil das ja alle angeht, die diesen Staat unterstützen. Wir dürfen die Augen nicht vor Entwicklungen der gesellschaftlichen Gegenwart verschließen, weil wir sie dann nicht mehr richtig einordnen und so auch nicht mehr richtig verstehen können. Wir stehen vor wichtigen Entscheidungen, die die Zukunft dieses Landes beeinflussen können. Stellen Sie sich mal vor, wir würden so nachlässig in der Politik handeln!“


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