Quarantäne

2 03 2020

Er sah ungewöhnlich aus, wie er hier die Bilder und den Spiegel im Flur abstaubte, und für einen Augenblick machte ich mir Sorgen um ihn. Herr Breschke schnaufte. Aber vielleicht lag es auch nur an diesem Mundschutz, den er bei der Arbeit trug.

„Wenn Sie ein paar Zweige haben wollen“, kam es dumpf unter der Gesichtsbinde hervor, „die Forsythie blüht seit vorgestern, schneiden Sie sich ruhig ein bisschen ab.“ Unbeirrt puschelte er Türen und Treppengeländer ab. Möglicherweise war er nur ein bisschen erkältet, wollte seine Atemwege nicht durch Hausstaub belasten oder hatte das Ende des diesjährigen Karnevals nicht mitgekriegt. Aber ich sollte mich nicht getäuscht haben, der Hausherr war wirklich in Furcht vor den überall durch die Gegend fliegenden Viren, an denen man sich die tödlichsten Krankheiten holen konnte. „Sie sind ja einigermaßen sicher“, verkündete er. „Aber wenn man in den Supermarkt geht und sich in diese lange Kassenschlange stellt, also ich weiß ja nicht.“ Ich stellte den Beutel mit den Konservendosen auf den Küchentisch. „Was meinen Sie denn, wo ich die gekauft habe?“ Breschke war etwas verwirrt. „Sie haben sich bestimmt vorgesehen, oder? Oder!?“

In der Küchenschublade war ein kleiner Vorrat an Masken gelagert. „Ich frage mich, ob Sie wirklich wissen, wozu diese Dinger dienen.“ Der pensionierte Finanzbeamte stemmte empört seine Fäuste in die Hüften. „Man kann sich doch überall anstecken“, nuschelte er lautstark, „oder meinen Sie, dass die Keime an der Grundstücksgrenze Halt machen?“ „Das nicht“, gab ich zurück. „Aber diese Dinger sind in erster Linie dafür gedacht, andere vor Infektionen zu schützen.“ Er grübelte. „Sie meinen, ich sei der Infektionsherd?“ „Nein“, wandte ich ein, doch er schnappte sofort zurück. „Das kann gar nicht sein, ich habe seit zehn Tagen das Haus nicht mehr verlassen. Wo soll ich mich denn da angesteckt haben?“ Es war, wie gesagt, ein bisschen verwirrend.

Während Horst Breschke die Dosen auspackte und in den Vorratsschrank räumte, fiel mein Blick auf die Küchenspüle. „Desinfektionsmittel?“ Er nickte. „Alle haben das jetzt, also hat meine Frau noch schnell ein paar Flaschen gekauft. Aber es ist anscheinend nicht das Richtige.“ Das verstand ich nicht. „Bismarck kann den Geruch nicht vertragen“, erläuterte er. „Er läuft immerzu weg, wenn ich ihn an die Leine nehmen will.“ In der Tat hielt sich der dümmste Dackel im weiten Umkreis, der mit großer Vorliebe seinem Herrn zwischen den Beinen lief, nicht wie sonst im Erdgeschoss auf. Er hatte im Gästezimmer Quartier bezogen und kam nur noch zum Fressen herunter. „Und Sie sind nicht mehr in der Lage, sich die Hände mit Wasser und Seife zu waschen wie andere Menschen auch?“ Er schüttelte energisch den Kopf. „Glauben Sie mir, diese Keime lassen sich von Seife nicht beeindrucken. Wenn wir das Haus verlassen würden, dann wäre es noch viel schlimmer!“

Da klingelte es an der Tür. „Das wird der Postbote sein.“ Schon hatte Herr Breschke seinen Mundschutz gerichtet und war auf dem Weg zur Haustür. Ich konnte ihn gerade noch am Arm fassen. „Nicht öffnen“, warnte ich. „Bloß nicht die Tür öffnen, der Mann könnte gerade von einem frisch infizierten Typhuskranken kommen.“ Er riss sich los. „Das ist doch Unsinn“, keuchte er von innen gegen die Maske. „Es gibt doch gar keinen Typhus in Deutschland. Oder habe ich etwas nicht mitbekommen?“ Breschke riss die Augen auf. „Sie verschweigen mir doch hoffentlich nichts?“ „Nein“, antwortet ich, während es erneut klingelte. „Aber bei der geringsten Gefahr werden Sie sich etwas wegholen, weil Ihr Immunsystem nichts mehr verträgt.“ Ich schritt zur Tür, nahm dem Briefträger einen kleinen Stapel Umschläge sowie eine Zeitung ab und drückte sie dem Alten in die Hand. „Und wie Sie sich ernähren – schrecklich!“ Irritiert blickte er auf den Küchentisch und die Raviolidose, die für das Mittagsmahl bereitstand. „Wie soll man denn da noch bei Kräften bleiben? Und wo führen Sie Bismarck aus?“ „Im Garten“, murmelte er kleinlaut. Ich schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Sämtliche Keime, die sich hier im Haus ansammeln, werden im Garten verteilt! Das ist ja großartig!“ Hastig zog Breschke sich die Maske vom Gesicht. „Sie meinen, ich atme das alles ein?“ Ungläubig sah ich ihn an. „Sie wissen das nicht!? Meine Güte, da kann ich mir ja lange den Mund fusselig reden!“ Der Hausherr rieb sich unschlüssig die Hände. „Wir haben ja auch gar keine Seife mehr im Haus. Und Äpfel. Meine Frau will seit einer Woche backen, und ich weiß nicht mehr, was ich ihr noch sagen soll.“ Ich schlug ihm herzhaft auf die Schulter. „So kenne ich Sie“, sagte ich. „Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.“

Bismarck hatte keinen Schaden von der Quarantäne im Obergeschoss davongetragen. Wie gewohnt lief er seinem Herrn vor die Füße und nötigte ihn mehrmals, die Leine zu entwirren. „Ich hatte ja völlig vergessen, dass heute Wochenmarkt ist.“ „Eben“, bestätigte ich. „Man steht da nicht so gedrängt wie im Ladengeschäft, und man braucht auch keinen Mundschutz.“ Breschke atmete tief durch. „Wunderbar“, sagte er. „Viel besser, als nur zu Hause zu sitzen. Man wird dabei ja ganz krank!“