Gernulf Olzheimer kommentiert (DX): Enzyklopädismus

17 04 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es kommt häufiger vor, dass mehr oder weniger nette Menschen die Früchte ihrer Bildung mit einer gewissen Nonchalance ins Gespräch einflechten, beispielsweise, um ebendiese zu zeigen, nämlich die Bildung, über die sie anfallsweise verfügen, die sie in die heitere Causerie einflechten können oder in die ernsthafte Diskussion, je nach Thema, Art, Anzahl und Bildung der Gesprächsteilnehmer und natürlich dem Zweck der Unterhaltung. Um eine attraktive Dame mit kunsthistorischem Interesse zu beeindrucken, reicht es für gewöhnlich, wenn man in die Konversation einflicht, dass Rembrandts berühmte Nachtwache eigentlich bloß ein Repräsentationsbildnis des Hauptmanns Frans Banning Cocq ist, das aber im Laufe der Zeit derart nachdunkelte, dass man heute nur noch die Schäden des Kaminrauchs sieht, nicht mehr die wunderbare Licht-und-Schatten-Arbeit des Niederländers. Im Bewerbungsgespräch für die Position eines Drehers sollte man den Unterschied zwischen Schleifen, Fräsen und Läppen präzise herausarbeiten können. Man kann es auch umgekehrt probieren.

Muss man aber nicht. Denn im Gegensatz zur üblichen Klugscheißerei ist Enzyklopädismus nicht das Gelaber, das irgendwo aus dem Ruder läuft, sondern ein schwerer Zwischenfall, der bei Opfern zu nachhaltigen Schäden führt, weil sie Netzhaut und Trommelfelle perforieren in der aufkeimenden Hoffnung, damit für immer dem frühzeitigen Erguss überflüssigen Detailwissens zu entkommen. Die normale Kommunikation, so sie nicht rein themenfixiert verläuft, beschränkt sich auf statthafte Dinge wie Wetter, Mode oder die darstellenden Künste bis zum Abschluss des 19. Jahrhunderts, und der zwanghaft salbadernde Flusenlutscher, der in Verzweiflung die Biegung zur Ernährungsweise des Okapis sucht – der Paarhufer, der als einziges Tier seiner Gattung im kongolesischen Norden lebt – und allerhand Volten schlägt, um über Picasso, Effizienzlohn und die Zusammensetzung der Kalbsleberwurst – die aus grob entsehntem Kalb- oder Jungrindfleisch besteht, aber nur Schweineleber enthält, weil die vom Kalb im rohen Zustand widerlich bitter zu schmecken pflegt – endlich auf das Vieh kommt, um seinen angelesenen Schmodder in die Ohren der unschuldigen Hörer zu schwiemeln, koste es, was es wolle. Wer auf Gnade hofft, verliert.

Die Täter bewegen sich in der Umlaufbahn des Sozialentzugs und verbringen ganze Tage mit der Lektüre in jeglicher Hinsicht erschöpfender Gesamtdarstellungen osteuropäischer Historie, nur um an der Supermarktkasse noch schnell vom Stapel zu lassen, dass das Großbulgarische Reich bereits im 7. Jahrhundert mit der Unterwerfung unter die Chasaren schmählich endete. Bei gutem Wetter faselt der Honk über die nicht verkitteten Linsenpaare des Aristostigmats, das bekanntlich als Weiterentwicklung des Gaußschen Doppelobjektivs eine herausragende Rolle als Universalwerkzeug für alle Gelegenheiten spielen sollte. Noch vor dem Würgen folgt eine Abhandlung über die Echtheit diverser Zitate von Lenin bis Marie Antoinette, bis zum Ableben der Lemming auftritt, der für einen zielgerichteten Suizid schlicht zu blöd wäre. Mit etwas Glück ist es dann schon zu spät.

Die Verlagsbranche hat längst reagiert auf die Schwallerlei der Hohlrabis und bietet die Ware in konzentrierter Form als Kompendium bekloppten Mitteilungsdrangs zum terroristischen Gebrauch an. Endlich müssen Synapsenzombies nicht mehr in mühevoller Feinarbeit mehrbändige Lexika in die Klotzköpfe quetschen, weil sie den Schranz quasi in Sprühstärke vorliegen haben. Ein Viertelstündchen Muße im Kachelstudio, schon ist der intellektuelle Aufstocker für eine neue Runde Aggressionsbingo in der Warteschlange am Briefmarkenautomaten bereit. Ein paar Knalltüten werden den Bodenbelag mit Frontzahnspuren markieren, weil sie nicht hatten ahnen können, dass es in Afrika Gletscher gibt. Andere werden gedacht haben, Haie würden sich vornehmlich von passionierten, aber schlechten Schwimmern ernähren. Die Splittergebildeten sind also in der Lage, jeden mit zusammenhanglosem Verbalbauschaum die Gehörgänge derart zu fluten, dass auch schreiendes Wegrennen die Katastrophe nur verzögert.

Allein es gibt Rettung, denn auch hier lautet die Devise, dass man eine vernichtende Schlacht nur dann schlägt, wenn man dem Feind die eigenen Waffen entgegenhält. Jeden Schwatzanfall über die Ardennenoffensive, den Beethovenfries unter besonderer Berücksichtigung der Rechtslage beim Rückverkauf sowie das mitochondriale DNA-Depletionssyndrom ist ab sofort durch brutalstes Abwürgen zu bekämpfen. Wer es wagt, überhaupt die Klappe aufzusperren, wird umgehend mit der Tatsache konfrontiert, dass es sich bei dem ausschließlich in Australien lebenden Koala nicht um einen Bären, sondern um einen Beutelsäuger handelt, erkennbar daran, dass sein Gehirn kein Corpus callosum aufweist. Wenn dann noch nicht Ruhe im Karton ist, kommen ein paar strenge Nachfragen zum Schaffen Rembrandts. Es werden keine Gefangenen gemacht.


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