Schwester Tupfer

20 04 2020

„Also die Lage ist hoffnungslos, aber dafür auch echt beschissen. Und Sie wissen ja, wie das ist: wenn der Deutsche in der Tinte sitzt, wählt er die, die ihm das eingebrockt haben. Denn sehen Sie mal, die, die ihm das eingebrockt haben, die sollen doch auch in der Verantwortung bleiben, das zu beseitigen, oder nicht?

Deshalb hat das Bundesgesundheitsministerium jetzt auch beschlossen, eine gute konservative Idee wieder aus dem Keller zu holen: den Zivildienst. Es ist noch gar nicht lange her, da hatten wir jede Menge junger, engagierter Männer in den Kliniken, die jeden Dreck weggeputzt haben, weil wir sie sonst zum Bund geschickt hätten. Das ist eine argumentative Basis, die Sie nur mit Lohnzahlung gar nicht haben, und in der Zwischenzeit haben die Leute sich sowieso dank der Hartz-Gesetze daran gewöhnt, dass man alles grundlos sanktioniert, was einem nicht in den Kram passt. Vorausgesetzt, Sie sind auf der Arbeitgeberseite.

Und wenn Sie sich die aktuelle Situation in der Pflege anschauen, dann ist da dasselbe. Noch sind wir nicht am Limit, das heißt: noch steht der Feind nicht an der Grenze und fragt, ob er uns eventuell platt machen dürfte, aber das kann sich jederzeit ändern. Da brauchen wir einen Nachschub. Und da die jetzige Schülergeneration auch nicht weiß, ob sie nach dem Abschluss irgendeine Lehrstelle oder einen Studienplatz kriegt, können wir die jungen Leute erst mal für ein Jahr aus dem Verkehr ziehen. Inzwischen ist die Gleichstellung überall in der Gesellschaft angekommen, auch in der Bundeswehr und erst recht in der Pflege, und deshalb kann man jetzt mit vielen jungen weiblichen Menschinnen, also auf Deutsch: Schwester Tupfer ist auch dabei.

Sie können das gerne direkt mit der Wehrpflicht vergleichen. Das waren ja in dem Sinne so richtig keine Streitkräfte, das waren Soldaten, die den Feind an der Grenze so lange beschäftigen sollten, bis richtiges Militär eintraf. Für richtige Aufgaben, die eine richtige Ausbildung erforderten, da gab es dann auch richtiges Militär. Wenn zum Beispiel ein Starfighter auf den Acker musste, das übernahm der richtige Soldat. Die Wehrpflichtigen wurden nur da eingesetzt, wo sie eine gewisse unterstützende Tätigkeit für die Volkswirtschaft ausüben konnten. Wenn es mal Manöverschäden gab, für die dann die Ausgleichszahlungen an Landwirte ausgeschüttet wurden, die sowieso gerade eine neue Zugmaschine bestellt hatten, die mussten dann ja von irgendwem hergestellt werden. Die Schäden natürlich. Und so war allen gedient, der Traktorfabrik, dem Soldaten und der deutschen Landwirtschaft. Und jetzt sehen Sie sich mal ein Krankenhaus an vor zwanzig oder dreißig Jahren, da wurde ganz ähnlich gearbeitet. Also nicht so sehr auf Verschleiß – die Patienten fielen zwar auch an, aber nachbestellen konnte man die ja nicht direkt. Das ging halt nur bei den Zivis, und da haben wir jetzt ja wieder ordentlich viel Humankapital zum sinnlosen Verschleudern, wie man das aus der Marktwirtschaft so kennt.

Sie müssen jetzt nicht denken, dass es uns um die Rettung von Menschenleben geht, das ist in den Klinken nicht vorgesehen, jedenfalls nicht als das vorrangige Geschäftsziel. Zur Sicherung unserer Rendite reichen genügend Fallpauschalen und nicht zu hohe Personalkosten schon aus. So kann man experimentell Geschäfte, Schulen oder Restaurants wieder öffnen, je nachdem, wie viel nachwachsende Ressourcen sich im Dienst infizieren, und dann schauen wir mal, wie wir diese Situation überleben. Also wir im Sinne von: wir, weil auf die kommt es ja nicht so an.

Wenn wir Glück haben, bleibt ja einer von den Zivis bei uns hängen. Nicht in der Pflege, das ist vom Personalschlüssel gar nicht gut, wenn da auf einmal zu viele Leute im Schichtplan herumturnen, da müsste man am Ende die älteren Kräfte noch entlassen, damit man Platz für die jüngeren hat, aber wenn wir den einen oder anderen mit schweren Komplikationen noch als beatmungspflichtigen Fall auf der Intensivstation hätten, das wäre schon sehr cool. Die kennen sich ja bestens aus im Klinikum, sobald die wieder auf den Beinen sind, können sie sich selbst versorgen, dann haben wir wieder ein bisschen mehr Luft. Vielleicht machen wir für die auch eine eigene Station auf, dann können die ein bisschen aneinander herumdoktern, der eine oder andere möchte danach Medizin studieren, das ist doch mal eine Perspektive. Ich meine, zivilen Ungehorsam haben wir doch in der Geschichte oft genug gehabt, warum versuchen wir es nicht mal mit zivilem Gehorsam?

Und Sie müssen sich überlegen, die meisten, die jetzt noch zur Bundeswehr gehen, die wollen das richtige Abenteuer. Der ganze Laden ist voll im Eimer, Sie können froh sein, wenn Ihnen da nicht das Kasernendach überm Kopf zusammenbricht – aber wenn Sie so richtig Action haben wollen, dann machen Sie ein Jahr lang Pflege. Was wir bieten, dagegen ist die Fremdenlegion doch mittlerweile eine Freizeitveranstaltung. Und es spart natürlich doppelt, weil wir mit weniger Militär auch sehr viel geringere Wehrausgaben haben. Wenn dadurch unsere Rüstungskonzerne die übliche Produktion in Krisengebiete verschachern kann, dann haben wir als Exportnation an der Sache sogar noch etwas verdient. Da stellt sich doch für den Standort Deutschland die Frage: müssen wir eigentlich immer so lange warten, bis die Chinesen fertig sind mit einem Virus? Oder kriegen wir das nicht auch alleine hin?“


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