Gernulf Olzheimer kommentiert (DXI): Hysterischer Materialismus

24 04 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es könnte so schön sein, wäre diese Welt ein Paradies. Dass dummerweise nicht das Bewusstsein die Existenz bestimmt, hat sich auch unter ärgsten Zweiflern mit einigem Erfolg herumgesprochen, zur Not damit begründet, dass die vielen Armen vor dem Fenster einem den Spaß an der gepflegten Inneneinrichtung nehmen können. Zieht man dann in ein Häuschen, das weit genug von der Straße im Grünen steht, so tritt man selbst den Beweis dafür an, dass das Sein die entscheidende Kategorie ist, mühsam von idealistischen Chimären funzelhaft erleuchtet. Wer satt wird, kann sich den Glauben an das Gute am Menschen sparen, wer nicht satt wird, steckt sich den Glauben an den Hut. Der daraus resultierende Klassenkampf ist für eine Klasse bereits entschieden: für die obere. Denn gäbe es keinen Sieg der bigotten Scharlatane über das Fußvolk, es gäbe dieses verdammte Paradies. Nur halt ohne Scharlatane. Dann schon lieber den hysterischen Materialismus.

Auch die raffende Klasse glaubt fest an die Notwendigkeit der Produktion; sie verendete sonst elend in ihren Luxuskarossen, die spritlos nicht zur Fahrt in den Supermarkt taugten, wo sie sich an der Backwarentheke mit stumpfem Gepöbel in die Erinnerung derer zurückrufen könnten, denen sie im besten Fall Ignoranz entgegenbringen, um sich nicht der ständigen Gefahr gewaltsamen Ablebens auszusetzen. Sie feiern genau den Ökonomismus, den sie ansonsten als methodische Verfehlung des Staates ansehen, wo er den Falschen Recht verleiht. Im Zweifel sind das die scheinbar Schwachen, die sich vor dem Geschnösel der Werteverweigerer aus lauter Ekel zusammenschließen und schädliches Gedankengut wie ein Gesellschaftsordnung nicht nur fordern, sondern auch organisieren. Wo bliebe denn da das Primat der Produktion? Wie brüchig ihre Denkungsart ist, zeigt sich in der vollständig eindimensional verschwiemelten Fixierung auf den quantitativen Geltungskonsum, den sie für das Abzeichen von Macht halten, obwohl sie sich mehr als augenscheinlich zu winselnden Knechten des fossilen Entwicklungsstadiums, in dem plärrende Fellträger sich möglichst viel Zeugs um den Wanst hängen mussten, um als stark zu gelten – in Zeiten ohne Krankenversicherung führte das nicht selten zum kurzen, aber klaren Verdrängungswettbewerb in einer Gesellschaft reiner Eigenverantwortung.

Jede echte als Ideologie getarnte Religion hat im Zentrum ihrer Anschauung einen Mythenbrei, aus dem sich die eigene Degeneration systematisch zur Philosophie umbügeln lässt. Vor dem immanenten Bewusstsein, dass irgendeine Prädestination die Menschen in Produktionsstufen unterschiedlicher Güte eingeteilt haben muss, weil sonst der eigene Besitz, ererbt, erpresst oder gestohlen, nicht als Rangabzeichen der Höherwertigkeit durchgeht, lässt sich der fetischistische Wesenskern nicht verleugnen. Es wird nicht einmal der Tauschwert als höheres Wesen angebetet, sondern inzwischen nur noch dessen nackter Besitz, als verspräche die Fotografie eines reproduzierbares Götzenbildes Heilung von peinlichem Siechtum, das man sich auf dem Abtritt einer Fabulantenkaschemme zugezogen hat. Denn erst das Dingliche, die Verachtung des eigenen Besitzes, der ja irgendwann aus Gründen des zwanghaften Konsums wieder durch ein neues Objekt ersetzt werden muss, um die verhassten Freunde von der eigenen Dominanz zu überzeugen, erst dieser Unterwerfungsakt zeigt, dass sich der Dreckrand auf Sozialentzug in der Nebelregion der Religiotenwelt am unteren Ende der Laternenpfähle entlang tastet: Erleuchtung ausgeschlossen, aber die Bodenhaftung ist auch nicht freiwillig.

Noch weniger überraschend dürfte es sein, wenn der Auspuffliberalismus weimernden Waschlappen das Spielzeug wegnimmt: sie verharren in ihrem präadoleszenten Zustand, wollen eher gewaltsam die Koordinaten der Umwelt verbiegen und fordern von den Untergebenen weniger Atmung beim Schwitzen, damit sie nur ihre frische Luft beim Nichtstun genießen können. Erfahrungsgemäß wird die Sklavenhaltergesellschaft nicht in den Orkus gestampft, weil eins ihrer komplett verkoksten Quotenwürstchen der Plebs spätrömische Dekadenz vorgerülpst hätte, während es sich die Rosette nach Anmeldung der Kreischpresse blattvergoldet. Dass der Besitz eines Aktienpakets davor schützt, als Ausbund der Ichlingspest über den Gartenzaun geprügelt zu werden, ist noch immer ein Gerücht im lächerlichen Konvolut der Volksweisheiten, aber wen würde das stören. Jedenfalls nicht die Klasse der Besitzenden, die noch immer für die kostenlose Feuerversicherung betet, weil sie nicht hoffen will, dass sich die Kotzpröpfe gegenseitig die Autos abfackelt, damit sie ihre Potenzprothesen ungerührt vor der Bude stehen lassen kann, während bei den Parteifreunden die Blechtrümmer abrauchen. Die Degeneration frisst ihre Kinder. Sie schmatzt, wie auch sonst. Manierliches Verhalten wird man nicht erwarten können von verkommenen Ungeheuern, die sich am Fleisch laben, während es noch zuckt. Der Kapitalismus nimmt es von den Lebendigen. Aus Gründen.


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