Ist denn schon Weihnachten?

29 04 2020

„150 Euro finde ich jetzt aber schon ganz schön viel.“ „Nee, das reicht doch im wirklichen Leben niemals aus.“ „Sie haben es schon mal kapiert.“ „Was?“ „Wieso haben wir das kapiert?“ „Das ist die Win-Win-Strategie des Konzepts. Jeder kann über die Höhe des Betrags meckern, und wir können die Armen trotzdem weiter abhängen.“

„Es kann doch trotzdem sein, dass sich ein Haushalt einen Computer kauft und dann…“ „Von 150 Euro.“ „Sie müssen an Ihren Pointen arbeiten, die sind etwas klemmig.“ „Vielleicht findet man ja einen gebrauchten, der ist im…“ „Und dann kommt der Papst und schenkt ihnen ein Jahr lang Internet, Blümchen und ein Pony.“ „Man kann auf Dauer die Ärmeren nicht abhängen von der digitalen Welt.“ „Wieso, sehen Sie doch.“ „Aber es geht nicht!“ „Das hat der Koalitionsausschuss jetzt beschlossen, das wird so auch umgesetzt.“ „Und wir können froh sein, dass das von den Schulen ausgezahlt wird.“ „Weil Sie dann nicht mehr mit dem billigen Vorurteil kommen können, dass die Eltern das für Schnaps und Zigaretten ausgeben?“ „Nein, es ist Ländersache.“ „Und wenn es schief geht…“ „Und das wollen wir doch mal hoffen!“ „… dann sind auch die Länder daran schuld.“

„Das ist doch lächerlich: diese 150 Euro sind nie im Leben genug als Digitalteilhabe.“ „Da hat sich der Koalitionsausschuss so seine Gedanken gemacht.“ „Man kann die Kinder jetzt auch nicht zu früh mit teuren Geschenken überhäufen.“ „Ja ist denn schon Weihnachten, Frau Bundeskanzlerin?“ „Hähähä!“ „Das werden dann genau die faulen Arbeitslosen, die alles vom Staat erwarten, weil sie sich nicht selbst helfen wollen.“ „Der Staat ist doch weder an den Kindern interessiert noch an den Eltern.“ „Meine Güte, hat denn etwa der Staat diese Krise verursacht!?“ „Sie haben ja Vorstellungen!“ „Diese Situation haben wir seit Jahrzehnten, das hat mit der Krise gerade mal gar nichts zu tun.“ „Dann sehe ich auch nicht, warum der Staat jetzt plötzlich für ein paar Tage Unterricht zu Hause Milliarden springen lassen soll, nur weil ihre Eltern sich keine kostspieligen Digitalgeräte leisten können.“ „Die werden ja nicht nur für den Unterricht zu Hause benutzt.“ „Von der Leyen hat Ihnen so schöne Versprechungen gemacht!“ „Eine Geigenstunde pro Quartal und freie Mitgliedschaft im Tennisclub!“ „Nur Trainerstunden müssen Sie halt selbst zahlen.“

„Schauen Sie mal, das ist doch pädagogisch durchaus wertvoll.“ „Was denn bitte?“ „Naja, wenn man als Schüler zum Klassenlehrer gehen muss, um sich als Sozialfall zu outen, das ist schon peinlich.“ „Da lernt man fürs Leben.“ „Zum Beispiel, dass man besser kein Sozialfall ist.“ „Oder sich outet.“ „Und dann auch noch Ansprüche stellt.“ „Aber die Teilhabe steht allen zu, die sie beantragen.“ „Ja, das ist eben die Schwierigkeit in dieser Gesellschaft.“ „Alle wollen immer nur haben.“ „Aber selbst für etwas verantwortlich sein, da hat jeder sofort eine Ausrede parat.“ „Jetzt halten Sie mal die Luft an, wir reden hier von Kindern!“ „Merken Sie was?“ „Typisches Ablenkungsmanöver, wenn Sie mich fragen.“ „Aber so was von typisch!“ „Sie können doch Kinder nicht dafür verantwortlich machen, dass ihre Eltern nicht die finanziellen Mittel haben, um ihnen teure technische Geräte zu kaufen.“ „In dieser Gesellschaft ist nun mal nicht alles gerecht.“ „Das kann man natürlich anprangern.“ „Ich finde, irgendwo ist es auch ein bisschen richtig.“ „Dass so viele Kinder in prekären Verhältnissen aufwachsen müssen?“ „Nein, dass man das anprangert. Ab und zu gibt einem das ein schönes Gefühl.“

„Bis jetzt haben Sie doch immer so getan, als sei Bildung das beste Mittel gegen Armut.“ „Das stimmt ja auch.“ „Bildung ist ein sehr hohes Gut!“ „Das darf man doch nicht einfach an irgendwelche Arme verschleudern!“ „Sie wollen also bewusst Ausschlusskriterien bei der Bildung einführen.“ „Ja.“ „Stellen Sie sich das doch mal vor.“ „Wir haben in absehbarer Zeit sehr viel mehr Arbeitslose in Deutschland.“ „Das trifft dann natürlich auch die, die ausreichend Bildungsteilhabe genossen haben.“ „Und wir hätten dann eine direkte Konkurrenz für die, die jetzt durch Bildungsteilhabe das soziale Niveau ihrer Eltern halten können.“ „Auch da, wo es rein von der Bildung eigentlich gar nicht reichen würde.“ „Stellen Sie sich das mal vor, die Kinder benutzen so ein digitales Gerät für Mathematik.“ „Physik!“ „Wirtschaftswissenschaften!“ „Mir wird ganz übel bei dem Gedanken!“ „Die machen mit dem Zeug Abitur!“ „Die kennen gar nichts anderes mehr!“ „Eine sozialistische Einheitsgesellschaft, wo jeder mit seinem Tablet herumläuft!“ „Oh Gott, ich kann das gar nicht mehr hören!“ „Die studieren!“ „Und dann schreiben die Bewerbungen!“ „Und nehmen den anderen die Jobs weg!“ „Das ist das Ende von Deutschland!“ „Sagen Sie mal, hören Sie sich eigentlich selbst zu bei der ganzen Scheiße, die Sie da vom Stapel lassen?“ „Diese 150 Euro holen wir vielleicht früher oder später wieder rein.“ „Das Kindergeld wird ja zum Glück auf Hartz IV angerechnet.“ „Bringen Sie die Sozialfuzzis nicht auf dumme Gedanken!“ „Gut, dass Blüm gerade weg vom Fenster ist.“ „Hähähä!“ „Und was schlagen Sie jetzt als Lösung vor?“ „Schulen auf!“ „Wie?“ „Na, alle Schulen wieder auf! So schnell wie möglich!“ „Das meinen Sie ernst!?“ „Aber ja doch, irgendwie muss man den Gefahren ins Auge blicken.“ „Man sagt, in der Unterschicht sei das Immunsystem signifikant schwächer.“ „Na, dann wollen wir mal schauen, dass das die unsichtbare Hand regelt.“


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