Akte Weißmann

13 05 2020

„Schuhe ausziehen!“ Das Ding stand vor mir und versperrte den Weg in die Kanzlei. Seine großen Augen liefen unangenehm rot an, bevor es den Befehl wiederholte: „Schuhe ausziehen!“ Luzie seufzte. Sie hatte es schon zu oft gehört.

„Wir haben ihn seit letzter Woche“, knurrte die Bürovorsteherin. „Frag mich nicht, warum sie sich diese elektronische Nervensäge hat aufschwatzen lassen.“ „Jedenfalls ist sie da“, bemerkte ich, da der Hausknecht unentwegt um mich herumsurrte. „Er ist ja noch nicht einmal eine große Hilfe.“ Sie suchte im Eingangskorb nach einem Schreiben. „Er kann nicht lesen, er hört nicht zu, Türen öffnet er auch nicht selbst, und dann lässt er regelmäßig die Tassen fallen.“ Ich warf verstohlen einen Blick auf die Teppichstelle vor dem Beratungszimmer, wo ein mittelgroßer Kaffeefleck noch nicht ganz entfernt worden war. Die Schieflage des Haussegens war nicht zu übersehen.

Die Tür öffnete sich. Anne würdigte mich zwar keines Blickes, obwohl sie mich gebeten hatte, ihr zu helfen, aber sie musste wohl mich gemeint haben. „Die Sache Weißmann?“ „Ich kann mich täuschen“, entgegnete Luzie, „aber hat nicht Robbie die Akte?“ Anne zog langsam eine Augenbraue hoch. Es musste ernst sein. Sie schloss die Tür. „Das Ding geht mir auf die Nerven“, fauchte Luzie. „Es wühlt in den Akten, zieht Stecker, und dann geht es ohne Vorwarnung unsere Mandanten an!“ „Schuhe ausziehen!“ Robbie hatte sich unbemerkt hinter mich gerollt und fiepte herum. Ich ignorierte ihn, das heißt: ich versuchte es wenigstens. „Schuhe ausziehen!“ Irgendwas musste hier schief gelaufen sein. „Habt Ihr eine Gebrauchsanweisung für das Gerät?“ Luzie zog die unterste Schublade auf. „Es muss da ein Handbuch gegeben haben, aber sie hat es gleich einkassiert. Anne wollte nicht, dass ich mich mit dem Roboter beschäftige – die Sicherheit, nicht wahr?“ Eine kleine Spitze, aber sollte sie ihr wirklich das Gefühl vermittelt haben, sie sei von dem rollenden Plastikklops zu ersetzen?

„Die haben mir das aufgeschwatzt“, erklärte Anne. „Alle haben das, es ist steuerlich absetzbar, es kann die Akten ordnen und…“ „Hat nicht Luzie die Akten im Griff?“ Sie sah mich schuldbewusst an, aber ich ließ nicht locker. „Und hättest Du nicht vorher in Erfahrung bringen sollen, was sich von der Steuer absetzen lässt?“ „Ja.“ Ich war sprachlos. Noch nie war ich ohne Widerspruch geblieben, zumindest nicht bei Anne. „Aber der Prospekt las sich so gut, und ich dachte, ich könnte Luzie damit ein bisschen unter die Arme greifen. Sie hat mir in letzter Zeit sehr viel geholfen.“ Anne knipste mit den Fingernägeln. „Vielleicht hätte ich sie fragen sollen?“ Ich nickte. „Das wäre eine gute Idee gewesen, und ich bin mir ganz sicher, Luzie hätte nichts dagegen gehabt.“

„Robbie?“ Annes Stimme klang ungewohnt leicht und liebenswürdig – ich hatte durchaus ein wenig Zeit gehabt, mich mit diesen Nuancen vertraut zu machen – und sie sprach in genau dem Frequenzbereich, den die Gebrauchsanweisung des programmierbaren Gehilfen als geeignet ansah. „Robbie, die Sache Weißmann.“ „Sache Weißmann bezieht sich auf einen Vorgang“, blubberte der rollende Schaltkreis. „Wollen Sie Informationen zu dem Fall, dann nennen Sie die Eins. Möchten Sie das Aktenzeichen, dann…“ „Weißmann“, bellte sie. Ich atmete auf. Sie hatte sich nicht verändert. „In einer Minute habe diese verdammte Scheißakte Weißmann auf dem Tisch, oder Deine Batterien fliegen aus dem Fenster!“ „Ich habe Akkumulatoren und keine…“ Anne stampfte mit dem Fuß auf, zufällig genau auf den Kaffeefleck. „Das ist mir völlig egal, ich will Weißmann!“

Möglicherweise gab es in der Kanzlei bereits Geruchsortung für Aktendeckel, jedenfalls kurvte der Roboter kreuz und quer durch die Räume. „Akte Weißmann negativ“, fiepte Robbie und rollte aus der Küche. „Akte Weißmann negativ.“ Auch die hinteren Flure und die Toilette brachten ihm keine Erkenntnis. Seine Augen verfärbten sich mehr und mehr. „Wahrscheinlich muss er scharf nachdenken“, mutmaßte Luzie. „Er hat zwar seine elektronische Nase in alles hineingesteckt, aber ich fürchte, dass seine Kombinationsfähigkeit nicht sonderlich ausgereift ist.“ Rein zufällig fiel mein Blick in die aufgezogene Schublade, in der sich die obligate Kekspackung befand. Ich schob sie rasch mit dem Schienbein zu, bevor Anne hinter den Tresen treten konnte. „Akte Weißmann negativ!“ Noch immer kreiselte das Ding durch die Gegend und stieß gegen Wände, Türrahmen und die Nerven der Anwältin. „Schluss jetzt!“ Anne atmete heftig durch.

Ich nahm gemächlich in einem der Besuchersessel gegenüber von Luzies Tresen Platz und stellte meine Mappe neben mich. „Weißmann“, sagte ich laut und deutlich. „Weißmann.“ Einen Augenblick später rollte Robbie heran. Kurz kippte er seinen kopfähnlichen Gegenstand nach hinten, dann schnarrte er: „Schuhe ausziehen!“ Im Hintergrund sah ich, wie Anne auf einem kleinen schwarzen Kästchen herumdrückte. Die Augen des Dings blitzten bläulich boshaft. „Ich bin zu lange in Betrieb, Sie können mich nicht mehr ausschalten.“ Gerade wollte ich aus dem Sessel aufstehen, da hatte Luzie auch schon das Blumengießkännchen vom Tisch hinter ihr gegriffen. Einen Schritt nach vorne, und schon zischte es. Robbie grunzte höchst organisch und hörte auf zu blinken. „Die Sache Weißmann“, sagte Luzie und reichte die Mappe an, die auf dem Tresen lag. „Und dann kann man hier vielleicht mal wieder vernünftig arbeiten.“


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