Gernulf Olzheimer kommentiert (DXV): Wohlstandsverwahrlosung

22 05 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es soll ganze Kulturen gegeben haben, die hatten buchstäblich nichts, freilich im Vergleich zu unserer gut ausgestatteten Gegenwart. Waren in der griechischen Polis Motorräder Mangelware, so fiel bereits in der Renaissance das Fehlen des Telefons unangenehm auf. In der Neuzeit braucht es immerhin den Krieg, um derlei Entbehrung zu erzeugen, oder aber den Kapitalismus als dessen entschleunigte Variante. Der Vorgang indes ist arbeitsteilig, die einen erleiden den Mangel, den die anderen erzeugen und verwalten. Nicht der Mangel selbst ist entscheidend für den gesellschaftlichen Niedergang, es ist nicht die Armut, es materieller Überfluss, der seine zerstörerische Wirkung da entfaltet, wo er auf geistige Mittellosigkeit trifft. So entsteht die Wohlstandsverwahrlosung.

Was bei Kindern mentale Haltlosigkeit und die Verkümmerung der Seele erzeugt, ist das Ergebnis einer vollständig auf Geld- und Wareneinsatz reduzierten Erziehung, die zwar ein luxuriöses oder wenigstens sorgenfreies Leben ohne jegliches Gefühl der Verantwortung ermöglicht, ohne die Ausbildung moralischer Leitplanken aber sicher in die Sackgasse eines psychischen Vakuums führt. Wie im Wahn, ihre eigene Unfähigkeit als Vorwurf für eine Generalamnestie zu erfinden, attestieren die Täter die Verwahrlosung ihrer Nachkommen als Ausdruck eines schweren Leidens, das schuldlos erworben sein muss und also frei von Schuld spricht. Dass sich Geschichte wiederholt und eine Generation ihre Fehler an die nächste weiterreicht, ist kein Geheimnis. Das Denkmuster aber, das mit der Zuschreibung der eigenen Identität in etwas wie Wohlstand sich manifestiert, es bleibt und weitet sich auf die ganze Gesellschaft aus.

Wo Verantwortung als Maxime des sozialen Handelns gefragt wäre, etwa bei Menschen, die im Mittelmeer ertrinken, unseren eigenen Kindern, deren Umwelt wir aus Profitinteresse unbewohnbar machen, oder uns selbst als abstrakte Wesen, die in einer Pandemie überleben oder krepieren, wo die Zurechnungsfähigkeit eine Mindestvoraussetzung für die Teilnahme an allen Interaktionen werden sollte, schwiemelt die Masse der Stumpfstullen sich einen Schutzpanzer aus glitschigen Ich-Botschaften und Alufolie, an der jede Realität abprallt. Als Besitzstandswahrer, der seine Rücksichtslosigkeit für den Ausdruck von Freiheit hält, bastelt er sein bisschen Besitz um zum lächerlichen Abzeichen der Macht, die er innezuhaben meint, etwa Eigentum oder Freizügigkeit, wobei er geflissentlich ignoriert, dass er dies in den seltensten Fällen selbst erworben hat. Hier hat die Sozialpädagogik kollektiv versagt und hinterlässt eine Kaste hirnstammamputierter Marionetten, die ihr konditioniertes Gekläff für die eigene Willensäußerung halten, eine ridiküle Rotte in der eigenen Raumkrümmung.

Längst hat sich die psychische Struktur dieser Kurzstreckendenker derart verengt, dass sie nur noch in einer Egoshooter-Perspektive durch ihre Umwelt delirieren, die sie für eine virtuelle Inszenierung halten. Ihre Taten sind nur noch Spiel ohne Grenzen, da die Konsequenzen ihres eigenen Handelns außerhalb der eigenen Wahrnehmung auflaufen. Dabei hat sich ihre Reizbulimie längst komfortabel eingerichtet in der Ersatzbefriedigung des Konsumismus, die berauscht und betäubt und ein angenehmes Gefühl an Leere hinterlässt, die sie als Unschuld der Rauschtat instrumentalisieren.

Wir halten als Gesellschaft den dissozialen Rand bis zu einem gewissen Maß aus; doch wie bei einer Infektion alle betroffen sind, die sich nicht vollständig schützen können, so sickert das Gift in alle Schichten durch und zerstört nicht nur die, deren autoaggressiver Hass in alle Richtungen ausstrahlt. Hier hilft kein Argument, wenn klinisch bekloppter Brüllmüll Fahnen schwenkend durch die Städte torkelt, um seine piefigen Privilegien als Menschenrechte zu deklarieren: zweimal in der Woche ins Nagelstudio, billige Grillwurst und Urlaub auf Malle, aber Ausländer raus. Denn was wären Grundrechte wert, könnte man sie nicht bei den anderen beliebig einschränken.

Dass der neurotische Trupp nicht abflaut, dafür sorgt schon die betriebssystemnah eingepflanzte Vorstellung, durch bloße Imitation des dümmlichen Gehabes ebenfalls bevorrechtigt zu sein, auch wenn der gemeine Flusenlutscher sich im Regelfall nur selbst schadet, sobald der die destruktiven Ideen der ausbeutenden Klasse übernimmt, ob mit Reflexion oder ohne. Wer üblicherweise nichts zu sagen hat und das auch noch möglichst bei voller Lautstärke erledigt, muss sich eben nicht wundern, wenn er in Opposition zur Vernunft gerät. Irgendwann wird es für die Ichlingspest, die sich immer noch auf einem Nebenkriegsschauplatz wähnt, dort verdammt eng, und es ist nicht die Art von Widerstand gegen die Realität, die sie sich vorgestellt hatte. Alles hat ein Ende, und sei es hochgradig katastrophal. Es wird eine interessante Erfahrung für sie sein, nichts mehr zu haben. Nicht einmal mehr eine Gegenwart.


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