Gernulf Olzheimer kommentiert (DXVI): Die Küchenschublade

29 05 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Alles war einfacher, als Uga noch direkt vom Baum aß. Seine Söhne hatten schon mehr mit der Evolution zu tun, sie trugen nicht nur die Früchte des Buntbeerenbuschs in die Einsippenhöhle, sie schwenkten auch langsam auf eiweißreiche Kost um: Säbelzahnziege, Backenhörnchen am Spieß und Wollnashorn. Nachdem Rrt sich einst beim Zerlegen eines Beutelsäugers gewaltig in die Finger geschnitten hatte, beschloss die Familie, ihm das Essen mit der verbliebenen Hand zu erleichtern: sie zerkleinerten die traditionell am Stück servierte Keule vor dem Verzehr mit dem Knochenmesser, und das Verhängnis nahm seinen Lauf. Der Way of Life, von der Hand in den Mund zu leben, hatte seinen ersten Bruch erfahren.

Hübsch zu erwähnen, nur nicht bei römischen Sittenlehrern, ist die Tatsache, dass Petrus Damiani die Gabel, das Essinstrument der Pastafari, als Werkzeug des Teufels gebrandmarkt hatte; sicher ist, dass sich die Katholiban auch in höheren Chargen einen fliegenden Darmwind um derlei modischen Grützkotz geschert haben, sobald sie der dumpfen Gesellschaftsschicht kommunizieren konnten, dass es nur legitim sei, sich die Kalorien mit den Fingern bis in die nicht mehr vorhandene Bezahnung zu pfropfen. Wahrscheinlicher ist, dass Hildegard von Bingen, Erasmus von Rotterdam und Louis Quatorze von der Gouvernante eins auf die Griffel gekloppt bekommen haben, weil sie ihre Flossen in den Braten gesteckt hatten, bevor der Zeremonienmeister den Schlitzwender in den Gurt gesteckt hatte. Heute aber muss keiner mehr theologische Höllengespräche führen um die Frage, ob die drei- oder die vierzinkige Gabel für Salat geschmacklich und ästhetisch oder testamentarisch geeignet sein könnte. Böse Zungen wollen wissen, Luther selbst habe im inneren Konflikt zwischen Fisch- und Konfektgabel Geschmacks- und Gottesfurcht total verloren, wobei sich heute nur eins nachweisen lasse. Sicherlich nicht Fisch.

Wer immer sich den vormodernen Megabums an Lebensmittelverschnippelungsgelump vorgesellt hatte, er besaß eine putzig eingeschränkte Fantasie. Möhre oder Kartoffel vor dem Kochvorgang zu enthäuten ist das eine. Ein komplettes Universum an Zutaten jedoch zu transformieren, das erfordert schon eine quadrantenverschobene Echtzeit, auch und deutlich in der sich rasch wandelnden Wahrheit des aufpoppenden Bürgertums, das aus der Quere der bourgeoisen Möchtegerne sich zu behaupten wusste. Hier wurde das Schlürfen nicht weniger als unanständig, es ging nur den Anständigen gewaltig an der Sitzfläche vorbei. Und da mündet der Anspruch des Bürgertums. Sie wollen kochen.

Leider mit Gedöns. In einem durchschnittlichen Reihenhaus, pädagogische Angestellte, Fachmann für Handwerksgeschraub, sie haben das lange genug studiert und wissen, wie die Butter sich im Baufett manifestiert. Man zieht das ominöse Fach auf und verfällt in vorsokratisches Staunen. Butter-, Obst-, Dessert-, Brötchenmesser, bei denen noch nicht einmal klar ist, wie sie ihre semiotische Form aus der halbwegs bekloppten Form hatten schwiemeln können, ohne dass Eco mit einem soliden Lachanfall die Frühstücksindustrie in Grund und Boden interpretiert hätte. Schichten zwischen halbfestem und nicht wirklich unterem mittlerem unterem Bürgertum der unteren bürgerlichen Klasse haben sich mit dem Pfirsichmesser geplagt, aber das waren nicht die wirklichen Kriegszustände.

Das wimmernde Bürgertum hat alles: den leidigen Apfelentkerner und den Ananaskastrator, weil man ja ständig Ananas frisst; Austern- und Hummergabel, Schneckenzange, Knoblauchschäler und Paprikaenthäuter. Ohne Lachsmesser (für drei Konsum-Punkte in der Handels-Kloake der Wahl erhältlich, Set à zehn Messer) und Käseschneider (fünfzig Punkte, etruskischer Wellenschliff, Schaft aus handgeöltem Büffelhorn mit Griffmulden im Gladiatorenstil) warzt diese Stumpfbestückung in ein elendes Geröll ab, dem man sich nicht gern stellt, selbst nicht vor der Küste. Käsemesser und Erdnüsschentange spotten den Gegenübern, mit denen man Eiswürfel, industriell entkernte Oliven oder sonstiges Schrumpelobst über die Tischfläche hinweg zirkulieren ließ. Wozu diese Apotheose von Messer und Gabel jeden hätte führen können wenn nicht ins Sortierbingo des Außenhandels, das aber habe sich die Industrie nie geäußert. Wir aber müssen noch lange über Tomaten- und Melonen- und Papayaschälern meditieren, damit wir nicht merken, dass staatlich geprüfte Nichtschwimmer mit diesem Unfug uns auf die Rehe gehen.

Vermutlich gibt es längst eine Abteilung in den Forschungen der Besteckindustrie, die herausfindet und produziert, was uns am meisten auf die Plomben geht: Erdbeerentkerner, Schneelöffel, Heringsbesteck, Margarinestreicher. Sie wollen uns damit abschaffen, wie eine demnächst entstehende Verschwörungstheorie feststellt. Aber es wird ihnen nicht gelingen. Die Erdbeerlöffel retten uns.


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