Schluckauf

4 06 2020

„Hpp!“ Anne sah mich verzweifelt an, der Schweiß lief ihr von der Stirn. Noch eine knappe Stunde, und sie würde ins Gericht fahren müssen. Aber in ihrem momentanen Zustand sah es nicht danach aus.

„Es hat heute Vormittag angefangen“, klagte Luzie. „Halb zehn bringe ich ihr die Post und einen Kaffee, will gerade die Tasse auf dem Schreibtisch abstellen, da passiert es.“ „Hpp“, machte Anne. „Dieser verdammte Schluckauf, ich kann einfach nicht…“ „Du könntest die Luft anhalten“, riet ich ihr, aber Luzie winkte ab. „Alles probiert, dreimal die Luft angehalten, sechs Schlucke Wasser, ein Stück Würfelzucker gelutscht, aber nichts hat ihr geholfen.“ „Hpp!“ Ich blickte auf den Aktendeckel. „Ah, heute ist also die Verhandlung mit dem Mieter aus dem verlassenen Kellergeschoss.“ Sie nickte gequält. „Hpp!“ Der Fall war klar: würde er nicht die beste Anwältin bekommen, die es gab, die Sache würde sehr, sehr teuer für ihn. Was aber, wenn Anne nun gar nicht erst ins Gericht käme?

Da klingelte das Telefon. Anne winkte ab. „Ich kann Sie leider nicht durchstellen“, hörte ich Luzie sagen, „aber Sie können gerne morgen früh bei uns vorbeischauen, dann ist die Situation bestimmt…“ Ich schlug mir die Hand vor den Kopf. „Das kann doch nicht wahr sein!“ Anne ließ sich stöhnend in ihren Sessel fallen. „Ein bisschen Schluckauf, und die ganze Kanzlei steht kopf? Das ist dann ja wohl doch zu stark!“ „Und wenn wir es mal mit Lesen versuchen?“ „Also…“ „Keine Widerrede!“ Luzie drückte der Chefin die Akte förmlich ins Gesicht. Widerwillig begann sie. „Sehr geehrte Frau Hpp!“ „Ruhig atmen“, empfahl ich. „Je mehr Du Dich jetzt entspannst, desto schneller kommt alles wieder in Ordnung.“ „In Sachen Städtische Gesellschaft für Hpp!“ Luzie wurde langsam etwas unruhig. „Vielleicht helfen ja Pfefferminzbonbons, ich habe in der Schreibtischschublade einen…“ „Wegen der widerrechtlichen Nutzung des Kellergeschosses des Grundstücks in der…“ Ich atmete so leise wie möglich, um Annes Konzentration nicht zu stören. „… Albert-Einstein-Straße Nummer Hpp!“ Sie ließ den Brief sinken, doch Luzie klappte ihr das Papier gleich wieder unter die Nase. „Entgegen den Ausführungen der Klägerin trage ich vor: Hpp!“ „Zumindest wirst Du damit dem Richter in guter Erinnerung bleiben“, wandte ich ein. Anne zog die Stirn in Falten. „Wenn Du eine bessere Idee hast, kannst Du Dich gerne als mich ausgeben und diesen Idioten raushauen!“ Luzie war ganz unbemerkt aus dem Zimmer geschlüpft und hatte die Tür lautlos hinter sich geschlossen. „Auf der anderen Seite ist es mir ein Rätsel, wie man diesen Mann ein ganzes Jahr lang im Keller vermutet, nicht nachschaut, die Türschlösser nicht auswechselt und dann zu allem Überfluss auch noch den Abfluss repariert, obwohl das Gebäude ja angeblich demnächst abgerissen werden soll für das neue Parkhaus.“ Da flog die Tür auf und Luzie platzte ins Zimmer. „Buh!“ „Hpp!“

„Ich kann mich täuschen“, wandte ich mich an die Bürovorsteherin, „aber vielleicht ist Deine Art von Schocktherapie handwerklich nicht unbedingt ausgereift. Vielleicht solltest Du sie auch nur bei anderen Gelegenheiten anwenden.“ Anne legte die Akte auf den Schreibtisch. „Ich weiß wirklich nicht mehr weiter.“ „Kopf hoch“, ermunterte ich sie, „zur Not wirst Du plötzlich eine schwere Störung des Sprechapparats erleiden, wir holen uns auf dem Weg schnell ein Attest aus der Praxis von Doktor Klengel, dann schreibst Du mir die Fragen auf einen Block und ich lese sie einfach vor.“ „Geht nicht“, schüttelte sie den Kopf. „Juristisch wäre das ein glatter Fall von Hpp!“ Das hatte ich natürlich nicht bedacht. Man kann nicht vorsichtig genug sein.

Anne schluckte ein paar Mal trocken und hickte vor sich hin. Ihr Zustand wollte sich nicht bessern. „Ich weiß noch gar nicht, was ich Herrn Breschke zum Geburtstag schenken soll.“ Sie sah mich voller Überraschung an. „Natürlich“, fuhr ich fort, „ist er auch erst im nächsten Monat dran, und im Herbst feiern Breschkes sowieso ihren Hochzeitstag, und ich hatte eine Kleinigkeit besorgt, Schlagerplatten nämlich, aber nicht so, wie Du denkst.“ Anne wollte es vermutlich gar nicht wissen, ich erzählte es zur Vorsicht trotzdem. „Sofia Asgatowna hatte doch mal diesen Bibliothekar kennen gelernt, der hin und wieder musikalische Nachlässe in die Finger bekommt – wie gesagt, es ist eine ganz hübsche Sammlung von Schlagern der Zwanziger Jahre, alles fast neu, und er hat ja nun mal eine Schwäche für diese Zeit. Eigentlich hatte ich geplant, ihnen beiden diese Platten zu schenken, da sie ja doch sehr kostspielig sind, aber bis dahin habe ich ja noch genügend Zeit, mich um ein neues Geschenk zu kümmern.“ Anne sah mich an. Sicher hatte sie den einen oder anderen Sachverhalt verstanden, ließ es sich aber nicht anmerken. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, dann schrak sie plötzlich hoch. „Es ist höchste Zeit“, rief sie, „wir plaudern und plaudern und müssen in einer halben Stunde im Gericht sein. Schnell die und die Akten, ich brauche den Autoschlüssel, und dann geht’s los.“ Sekunden später stürmte sie mit dem schwarzen Talar über dem Arm durch den Flur. „Für heute keine Termine mehr“, informierte sie Luzie, die der Chefin ganz konsterniert hinterher sah, wie diese aus der Tür verschwand. „Ich komme dann nächste Woche wieder“, verabschiedete ich mich. Luzie richtete sich kerzengerade in ihrem Drehsessel auf. „Hpp!“