Textilveredelung

18 06 2020

So schnell wie möglich – wenn Anne das sagte, musste es sich wirklich um einen Notfall handeln. Luzie empfing mich mit vollkommen verwirrter Miene. „Sie ist nicht mehr ansprechbar“, sagte die Bürovorsteherin. „Ich darf nicht einmal mehr Telefonate durchstellen.“ Es musste sich etwas sehr Ungewöhnliches ereignet haben.

Die Anwältin saß in sich zusammengesunken auf der Couch vor dem Fenster. „Ich habe alles versucht“, flüsterte sie, „buchstäblich alles, aber nichts hilft.“ Sie stand auf und kam ein paar Schritte auf mich zu. „Über eine juristische Klärung des Sachverhalts können wir später reden, aber ich weiß im Moment einfach nicht, was ich machen soll.“ „Gut“, antwortete ich, „dann sind wir schon zu zweit, und im Gegensatz zu Dir habe ich nicht einmal Ahnung, worum es sich handelt.“ Wortlos begann sie ihre Bluse aufzuknöpfen. „Darum!“

Das war überraschend. Sicher war Anne nur auf einer frisch gemähten Wiese eingeschlafen oder hatte ein bisschen Zeit in der Badewanne verbracht, angefüllt mit Spinat. Oder sie hatte Tango mit einem Marsmenschen getanzt. Jedenfalls war ihre Haut, so weit ich es sehen konnte, grün. Grasgrün. „Normalerweise passiert das im Schwimmbad mit blondiertem Haar“, mutmaßte ich, aber ich lag sehr weit daneben. Anne zog unter dem Sofakissen ein Stück Stoff hervor, in einem satten Pflanzenton. „Crêpe de Chine“, erklärte sie. „Quasi geschenkt, das heißt, ich musste es noch nicht einmal bezahlen, weil es für eine kleine Gefälligkeit war. Und jetzt das!“ Es handelte sich um einen blusenähnlichen Gegenstand mit weiten Ärmeln und einer aparten Knopfleiste am Rücken, der vom Schnitt perfekt zum Fleckenbild auf der Haut passte. „Und Du hast es nicht gemerkt?“ „Beim Ausziehen“, knurrte sie. „Und ich habe alles versucht. Duschen, Baden, Schaumbad, Duschbad, Kernseife, Schwamm, Wurzelbürste und Fön.“ „Fön?“ „Keine Ahnung, ich hatte so eine Idee, dass die Farbe eventuell nicht hitzebeständig sein könnte. Aber zu früh gefreut.“ Sie zeigte mir ein kleines Kärtchen, das mit dem Kleidungsstück geliefert worden war. Ich stutzte. „Breschkes Tochter?“ Anne seufzte. „Sie hatte mal wieder etwas aus Ostasien mitgebracht, es war meine Größe, und ich habe es sofort angezogen.“ Ich betrachtete das Etikett. „Es steht nichts darin, dass man es vor dem Tragen hätte waschen sollen, zumindest nicht in einer Sprache, die ich verstehen würde.“ Der Stoff hatte offensichtlich nicht unter der Farbabgabe gelitten. Was also tun? „Ich wollte Herrn Breschke sowieso noch einmal wegen der Sache mit der Grundstücksgrenze fragen“, erklärte ich, „das können wir doch gleich jetzt erledigen.“

Eine halbe Stunde später betraten die beiden die Kanzlei, der pensionierte Finanzbeamte und sein Bismarck, seines Zeichens der dümmste Dackel im weiten Umkreis, der auch hier seinem Herrn und Halter vornehmlich zwischen den Beinen umherlief und ihn in allerlei Schwierigkeiten brachte, da er dies natürlich im angeleinten Zustand tat. Hier aber blieb das Tier sofort wie angewurzelt stehen, richtete den Blick starr auf die unterste Schublade in Luzies Schreibtisch und schaute sie, Luzie nämlich, mit den dackeligsten Dackelaugen an, derer er fähig war. „Schokoladenkekse“, schloss ich, „unser vierbeiniger Freund hat seine Spürnase nicht verloren.“ „Das ist das Mittel“, erklärte Horst Breschke, indem er eine in Plastik gewickelte Papiertüte aus seiner Aktentasche zog. „Es wirkt sofort, und wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, ich würde es gar nicht glauben.“ Auch auf dieser Sprühdose waren Schriftzeichen ostasiatischer Provenienz zu lesen, und nur ein paar international gebräuchliche Symbole, die uns davon abhalten sollten, den Metallzylinder gewaltsam zu öffnen oder ins Feuer zu werfen, erinnerten an die Waren, die im heimischen Handel erhältlich sind. „Ich habe ordentlich mit ihr geschimpft, aber sie sagt, im Hotel in Indonesien nehmen sie es auch, und es ist möglicherweise nur abgelaufen, aber das heißt ja nicht, dass es noch funktionieren sollte.“

Ein kleiner Sprühstoß in die Luft erzeugte einen nicht unangenehmen Blumenduft, der für diese Art Raumerfrischer typisch war. Bismarck fiepte etwas indigniert; für eine Hundenase war dies Konzentrat aus künstlichen Blüten bestimmt eine Zumutung. „Probieren Sie es gerne aus“, sagte Herr Breschke und reichte Anne die Dose. „Wenn Sie durch meine Tochter zu Schaden gekommen sein sollten, dann ist es doch das Mindeste, dass ich Ihnen dieses Mittel zur Verfügung stelle.“ Noch war sie ein wenig skeptisch, aber dann gewann der Mut die Oberhand. „Was soll schon schiefgehen?“ Und sie schloss die Tür hinter sich.

Einen Augenblick lang war es still. „Das ist so eine Art Spray für Hotelräume?“ Luzie betrachtete die zweite Sprühdose. „Nein“, berichtigte Herr Breschke, „eigentlich ist es für Textilien gedacht, in den Hotels werden damit die Polster eingesprüht und Bettdecken und solche Sachen, und das wollte ich auch ausprobieren zu Hause.“ Es begann hörbar zu zischen. Anne musste sich gerade kräftig mit dem Dosenzeug einnebeln, der intensive Geruch nach einem ganzen Blumengarten kroch unter der Tür durch. „Leider waren die Kissen nicht nur sehr schnell sauber, nach ein paar Minuten waren die Bezüge auch strahlend weiß.“ „Großartig“, jubelte Luzie, „Ihre Frau wird sich aber gefreut haben!“ „Nun ja“, bekannte der alte Herr zerknirscht, „vorher waren sie orange und braun gemustert.“

Das Zischgeräusch war verstummt, da flog auch schon die Tür auf. „Großartig“, rief Anne mit rotem Kopf, „Herr Breschke, wenn ich Sie nicht hätte! Ich dachte schon, ich müsste jetzt wie ein Frosch durch die Gegend laufen, oder noch schlimmer: wenn das abgefärbt hätte!“ Ich ließ die Papiertüte diskret wieder in der Aktentasche verschwinden. „Leider war das auch die letzte Dose.“ Anne knüllte das grüne Stoffstück zusammen und warf es beherzt in den Papierkorb. „Aber das wird mir eine Lehre sein – nie wieder dieses obskure Zeug aus Fernost. Man weiß nie, was man sich da ins Haus holt!“