Kritik der öffentlichen Vernunft

22 06 2020

„Sofort wegkloppen. Nicht lange fackeln, das stellt eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit dar. Wenn wir unsere deutsche Geschichte jetzt durch alle im öffentlichen Raum vorhandenen Kunstwerke von den Makeln der Vergangenheit bereinigen können, dann sollten wir das auch machen. Keine Angst, die Geschichte wird Sie nicht verurteilen, hauen Sie diese Judensau weg.

Das wird gern vergessen, dass Karl Marx zu denen gehört, deshalb müssen wir sofort eingreifen. Kein Angriffspunkt, da haben die Typen aus Amiland schon recht, diese Denkmäler gehören sofort, unverzüglich aus dem öffentlichen Raum entfernt. Privat darf natürlich jeder seine eigenen Assoziationen haben, da gibt es noch keine gesetzliche Grundlage. Aber wir haben hier eben ein christliches Abendland, und wenn die Nazis aus der AfD, die noch nicht an der Regierung beteiligt sind und deshalb vorerst noch als Nazis behandelt werden müssen, also wenn die Nazi das im Namen ihrer konservativen Revolution in ein jüdisch-christliches Abendland umdeuten wollen, dann ist das natürlich klar, dass wir da als Demokraten sofort widersprechen. Nicht mit uns. Wir fordern, dass der öffentliche Raum frei bleibt von diesen extremistischen Forderungen.

Hier, Oskar-Maria-Graf-Straße – wen wollen die damit verarschen!? Das war ein Bäckergehilfe, der sich freiwillig durch eine demokratisch von den Deutschen gewählte Reichsregierung hat vertreiben lassen. Was meinen Sie, was das heute kosten würde, da kriegt der Reichs-, ich meine: da kriegt der Bundesinnenminister einen Schlaganfall. Das war noch nicht einmal eine Abschiebung nach geltender Gesetzeslage, und dann kriegt diese linke Sau dafür auch noch Straßenschilder? Es gibt so viele Heimatschriftsteller, die waren teilweise rein katholisch versippt, das war bei den Nazis auch nicht immer einfach, wenn Sie da einen Kardinal in der Familie hatten oder einen Papst, der zehn Jahre später mal was gemerkt hat, kann ja mal sein, und dieser vorsätzliche Emigrant, der Deutschland im Stich gelassen hat, soll auch noch durch einen Straßennamen geehrt werden? Wir sind hier doch nicht bei den Hottentotten!

Eine Plakette für Walter Ulbricht, nur weil diese rote Sau bis zur Flucht nach Moskau in diesem Viertel gehaust hat? Mein Güte, das kann man doch auch mit Ostalgie nicht mehr rechtfertigen! Leipzig ist eine besondere Stadt, die sind da alle nicht ganz dicht, wenn man unserem Innenminister glauben darf, aber ansonsten muss man die doch mal mit normalen Maßstäben beurteilen – Linksfaschisten, da lohnt sich keine Diskussion, und genau darum ist es so wichtig, dass wir unsere gemeinsame deutsche Diskussionsgrundlage beibehalten, die uns die historische Bewertung der DDR ermöglicht.

Schauen Sie, das ist doch das Schöne an diesem politischen System. Wenn Sie Probleme haben mit zu viel Toten durch Autobahnraserei, mit korrupten Abgeordneten, mit Nazis in der Bundeswehr, mit Nazis in der Polizei, überhaupt mit Nazis, wer ist denn dann schuld? Richtig, der Linksextremismus. Linksextremismus ist wie ein Einhorn, jeder hat schon mal ein Bild davon gesehen, also muss es ihn geben, weil sich so etwas ja keiner ausdenkt.

Wenn Sie den Linksextremismus und diese, ich möchte mal sagen, übertriebene Vaterlandsliebe mit nicht immer ganz legalem Schusswaffeneinsatz für die Ehre der Volksgemeinschaft vergleichen, dann ist Ihnen doch hoffentlich klar, dass die Deutschen, also die deutschblütigen Volksgenossen, seit der Invasion der ostischen Feindvölker sehr viel mehr unter den stalinistischen Untermenschen gelitten haben als durch die zivilisatorische Aufbauarbeit der westintegrierten Kulturnationen. Gucken Sie sich nur mal die Demografie an, seit 1949 sind doch im Osten Millionen Kulis verreckt. Das mag auch statistische Verzerrung sein, manche sind mit 70 schon tot, manche sterben an Altersschwäche oder an Krebs, aber das ist doch nur Augenwischerei. Hätte Stalin im Ostblock Bananen erlaubt, die wären im Schnitt alle ein Jahr später gestorben.

Und da setzt unser Ansatz der Bewältigung der Geschichte im öffentlichen Raum an, dass wir jetzt den öffentlichen Raum als öffentliche Geschichte ansehen. Hier zum Beispiel, Stralsunder Straße – das ist ein Wohnviertel, das gegen 1960 erschlossen wurde, und da befand sich Stralsund wo? Dieser heimliche Sozialismus-Kult, der DDR-Namen nutzt und Städte, die damals im offenen Widerspruch zur westlich-demokratischen Weltordnung standen, die werden wir auch in Zukunft nicht mehr dulden. Das ist für Sie hoffentlich kein Widerspruch mehr, denn sonst müssen wir wohl davon ausgehen, dass Sie zu den reaktionären Feinden unserer öffentlichen Grundordnung gehören. Sie wissen sehr gut aus der Geschichte der SBZ, dass es deren Ziel bis heute war und ist, das ideologiefreie Staatswesen durch Hetzpropaganda zu spalten, damit sich einzelne Bevölkerungsschichten trotz des allgemeinen in der Bevölkerung spürbaren Wirtschaftsaufschwungs… – Wo war ich? Erich-Mielke-Chaussee, haben Sie denn noch alle Latten am Zaun!? Das ist vielleicht Ihre Meinung, aber im Bundesministerium des Innern würden wir doch so ein organisatorisches Genie nie undifferenziert behandeln. Wir lieben doch alle! Wir setzen uns doch dafür ein!“