Herr und Hund

23 07 2020

Keiner weiß, was er denn hätte sagen wollen, wenn er denn hätte sprechen können. Aber er konnte es eben nicht, und vielleicht war das gut so. „Das wird jetzt langsam ein bisschen viel“, schnaufte Herr Breschke, indes Bismarck mit der ihm eigenen Mischung von Interesse und Misstrauen über die Wiese blickte und auf seinen Herrn, der beim Traben im Stand eine durchaus gute Figur machte.

„Sehr schön“, lobte die Trainerin. „Und unser vierbeiniger Freund macht jetzt auch mit?“ Was ihr an motivierendem Verhalten fehlte, das glich Ilse Schwabach-Wildhausen durch Zweckoptimismus aus. Zackig riss sie die Knie hoch, die anderen Damen und Herren folgten mehr oder weniger ihrem Vorbild; die meisten mehr weniger. Als nicht beteiligter Beobachter hüpfte ich ein bisschen mit, auch wenn mir gerade kein Hund zur Verfügung stand, wobei das auch auf den alten Herrn zutraf. Seiner lag recht entspannt auf dem Rasen und sah keinen Grund, das zu ändern. „Und wir nehmen nun die Leine auf“, verkündete Frau Schwabach-Wildhausen, „und dann rund im Uhrzeigersinn!“ Sinn und Zweck dieser Partnerübung sollte darin bestehen, mit dem Begleiter in lockererer Rundung und leichten Schrittes über den Platz zu spurten. Im Falle dieses Dackels, der die Leine allenfalls als ein Mittel betrachtete, um seinem Herrn daran zwischen den Beinen herumzulaufen, gestaltet sich das schwierig. Horst Breschke umrundete nun den Hund, der sich partout nicht einmal drehen wollte, so dass ein Großteil der Übung darin bestand, die Leine um Bismarck zu führen. Immerhin hatte dies etwas Graziles, man konnte es nicht anders sagen.

„Meine Frau meinte, wir könnten beide mal ein bisschen Sport vertragen.“ Schnaufend hoppelte der pensionierte Finanzbeamte um den Vierbeiner, stets darauf achtend, sich auf dem hügeligen Rasen nicht zu verstolpern. „Sehr schön“, lobte die Trainerin einmal mehr, „aber er muss auch mitmachen. Das wird schon!“ „Machen Sie mal weiter“, keuchte er. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Bismarck machte seinem Ruf als dümmster Dackel im weiten Umkreis alle Ehre; allerdings war auch seine Friedfertigkeit bekannt, und er ließ sich ohne zu murren von mir umhüpfen. „Wahrscheinlich ist ihm das Lob der Dame genug Bestätigung“, mutmaßte ich. „Sobald sie sein sportliches Liegen sehr schön findet, guckt er zufrieden.“ Ein weiteres Lob der Trainerin nährte meinen Verdacht. Dieser offene Herr-und-Hund-Nachmittag vom Tiersportverein offenbarte seine pädagogischen Schwächen.

Die anderen gemischten Doppel hatten sichtlich Spaß an diesem Manöver. Vor allem eine junge Dame mit zwei Pudeln stampfte geradezu ätherisch übers Grün; es sah von Weitem ein wenig aus wie ein ägyptischer Streitwagen. Herr Breschke ließ sich nicht beirren. „Das ist etwas für junge Leute“, knurrte er. „Außerdem sehe ich nicht, dass sich mein Bismarck sonderlich beeindrucken lässt von diesem Firlefanz.“ „Es soll ja nachher noch einen netten Umtrunk geben“, tröstete ich ihn. „Das ist zwar auch nicht figurfreundlich, aber wenigstens findet der Tag damit noch einen netten Abschluss.“

„Und aus“, krähte die Trainerin. „Und für die nächste Übung nehmen wir unser Schatzi einmal auf den Arm.“ Sie griff sich einen der Pudel, der sie verdutzt anguckte und zu winseln begann. „Und dann Knie – beugt, und Knie – beugt, und…“ Sie hob nun den widerspenstigen Hund auf und nieder, was einigen anderen, namentlich einer älteren Dame mit einem Chihuahua, deutlich eleganter von der Hand ging. „Schäferhunde sind manchmal von Nachteil“, kicherte Breschke, und ich konnte ihm nicht widersprechen. „Wollen Sie es denn nicht wenigstens einmal versuchen“, näherte sich Ilse Schwabach-Wildhausen dem Widerspenstigen. Was auch immer sie sich dabei gedacht haben musste, sie griff Bismarck unter den Bauch und wollte ihn zur Turnübung stemmen, doch sie hatte ihn gehörig unterschätzt. Mit einem einzigen ansatzlos aus der Tiefe des Leibes ausgestoßenen Bellen stieß er sich von der erschrocken aufschreienden Leiterin ab und sprang wieder auf den Rasen. Fast wäre sie auf mich gefallen. „Sie wissen schon“, sagte ich ganz beiläufig, „dass er beißt?“ „Machen Sie gefälligst Ihre Kniebeugen“, zischte sie. „Ich lasse mir doch von Ihnen nicht meine Autorität untergraben!“ „Ich wusste gar nicht, dass Sie so gut mit Hunden umgehen können.“ Herr Breschke stemmte die Fäuste in die Hüften, und Frau Schwabach-Wildhausen sagte zur Vorsicht gar nichts mehr.

Die nächste Übung bestand aus einer Art Yoga mit Grundkontakt, wobei die meisten Hunde nicht verstanden, dass sie unter ihren liegestützenden Herrchen hindurchkrabbeln sollten. Manche von ihnen wälzten sich im Gras, einige schnupperten eifrig an der Bezugsperson, aber so recht wollte das nirgends gelingen. „Sie können ja so eine Brücke machen“, schlug Breschke vor, „und ich lasse dann Bismarck unten durch laufen.“ Doch so weit kam es nicht. An der Seite hatte der Vereinswart einen kleinen Kugelgrill angefeuert, ein Kasten Limonade nebst einer Batterie Pappbecher stand daneben. Während die Kohle vor sich hin glomm, war er ins Gerätehaus verschwunden und kam nun mit einer Blechplatte zurück, auf der drei Dutzend Würste lagen. Doch kaum hatte er die Rasenkante erreicht, stieß er mit dem Fuß auf einen Widerstand – das Tablett schlingerte, in hohem Bogen flog eine Wurst empor. Sie war noch nicht auf dem Boden aufgekommen, als Bismarck schon wie ein Blitz über den Grund schoss, eine Emanation von Kraft und Geschmeidigkeit, sich die Wurst schnappte und mit ihr im Gebüsch verschwand. Wer andere Hunde noch nie verwirrt hatte blicken sehen, hier bot sich die Gelegenheit. „Sehr gut“, sagte Herr Breschke. „Wie Sie sehen, wenn es darauf ankommt, sind wir immer noch ganz schön fit.“


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