Dichterleben

9 08 2020

Mir träumte jüngst, mein Ruhm als großer Dichter
sei weit im Volk verbreitet und so groß,
dass aller schönen Künste strengste Richter
mein Werk befunden rein und tadellos.

Ich sollte etwas wünschen. Nun, ich tat es,
und wünschte mir, ich stünd im Lesebuch.
Wohl ohne den Verstand des weisen Rates
entwickelte der Wunsch sich rasch zum Fluch.

Schon lernten meine Verse alle Kinder
und leierten die Reime fleißig ab.
Mein Glanz schwoll an, mein Ansehen nicht minder,
auch flossen die Tantiemen nicht zu knapp.

Natürlich hatte irgendein Minister
ein ganz besonders fades Werk gewählt.
Das liest ein Mensch, dann stutzt er, dann vergisst er,
bevor er sich mit noch mehr Lyrik quält.

Es ging recht schnell, dass Ruhm und Glanz erblassten.
Mein Stern erlosch. Die Meisterschaft verblich.
Inzwischen war ich von den Meistgehassten,
die dichten, eine Klasse ganz für mich.

Schon lästerten die klugen Professoren,
dass außer des Gedichts, das man hier lernt,
kein guter Reim kam einem je zu Ohren.
Man wünscht mich aus den Büchern rasch entfernt.

Ich fristete ein Leben, war gerichtet,
ein Klassiker wie Goethe, tot und grau.
Das Urteil hat mich endgültig vernichtet.
Der Wunsch war alles andere als schlau.

Doch eines stimmt mich immerhin noch heiter:
packt man mit einer Zeile sie am Schopf,
so leiern sie den Rest der Verse weiter.
Die kleben allen ewig noch im Kopf.