Gefahrengebiet

13 08 2020

„Die haben sich schon beschwert.“ „Dass Scholz den Kandidaten gibt?“ „Wer beschwert sich denn da?“ „Wollten die nicht einen Rechtskonservativen als Kanzler?“ „Es ging wohl mehr darum, dass er mit den Linken koaliert.“ „Gut, das ist natürlich einsehbar, zumindest für die Wirtschaft.“

„Erwarten die jetzt den Kommunismus?“ „Erst mal wird der Sozialismus durchgesetzt.“ „Bestimmt mit Hilfe der Bundespolizei.“ „Und dann wird ganz Deutschland ein einziges Arbeitslager?“ „Wenn ich die Wirtschaft bisher richtig verstanden habe, dann finden die gerade das nicht ganz schlecht.“ „Dann sollte Scholz als Vertreter der Agenda doch keine Gefahr für die Wirtschaft darstellen.“ „Denen geht es möglicherweise um den Lagerwahlkampf.“ „Also einen Wahlkampf, in dem der Kandidat den Wählern verspricht, von denen auch die Wähler vorher schon wissen, dass sie der Kandidat nicht ernst meint und nichts davon umsetzen wird?“ „Das kann aber die Börsenkurse in Aufruhr bringen.“ „Weil ein Politiker sich ausnahmsweise mal als verlässlich erweist?“ „Das ist eine Gefahr für die Wirtschaft.“ „Dann verstehe ich auch, warum die FDP bei denen so beliebt ist.“

„Aber mal ernsthaft, war denn Scholz bisher nicht zuverlässig genug?“ „Immerhin hat er alles getan, um den Warburg-Skandal nicht aufklären zu müssen.“ „Und die Finanztransaktionssteuer, die nur das Geld nach oben umverteilt, war auch keine Überraschung.“ „Möglicherweise wird er sich als Bundeskanzler verändern und plötzlich geradezu bürgerfreundlich.“ „Weil die Linken ihm keine andere Wahl lassen?“ „Für die geht es ja auch ums Überleben.“ „Verstehe, deshalb wollen sie den Garant der rechten, arbeitnehmerfeindlichen Politik als Kanzler, damit man ihnen die Position einer bürgernahen, sozialen Fortschrittspartei abnimmt – im Gegensatz zur SPD.“

„Vielleicht wäre es besser, wenn Scholz gleich für die CDU antreten würde.“ „Inhaltlich würde das sogar hinhauen.“ „Und die Union hat dann endlich diese geistesgestörten Kampfhähne von der Backe, die genau wissen, dass Söder sie von der Klippe husten könnte, wenn er nur wollte.“ „Wobei die Kanzlerin die CDU so weit sozialdemokratisiert hat, dass sie einen Betonschädel wie Scholz sofort wieder rausschmeißt.“ „Auch wieder wahr.“ „Und deshalb nimmt die SPD jetzt die personifizierte Anspruchslosigkeit als Kanzlerkandidaten, damit sie hinterher sagen kann, sie sei wenigstens ihrem politischen Profil treu geblieben?“ „Was ist daran falsch?“ „Alles.“ „Ja, jetzt, wo Sie es sagen…“

„Kann es nicht trotzdem sein, dass er der beste Kandidat ist, weil er von der gesamten Konkurrenz so heftig abgelehnt wird?“ „Dahinter scheint wohl eher die Furcht zu stecken, dass er sich mit den Linken ein revolutionäres Programm gibt und dann die ganze Gesellschaft umkrempelt.“ „Also mit einem echten Mietendeckel, höherem Mindestlohn und einem Arbeitsminister, der nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit sagt, dass er die Verfassung für überflüssig hält?“ „Dann wäre die ganze Politik ein einziges Gefahrengebiet.“ „Damit kennt er sich immerhin schon aus.“ „Vielleicht befürchten die auch, dass die Linken Deutschland in Schutt und Asche legen, sobald Scholz sie von der Leine lässt.“ „Das dürfte kein Problem sein, der Wiederaufbau wäre eine Steigerung des Bruttoinlandsproduktes in ungeahnte Höhen.“ „Dann habe ich jetzt endlich kapiert, warum alle für die Erderwärmung sind.“

„Aber das heißt jetzt nicht, dass er sich auch für eine Vermögenssteuer oder eine Erbschaftssteuer aussprechen wird?“ „Kommt darauf an.“ „Worauf?“ „Ob er das vor der Wahl sagt oder danach.“ „Dann kann er nach der Wahl natürlich keine Koalition mit den Linken hinkriegen.“ „Will er vielleicht ja auch gar nicht.“ „Als GroKo-Fortsetzung würde das noch durchgehen.“ „Da wäre es dann allerdings auch egal, was er vor der Wahl versprochen hat.“ „In der nächsten GroKo wäre es auch völlig egal, was er nach der Wahl verspricht.“ „Jedenfalls dann, wenn er es als Kanzler versprechen will.“ „Er kann ja vor der Wahl versprechen, dass er nicht Kanzler werden will.“ „Damit er seine Wahlversprechen nicht brechen muss?“ „Das wäre dann allerdings das Gegenteil von Verlässlichkeit.“

„Das heißt, jetzt müsste die SPD nur noch wie immer links blinken und dann rechts überholen, um glaubwürdig zu sein?“ „So hat die Wirtschaft sich das wohl gedacht.“ „Aber dann wird es nichts mit einem Linksbündnis.“ „Das macht die SPD ja so verlässlich.“ „Dann muss nur noch ein Ergebnis deutlich über zwanzig Prozent…“ „Ich weiß jetzt nicht genau, wie realistisch das ist, aber eher kommt der Sozialismus als die SPD wieder zurück in den Bereich über zwanzig Prozent.“ „Wenn der Sozialismus zurückkehrt, gibt es wenigstens keine Schwierigkeiten, mit den Linken zu koalieren.“ „Falls die mit Scholz überhaupt koalieren wollen.“ „Hat da überhaupt mal einer nachgefragt?“ „Keine Ahnung, die werden bestimmt auf den Tag nach der Wahl warten, wenn alle Ergebnisse gründlich analysiert und besprochen worden sind, auch hinsichtlich der Zukunftsfähigkeit aller möglichen Koalitionen und ihrer Stabilität, Wahlprogramme in einer ganzen Legislatur zu realisieren.“ „Das wird aber letztlich vom designierten Kanzler abhängen, den Linken Koalitionsgespräche anzubieten.“ „Dann ist Scholz ja fein raus.“ „Wieso?“ „Seit wann tritt der für die Grünen an?“